19.02.2022 03:00 |

Biathlon-Analyse

Unter Legende Groß ging es steil nach unten

Österreichs Biathlon-Herren gingen bei den Olympischen Spielen in Peking leer aus und blieben damit erstmals seit 2006 ohne Edelmetall. Nach einer bislang ohnedies verkorksten Saison gerät Trainer Ricco Groß in die Kritik. Eine „Krone“-Analyse der Ära des Deutschen.

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„Wir wollten natürlich um die Medaillen mitkämpfen, das haben wir leider nicht geschafft. Man sollte sich aber auch über Top-Ten-Ergebnisse freuen“, meinte Ricco Groß, Trainer der Biathlon-Herren, im „ORF“-Interview nach dem Olympia-Massenstart der Herren.

Der Deutsche versucht damit eine völlig enttäuschende Saison zu beschönigen. Dabei ist dringend eine knallharte Analyse notwendig, denn die rot-weiß-roten Loipenjäger liefen nicht nur im Weltcup viel zu oft hinterher, sondern auch bei den Winterspielen in Zhangjiakou, rund 100 Kilometer nordwestlich der chinesischen Hauptstadt Peking. Routinier Simon Eder sorgte mit dem siebenten Platz im letzten Rennen, dem Massenstart, für das Highlight aus Männer-Sicht. Ein weiteres steuerte Felix Leitner bei, als er in der Verfolgung vom 46. auf den zehnten Platz nach vorne stürmte.

Für eine Nation, die 2010 in Vancouver (zwei Medaillen), 2014 in Sotschi (zwei) und 2018 in Pyeongchang (eine) mit Edelmetall bei Olympia dekoriert wurde und sich zu den besten Teams der Welt zählen will, war das viel zu wenig. Dabei hätte Groß die Mannschaft zu neuen Höhen führen sollen. Als der Deutsche 2018 übernahm, war eines der großen Ziele, im Nationencup zurück in die Top 5 zu kehren, denn zuvor war man als Sechster aus diesem elitären Kreis rausgefallen und hatte dadurch einen Startplatz im Weltcup (nur noch fünf statt maximal sechs) verloren.

Anfänglichem Aufschwung folgte der Absturz
Die Rückgewinnung des sechsten Mannes sollte zunächst gelingen. Sowohl 2018/19, als auch in der Folgesaison landeten die von Groß verantworteten Herren auf dem fünften Platz. Ein echter Trend nach oben war zwar nicht zu erkennen, da man ab 2012/13 mit eben der Ausnahme der Pyeongchang-Saison stets in den Top-5 war, die Vorgabe hatte er aber erfüllt.

Das sollte sich 2020/21 ändern, als die Mannschaft auf die siebente Position abrutschte. Was kaum für möglich gehalten wurde, trat in diesem Winter ein: Österreich sackte noch einmal ab und findet sich nur noch auf Rang neun wieder. So schlecht waren die Biathleten in diesem Jahrtausend überhaupt noch nie! „Es ist ein Auftrag, dass wir uns verbessern, dass wir schauen, eine größere Qualität zu kriegen“, forderte ÖSV-Biathlonchef Franz Berger. „Wir müssen den Anschluss wiederfinden, damit unser Ziel, Platz fünf im Nationencup, wieder rausschaut.“

Aktuell ist dieses meilenweit entfernt und es macht auch nicht den Anschein, als würde sich das allzu rasch wieder ändern. Berger betonte zwar, dass mit Julian Eberhard ein Leistungsträger verletzungsbedingt ausfiel, was selbstverständlich stimmt, doch seine besten Jahre hatte der Salzburger nicht unter Groß, sondern schon davor zwischen 2016 und 2018, als Reinhard Gösweiner das Team trainierte.

Generell bauten die Loipenjäger unter Groß massiv ab. Das spiegelt sich nicht nur in der Nationenwertung, sondern auch bei einem genaueren Blick auf die Einzelergebnisse wider. Unter der Führung des einstigen Weltklasse-Biathleten gelang Österreichs Männern nicht ein einziger Sieg in knapp vier Jahren!

Landertingers Medaille kaschierte vieles
Was sind daher die Errungenschaften unter Groß? „Bis letztes Jahr haben wir Medaillen gemacht“, hält Berger fest. „Nach Olympia mit Julian (Eberhard) und (Dominik) Landertinger. Letztes Jahr in der Mixed-Staffel.“ Damit hat der Tiroler natürlich Recht, Landertingers Bronzene in Antholz 2020 war aber auch zugleich der einzige Podestplatz des ganzen Winters und kaschierte vieles. Generell ist die Stockerlausbeute der letzten vier Jahre äußerst mager.

Auf drei in Groß‘ Debütsaison in Diensten des Österreichischen Skiverbandes - hier ist WM-Bronze durch Eberhard bereits inkludiert - gelang in den letzten beiden nur noch jeweils ein Podestplatz, aktuell noch gar keiner. Es kommt aber noch schlimmer: Die Zahl der Top-10-Ergebnisse ist ebenfalls stark rückläufig. Waren es 2018/19 noch starke 25, so sind es im laufenden Winter, der natürlich noch drei Weltcupstationen ausständig hat, gerade einmal drei! Im 21. Jahrhundert bilanzierte Österreich nie schlechter als mit zehn - und auch dieser Wert stammt aus der „Ära Groß“ (2019/20).

Zu den Hauptaufgaben des 51-Jährigen zählte außerdem, eine junge Mannschaft aufzubauen und die Erben eines Christoph Sumann, Dominik Landertinger oder Simon Eder an die Weltspitze heranzuführen. Eder läuft zum Glück immer noch und ist mit bald 39 Jahren auch weiterhin der beste Österreicher im Weltcup. Der einzige Junge, der konstant in der (erweiterten) Weltklasse mitmischt, ist Felix Leitner. Der 25-Jährige galt schon lange vor Groß‘ Engagement hierzulande als Ausnahmetalent und gewann nicht von ungefähr dreimal Gold bei Jugend- und Juniorenweltmeisterschaften.

Schritt für die jüngeren Athleten (noch) zu groß
Dahinter klafft indes eine gewaltige Lücke, die in den letzten Jahren niemand zu füllen vermochte. David Komatz ließ im vergangenen Winter als Gesamtweltcup-32. sein Potenzial einige Male aufblitzen, mit 30 Jahren ist er der Kategorie Talent allerdings auch schon einige Zeit entwachsen. Dasselbe gilt für Harald Lemmerer, der zudem mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Wo sind also die Jungen, die Groß nach oben bringen sollte?

Patrick Jakob bekam in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche Chancen, sich auf höchster Ebene mit den Besten der Welt zu messen. Nur ein einziges Mal gelang ihm der Sprung unter die Top-40, ansonsten klassierte er sich stets außerhalb der Top-70. Ein klares Zeichen dafür, dass ihm dieser Schritt noch zu groß ist.

Für das Selbstvertrauen eines Athleten seines Alters, der Pillerseetaler ist 25, sind solche Ergebnisse natürlich wenig förderlich. Chancen bekamen auch Lucas Pitzer (23) oder Magnus Oberhauser (23), Weltcuppunkte waren ihnen noch keine vergönnt.

Leitners Kritik kam nicht von ungefähr
In Peking sorgte indes Felix Leitner mit seiner Kritik am Material - tags darauf sollte er zurückrudern - für Aufsehen und Schlagzeilen. Groß hielt sich zunächst auffällig zurück. Als er direkt darauf angesprochen wurde, erklärte er den großen Rückstand Leitners mit möglichen taktischen Schwächen des Tirolers. Dieser habe eventuell auf leichten Bergabpassagen das falsche Tempo gewählt. Diverse Experten mussten angesichts dieser Aussage schmunzeln. Fakt ist, dass die nackten Zahlen Leitners erste These mehr als stützen. Betrachtet man sämtliche Einzelrennen dieser Saison und rechnet den Rückstand zum Schnellsten in der Loipe heraus, so hatte der 25-Jährige seine drei schlechtesten Tage in dieser Saison just in Zhangjiakou bei den Olympischen Spielen.

Das könnte man noch mit einem Formtief begründen. Leitners unglaubliche Aufholjagd im Verfolger - er lief von Rang 46 auf zehn - spricht allerdings klar gegen diese These, dafür für jene mit Materialproblemen. Natürlich kann der Wind eine Rolle spielen, reagiert jeder Körper unterschiedlich auf die Höhenlage (rund 1700 Meter) und spielt der Rennverlauf eine Rolle. So ist es einfacher, wenn man in einer Gruppe läuft und den Windschatten nutzen kann, als wenn man eine ganze Runde alleine abspulen muss.

Zu einhundert Prozent entkräften kann man eine solche Argumentation auch nicht, weil dazu schlicht und einfach die genauen Daten fehlen. Es ist dennoch möglich, diese Sichtweise deutlich zu entschärfen. Denn rein zufällig zeigt sich bei Simon Eder ein ähnliches Bild. Drei seiner vier schlechtesten Einzelrennen, wiederum gemessen am prozentualen Rückstand auf den schnellsten Läufer, musste er im Reich der Mitte hinnehmen. Zufall? Wohl kaum. Vielmehr wäre es angebracht gewesen, sich die Worte Leitners zu Herzen zu nehmen, Fehler einzugestehen und gemeinsam zu versuchen, diese künftig zu vermeiden.

Dritte Nullnummer für Groß bei Olympia
Trotz aller Rückschläge, eigenwilliger Erklärungen und sportliche Rückschritte ist Berger der Überzeugung: „Groß ist ein guter Trainer, absolut. Er hat eine Riesenerfahrung, war Olympiasieger und Weltmeister.“ Das stimmt, bezieht sich aber auf seine Athletenkarriere. Groß gewann mit der deutschen Staffel viermal Gold und einmal Silber bei Winterspielen, als Solist durfte er sich über zweimal Silber und einmal Bronze freuen.

Als Trainer konnte er bislang nicht an diese Erfolge anschließen. 2014 verantwortete er die Leistungen der deutschen Damen in Sotschi. Die Ausbeute? Null Medaillen, in den Einzelbewerben gab es keinen Top-10-Platz. Vier Jahre später reiste er als russischer Herrencheftrainer nach Pyeongchang und musste dort aufgrund des Dopingskandals vier Jahre zuvor einige Athleten vorgeben. Am Ende stand wiederum die Null für Groß‘ Schützlinge.

Mit Österreich widerfuhr ihm dieses Schicksal nun ein drittes Mal. Es ist ein Hattrick, den er und das gesamte rot-weiß-rote Team vermeiden wollten. Logischerweise stellt sich nun die Frage, ob Veränderungen nötig sind, um das Team wieder nach vorne zu bringen? „Da bin ich eher skeptisch“, meinte Berger. „Wir werden diese Saison fertigmachen, wir haben noch drei Weltcupstationen, wo es um sehr vieles geht.“ Danach wolle er mit seinem Stab alles „sauber analysieren.“

Die Verträge der Trainer laufen jedenfalls am 30. April aus. Gemeinsam mit Toni Giger will Berger an der besten Lösung für die Zukunft arbeiten. Diese könnte auch österreichisch aussehen, der Biathlon-Boss will auch nicht ausschließen, dass die aktuell im Ausland arbeitenden Coaches wie Reinhard Gösweiner (Belarus), Sandra Flunger (Schweiz) oder Florian Steirer (Deutschland) ein Thema werden. „Es gibt das Angebot, dass, wenn jemand im Ausland ist und wieder nach Österreich zurückwill, er sich melden kann. Und dann redet man darüber.“ Heißt das, es werden Bewerbungen entgegengenommen? Berger nickt: „Das war immer so.“

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