So, 24. Juni 2018

Mullahs vs. Gmail

01.10.2012 10:30

Iran weckt mit Google-Sperre Volkszorn

Die Aufregung um den US-Amateurfilm "Unschuld der Muslime" hat das iranische Mullah-Regime Anfang letzter Woche geschickt für einen weiteren Schritt in seinem perfiden Kampf um ein "sauberes" Internet genutzt. Der Zugang zu den Google-Services YouTube (Videos) und Gmail (E-Mail) wurde gekappt. Bürger, Unternehmen, Zeitungsredaktionen und Dutzende Abgeordnete des iranischen Parlaments hatten plötzlich keinen Zugriff auf ihre Postfächer. Im Parlament will man sich das nicht bieten lassen und zitiert den zuständigen Minister vor das Plenum.

Es gebe "einige Probleme" wegen der Gmail-Blockade, wird der Vorsitzende des parlamentarischen Industrie-Ausschusses, Hussein Garrousi, in einer unabhängigen iranischen Zeitung zitiert. Darunter heißt es im Klartext: Dutzende Abgeordnete der "Majlis", die "Islamische Versammlung" des Gottesstaates, sind sauer, weil sie keinen Zugriff auf ihre elektronische Post mehr haben. Offenbar haben viele iranische Parlamentarier kein Problem damit, ihre Mails bei dem US-amerikanischen "Spionage-Instrument", wie das Regime Google immer wieder bezeichnet, zu horten.

Abgeordnete wollen ihr Gmail zurück
Bei der nächsten Sitzung soll darum der Telekommunikationsminister den Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Sie wollen von ihm erklärt haben, warum als Reaktion auf das Mohammed-Video auch der Gmail-Zugang gesperrt wurde, und eine Aufhebung der Sperre fordern.

Sogar regierungstreue Zeitungen veröffentlichten nach der Google-Blockade kritische Kommentare. Es heißt, auch in den iranischen Redaktionen setze man lieber auf ausländische Mail-Services wie Google, um Abhörangriffe des Regimes zu erschweren. Den Zugriff auf Googles Hauptangebot, die Internetsuche, hat die Regierung übrigens noch nicht blockiert. Durch die Internetfilter ist der Zugriff auf "un-islamische" Websites aber ohnehin nicht möglich.

Laut einem iranischen Wochenmagazin haben Irans Bürger allein im September umgerechnet mehr als vier Millionen Euro für sogenannte "Proxy-Services" ausgegeben. Dabei werden die Internet-Filter umgangen, indem man sich zu einem erlaubten Server hinter der virtuellen Barriere verbindet, der dann mit seiner eigenen Adresse die verbotenen Verbindungen ermöglicht. Websites wie Facebook oder US-Medien wie die "New York Times" sowie der Rest der über fünf Millionen im Iran gesperrten Websites sind dann wieder erreichbar.

Vize-Minister: "Nicht jeder kann Mercedes fahren"
Das iranische Regime versucht schon seit Jahren, den westlichen Einfluss auf seine Bürger durch das Internet zu unterbinden. Der Masterplan sieht die totale Kontrolle des Internets durch eine eigene iranische Infrastruktur und amtliche Software vor. Der stellvertretende Leiter des Telekommunikationsministeriums, Ali Hakim Javadi, erklärte am Wochenende vor iranischen Reportern dennoch, die Behörden würden eine Aufhebung der Gmail-Sperre prüfen.

Gleichzeitig kündigte er die baldige Einführung der hausgemachten iranischen Google-Alternativen "Fajr" und "Fakhr" an, ein E-Mail-Provider und eine Suchmaschine genannt "Hochmut" und "Anbruch". Auf die Frage, ob diese qualitativ mit Google und Co. mithalten könnten, meinte Javadi: "Wenn Sie einen Mercedes-Benz auf der Straße sehen, heißt das nicht, dass jeder Mercedes fahren kann."

Internet im Iran: Langsam, überwacht und teuer
Der Iran gibt die Zahl seiner Internetbenutzer offizielll mit 32 Millionen, fast die Hälfte seiner Bevölkerung, an. Schätzungen zufolge sollen rund 17 Millionen Iraner ein Facebook-Profil haben. Neue Provider müssen um eine Genehmigung beim seit März etablierten "Obersten Rat für den virtuellen Raum" ansuchen und Zensur- und Überwachungssoftware implementieren. Jeder Internetnutzer muss bei der Anmeldung seines Anschlusses eine Erklärung unterschreiben, mit der er verspricht, keine "nicht-islamischen" Websites zu besuchen.

Die Geschwindigkeiten für herkömmliche Haushalte sind auf teils deutlich unter 1 Mbit/s beschränkt, auch gibt es monatliche Downloadlimits von durchschnittlich einem Gigabyte. Unlimitierte High-Speed-Anschlüsse für Unternehmen kosten bis zu umgerechnet 350 Euro pro Monat. Zum Vergleich: Ein unbeschränkter Breitbandanschluss mit Downloadgeschwindigkeiten von 16 Mbit/s und mehr ist in Österreich für monatlich rund 20 Euro zu haben.

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