26.10.2021 10:30 |

Großes Walsertal:

Die Chancen für eine bessere Zukunft ergriffen

Das Große Walsertal hat eine andere Entwicklung durchgemacht als die typischen Touristenregionen des Landes. Eine gesunde Wechselbeziehung von Mensch und Natur steht hier im Fokus.

Das Klima hat den Menschen und seine Lebensweise schon immer beeinflusst. Als die Walser vor rund 700 Jahren aus der Schweiz nach Vorarlberg auswanderten, ließen sich viele von ihnen im Gebiet des heutigen Großen Walsertals nieder. Die Temperaturen waren damals sogar gemäßigter als heute und so konnte auf einer Seehöhe von 1800 Metern Getreide angebaut werden. Das änderte sich allerdings innerhalb recht kurzer Zeit, wie Josef Türtscher, Obmann des Biosphärenparks Großes Walsertal, weiß: „Am Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert wurde es deutlich kälter, die Winter schneereicher. Die Chroniken der damaligen Zeit berichten sogar von Jahren ohne Sommer.“ Die Walser mussten sich den neuen Begebenheiten anpassen und zogen folglich talwärts, um weiterhin Landwirtschaft betreiben zu können und ein Auskommen zu finden.

Die Viehwirtschaft bildete lange Zeit die wichtigste Lebensgrundlage im Tal. Als sich ab dem 19. Jahrhundert der Tourismus in Vorarlberg zunehmend entwickelte und viele Regionen vermehrt auf zahlende Gäste aus dem Ausland setzten, blieb das Große Walsertal außen vor. Die schroffen Berge waren zu gefährlich für Abfahrten und verhinderten zudem den Ausbau eines zusammenhängenden Skigebiets. „Die Talschaft blieb lange nur durch die Lawinenkatastrophe von 1954 im Gedächtnis“, berichtet Türtscher.

Am 10. und 11. Jänner waren gleich mehrere Lawinen abgegangen, die zahlreiche Gebäude verschütteten und insgesamt 60 Todesopfer forderten. Die großen Schneemengen, die nach einem ungewöhnlich milden Dezember innerhalb kürzester Zeit gefallen waren, hatten keine Haftung auf den steilen Hängen gefunden und waren mit verheerender Wucht talwärts gedonnert. Somit war endgültig klar, dass aus dem Große Walsertal kein Hotspot für Wintersportler werden würde.

In den 1950er und 1960er Jahren war das Gebiet zudem stark von Abwanderung betroffen - viele zog es in die stärker industrialisierten Gebiete des Landes. „Das hat zunächst eine Identitätskrise ausgelöst. Wie sollte die Zukunft des Walsertals aussehen? Aufgrund der Geografie hat unsere Region eine andere Entwicklung durchgemacht als die klassischen Wintersportorte im Land“, erzählt Türtscher. Den Walsern wurde bewusst, dass sie einen anderen Weg wählen mussten, um neue Impulse für ihre Heimat setzen zu können. Bereits in den 70er-Jahren hatte die UNESCO das Programm „Man and Biosphere“ gestartet.

Im Jahr 2000 war es endlich soweit
Das Ziel dahinter war und ist, Wege aufzuzeigen, wie besonders schützenswerte Lebensräume für zukünftige Generationen erhalten werden können. Im Rahmen dieser Initiative wurde im Laufe der Zeit ein weltumspannendes Netz an Musterregionen für nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen geknüpft. „Das erschien uns als eine Chance, die Weichen neu zu stellen, denn das Leben in der Talschaft war schließlich seit jeher von der Natur geprägt. Der Beschluss, sich um das Prädikat Biosphärenpark zu bewerben, wurde 1998 von den Verantwortlichen der Talgemeinden gemeinsam gefasst,“ berichtet Türtscher, der damals auch in der Landespolitik tätig war. Im November 2000 war es soweit und das Große Walsertal wurde in die Liste der weltweiten Modellregionen für nachhaltige Entwicklung aufgenommen. Ein Jahr später wurde das Biosphärenpark-Management eingerichtet.

Seitdem hat sich viel getan - hauptsächlich Positives, wie Türtscher betont. Beachtliche Erfolge seien beispielsweise im Bereich „erneuerbare Energie“ erzielt worden: Rund 70 Prozent der benötigten Heizenergie werden aus Holz direkt aus der Region gewonnen, zudem gibt es in den sechs Biosphärenpark-Gemeinden auch Nahwärmenetze. Mit zahlreichen Kleinwasserkraftwerken und Fotovoltaikanlagen konnte 2014 erstmals mehr Energie erzeugt werden, als in der Region verbraucht wurde. Die Natur nutzen, ohne ihr zu schaden, lautet die Devise.

Eine besondere Rolle kommt den landwirtschaftlichen Betrieben zu, gut 180 davon gibt es im Großen Walsertal. „Etwa 20 Prozent der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig, ungefähr die Hälfte davon im Haupterwerb, etwa 40 Prozent der Höfe werden als Biobetriebe geführt“, erklärt Türtscher. Die besondere Topografie der Landschaft fordert einen hohen Arbeitseinsatz. „Das Große Walsertal ist eine Extremregion, um Bauer zu sein“, formuliert es der Obmann des Biosphärenparks. Türtscher weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst Bergbauer und betreibt noch die traditionelle Drei-Stufen-Landwirtschaft.

Milch direkt auf der Alpe verarbeitet
Im Großen Walsertal gibt es 47 Alpen und auf rund der Hälfte davon Sennereien, in denen die Milch gleich direkt verarbeitet wird. Die Magerwiesen der Region gehören zu den artenreichsten des Landes, ihr Anteil soll auch für künftige Generationen erhalten werden - was aber nur durch nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. „Der große Arbeitsaufwand der Landwirte wird über Direktzahlungen von EU, Bund und Land abgegolten, ansonsten wäre es nahezu unmöglich, die traditionelle Kulturlandschaft zu erhalten“, erläutert Türtscher. Unter dem prägnanten Namen „Walserstolz“ produzieren und vermarkten Milchbauern und Sennereien gemeinsam den regionalen Bergkäse und andere Milchprodukte - und das sehr erfolgreich.

Themen wie Regionalität, Nachhaltigkeit und Umweltschutz haben mittlerweile einen hohen Stellenwert - im Großen Walsertal beschäftigt man sich bereits seit Jahren damit. Das kommt an, auch bei Urlaubern. Rund 180.000 Nächtigungen werden pro Jahr verzeichnet. Die wildromantische Landschaft, Exkursionen zu den Naturschätzen oder Kulturinitiativen wie das Walserherbst Festival punkten bei den Besuchern. Als Vorbildregion in Sachen nachhaltiges Wirtschaften wolle man zeigen, dass sich die Bereiche Wirtschaft und Naturschutz nicht zwangsläufig ausschließen müssen, betont Türtscher.

In einem Biosphärenpark stehen die Wechselbeziehungen von Mensch und Natur im Mittelpunkt. Sie sollen einander positiv ergänzen. Es sieht ganz so aus, als hätten die Walser ihren Weg in eine nachhaltige Zukunft schon längst gefunden.

Rubina Bergauer
Rubina Bergauer
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