07.11.2021 07:00 |

Reichspogromnacht

Juden-Verfolgung: Die Schande von Graz

Gedenken an die Novemberpogrome in der Steiermark: Vor 83 Jahren zerstörte ein wütender Mob jüdische Gebäude, misshandelte jüdische Mitbürger und zündete die Synagoge in Graz an.

Am 9. und 10. November jährt sich eines der schrecklichsten und beschämendsten Kapitel unserer Geschichte: die Pogrome der Nazis gegen die jüdische Bevölkerung im deutschen Reich. Die sogenannte Reichspogromnacht des Jahres 1938 gilt als Wendepunkt der Verfolgungsgeschichte der jüdischen Gemeinde - sie markiert den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu ihrer systematischen Vertreibung und Verfolgung.

Auch in der Steiermark organisierte das NS-Regime gezielte Gewaltmaßnahmen. So wurden in Leoben, Knittelfeld, Judenburg und Bad Gleichenberg jüdische Sakralbauten geschändet, Einrichtungen und Läden zerstört. Die Synagoge in Graz und die Zeremonienhalle am jüdischen Friedhof gingen in Flammen auf, die Nationalsozialisten verwüsteten zahlreiche jüdische Geschäfte und Wohnungen.

„Zudem holten SS- und SA-Leute mitten in der Nacht Juden auf der Basis eigens vorbereiteter Listen aus ihren Betten und misshandelten diese schwer. Eines der prominentesten Opfer war der Landesrabbiner Professor David Herzog, der zur brennenden Synagoge getrieben wurde und von der Murbrücke in den Fluss gestoßen werden sollte“, berichtet Historikerin Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Grazer Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung.

All diese Brutalitäten begingen die Täter vielfach unter tosendem Applaus und Anfeuerungsrufen der Bevölkerung. Einige der gaffenden Zivilisten forderten sogar noch schlimmere Gewalttaten.

Neben den Zerstörungen gab es auch Verhaftungen überall in der Steiermark: Allein in Graz wurden rund 300 Personen festgenommen und danach in ins KZ Dachau verbracht - vorausgesetzt, sie waren überhaupt transportfähig.

Täter der Pogromnacht blieben unbehelligt
Wurden die Täter eigentlich jemals zur Rechenschaft gezogen? „1946 und 1947 wurde in Graz ein Volksgerichtsprozess im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 geführt. Allerdings endete das Verfahren ohne Urteil, da sich die konkreten Täter nicht eruieren ließen“, weiß Stelzl-Marx.

9600 Ziegelsteine für den Bau der neuen Synagoge
Die Synagoge mit ihrer 30 Meter hohen Außenkuppel bildete bis 1938 das Herzstück der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Graz. Der kubische Bau mit einer zentralen Kuppel und zwei kleinen Türmen wurde 1892 auf einem an der Ecke Zweigelgasse/Grieskai liegenden Grundstück - gemeinsam mit einem Schul- und Amtsgebäude - eröffnet. Nach der Reichspogromnacht wurde die Ruine gesprengt und das gesamte Areal eingeebnet, um jegliche Erinnerung an die jüdische Gemeinde auszulöschen.

1998 beschlossen alle im Grazer Stadtparlament vertretenen Parteien die Wiedererrichtung der Synagoge. Rund 9600 Ziegelsteine des ursprünglichen Gotteshauses, die 1939 beim Bau einer Garage in der Alberstraße verwendet worden waren, kamen beim Neubau zum Einsatz. Der Platz vor der Synagoge erhielt zu Ehren des in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 verfolgten Landesrabbiners im Jahr 2000 den Namen David-Herzog-Platz.

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