So, 23. September 2018

Bericht schockiert

10.09.2011 11:59

Drogenabhängige produzieren Blut-Cashews in Vietnam

Zuerst waren es Blutdiamanten aus dem Kongo, dann Blutrubine aus Burma und jetzt Blut-Cashews aus Vietnam. Cashewnüsse werden dort in Zwangsarbeitslagern von Drogenabhängigen unter schockierenden Bedingungen produziert, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) nun aufgedeckt hat. Der Bericht könnte auch ausländische Unternehmen in Verlegenheit bringen: Vietnam ist der weltweit größte Exporteur von verarbeiteten Cashewnüssen.

Unter dem Titel "Das Rehab-Archipel" hat HRW einen 127-Seiten starken Bericht veröffentlicht, der nicht nur der vietnamesischen Regierung, sondern auch den Top-Anbietern von Cashewnüssen in den USA, China und der Europäischen Union sauer aufstoßen dürfte – sie sind die größten Abnehmer des Landes.

Zehntausende schuften in Zwangsarbeitslagern
Rund 40.000 Menschen sind in Vietnam in 123 Verwahrungseinrichtungen für Drogenabhängige untergebracht, darunter auch Frauen und Jugendliche. Die meisten müssen eine sogenannte Arbeitstherapie absolvieren. Sie verrichten dabei über lange Zeiträume hinweg niedrige Arbeit, etwa in der Landwirtschaft, in der Herstellung von Kleidungsstücken, von Einkaufstaschen oder von Produkten aus Holz, Plastik, Bambus und Rattan - und eben auch in der Verarbeitung von Cashewnüssen.

Was in diesen Einrichtungen geschehe, stelle nach dem Völkerrecht Folter dar, prangert Joseph Amon, Leiter der Abteilung Gesundheit und Menschenrechte von Human Rights Watch, die Zustände an. Für die Drogen-Häftlinge sei die Cashew-Verarbeitung kaum therapeutisch, so das Urteil von HRW.

Blutige Arbeit ohne Bezahlung
Sie verbringen sechs bis zehn Stunden am Tag mit dem Schälen und Häuten der Nüsse. Es ist düstere und ungesunde Arbeit, das Cashew-Öl ist ätzend. "Ich habe drei Jahre lang Cashews geschält. Die Flüssigkeit aus den Kernen hat meine Haut verbrannt", sagt ein ehemaliger Häftling.

Einige Insassen arbeiten zudem jahrelang ohne Bezahlung. Andere erhalten einen Bruchteil des Mindestlohns, von dem Kosten für Verpflegung, Unterkunft und sogenannte Management-Gebühren abgezogen werden. Einige Familien von Häftlingen müssen zum Ende der Haftzeit angebliche Schulden an die Einrichtungsleitung zurückzahlen, so der HRW-Bericht.

Elektroschocks und Isolationshaft
Wer die Arbeit verweigere, werde mit Knüppeln geschlagen, mit Elektroschocks behandelt und lande in Isolationshaft, wie dem Bericht weiter zu entnehmen ist. Den Häftlingen Nahrung und Wasser vorzuenthalten, sei ebenfalls Teil der Bestrafungspraxis.

Das Zwangsarbeiter-System wurde in den letzten zehn Jahren immens ausgebaut, 2000 gab es lediglich 56 solcher Verwahrungseinrichtungen. Drogenkonsumenten verbringen dort auf Anordnung der Polizei und lokaler Behörden in der Regel zwei Jahre - meist ohne richterliche Aufsicht. HRW befragte 34 Personen in 14 Zentren. Keiner von ihnen hatte vor oder während seiner Inhaftierung einen Anwalt, Richter oder ein Gericht zu Gesicht bekommen.

"Therapie" wird oft um Jahre verlängert
Und wenn die "Therapie" vorbei ist, wird der Aufenthalt der Drogen-Häftlinge in der Regel für weitere zwei oder drei Jahre verlängert - "Post-Rehabilitations-Management" nennt sich diese Maßnahme. Ein ehemaliger Häftling, der bei einem Fluchtversuch - sein Aufenthalt sollte nach zwei Jahren "verlängert" werden - gefasst wurde, beschreibt seine Bestrafung: "Als Erstes haben sie mir auf die Beine geschlagen, damit ich nicht noch einmal weglaufen konnte. Dann haben sie mir mit einem Elektroschockgerät Stromschläge versetzt und mich einen Monat lang in eine Isolationszelle gesperrt."

Die US-Botschaft in Hanoi bestätigte die Zwangsarbeit verurteilter Gefangener und Drogenkonsumenten in einer von WikiLeaks veröffentlichten diplomatischen Depesche aus dem Jahr 2008. Die Praxis, so heißt es darin, sei aber nicht weit verbreitet und stelle nur einen unbedeutenden Teil (weniger als 0,3 Prozent) der Cashew-Industrie Vietnams dar. Aber die Praxis könnte weiter verbreitet sein, als die US-Vertreter glauben.

Vietnam importiert 450.000 Tonnen Cashews
Die Diplomaten beziehen sich nämlich nur auf die Kultivierung von Cashew-Bäumen, wie "Time" in einem Bericht über die Zwangsarbeiter-Situation in Vietnam schreibt. Es beinhalte nicht die Cashew-Verarbeitung, die in mindestens 15 Zentren des Landes laufen würde, sagen ehemalige Häftlinge, die von HRW interviewt wurden.

Zudem berücksichtige die US-Depesche nicht die Tatsache, dass Vietnam weitaus mehr Cashews importiere, als in dem Land wachsen würden. Bis Ende 2011 wird es rund 450.000 Tonnen Roh-Cashews importieren, meist aus Afrika, schätzt die "Vietnam Cashew Association" (VINACAS).

Produzentenverband leugnet Anschuldigungen
VINACAS-Mitglieder hätten aber noch nie Drogen-Häftlinge als Arbeitskräfte eingesetzt, betont Dang Hoang Giang, der Generalsekretär des Verbandes. Er spricht von falschen Anschuldigungen: "Vietnam ist der weltweit größte Cashewnuss-Exporteur und manche Leute mögen das nicht." Giang lud nun sogar ausländische Medien ein, sich ein Bild davon zu machen, wie Unternehmen ihre Nüsse verarbeiten. Die Regierung in Hoh Chi Minh City hat hingegen noch nicht auf den HRW-Bericht reagiert.

Genaue Prüfung der Lieferketten erforderlich
"Wenn Cashew-Importeure sicherstellen wollen, dass ihre Lieferketten nicht mit Zwangsarbeit und Missbrauch verdorben werden, müssen sie sehr genau prüfen, wo sie ihre Produkte beziehen", so die Aufforderung Amons an die internationalen Firmen. Und die vietnamesische Regierung müsse diese Einrichtungen sofort schließen und ihre Insassen freilassen.

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