18.09.2021 06:00 |

Wandelbare In-Ears

Shure Aonic 3 im Test: Stöpsel mit und ohne Kabel

Kopfhörer und Kabel führten über viele Jahre eine harmonische Beziehung. Dann kam Bluetooth und wenig später die wortwörtliche Trennung. Kopfhörer, zumindest im Consumer-Bereich, sind mittlerweile vornehmlich kabellos, die oftmals als lästig empfundene „Nabelschnur“ zwischen Zuspieler und ihnen nur noch selten in Verwendung - etwa, wenn der Kopfhörer-Akku schwächelt und die Musik ungehört im Äther zu verhallen droht. Ausgestorben ist das Kabel aber noch nicht, wie Shure mit seinen „Aonic 3“-In-Ears beweist. Die wirken auf den ersten Blick anachronistisch, können überraschenderweise aber auch ganz modern sein.

Es fühlt sich zugegebenermaßen etwas merkwürdig an, nach all den Jahren der Abstinenz plötzlich wieder Kabel zu tragen; vorm Bauch baumelnd und schließlich in der Hosentasche verschwindend. Wobei ehrlich gestanden: Ganz ohne Kabel war ich die letzten Jahre nicht unterwegs. Meine privaten Kopfhörer kommen auch nicht ohne aus, allerdings verläuft es bei ihnen nur zwischen den beiden Stöpseln, wodurch es bei Nichtgebrauch möglich ist, sie um den Hals hängen zu lassen, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass sie wie die komplett kabellosen True-Wireless-Stöpsel verloren gehen.

Was ihnen im Gegensatz zum „Aonic 3“ von Shure jedoch fehlt, ist das Klinkenkabel zum Zuspieler, also dem Smartphone oder, wie in meinem Fall, einem MP3-Player, der kompakt genug ist, dass er auch beim Sporteln überall eingesteckt werden kann und daher anders als das Smartphone mein ständiger Begleiter ist. Und hiermit tut sich für viele potenzielle Nutzer vermutlich bereits das erste Hindernis auf: Sie haben an ihrem Smartphone womöglich gar keinen Klinkenanschluss mehr, um die Shure-Stöpsel überhaupt anzuschließen - zumindest nicht direkt.

Ein (USB-C-)Adapter würde Abhilfe schaffen, liegt den „Aonic 3“-Stöpseln aber nicht bei. Dafür jedoch etwas, das vielen Jüngeren ebenso fremd sein dürfte wie das Kabel: ein 6,3-mm-Klinkenadapter. Der macht deutlich, wer die vorrangige Zielgruppe sein dürfte: Audiophile und Musiker - schließlich wurden die Ohrhörer laut Shure „im Studio geboren“, und dort gibt es nach wie vor reichlich Verwendung für die große Klinke. Ganz abgesehen davon, dass Shure mit seinen legendären Mikrofonen und In-Ear-Systemen für Bands in aller Welt seit vielen Jahren die erste Wahl ist.

Perfekt abgeschirmt
Dass man allerdings auch abseits dunkler und verrauchter Tonstudios und Proberäume mit den Shure-Stöpseln seinen Spaß haben kann, dafür sorgen allerlei Ohrpassstücke in verschiedenen Größen, Farben und Materialien. In Kombination mit dem am Ende drahtverstärkten und somit biegbaren Kopfhörerkabel sorgen sie nicht nur für einen perfekten Halt im Ohr, sondern auch dafür, dass möglichst wenig Störendes von außen zu diesem vordringt. „Sound isolating“ nennt Shure das, was aber nichts anderes bedeutet, als dass die Stöpsel gut abschirmen.

Mit den „Aonic 3“ joggen zu gehen, ist demnach kein Problem. Damit unterwegs in Flugzeug und Auto oder seitlich liegend auf dem Bett zu schlafen, dagegen schon. Grund: Die Stöpsel ragen sehr weit aus dem Ohr heraus, sodass es drückt, sobald man sich mit ihnen auf dieses zu legen versucht. Das Kabel inklusive integrierter Fernbedienung und Mikrofon selbst ist zudem für den persönlichen Geschmack schon fast zu lang, weshalb die Stöpsel auch eher schlecht als recht im ebenfalls beiliegenden, knapp dimensionierten Transporttäschchen Platz finden.

Kann auch kabellos
Die gute Nachricht allerdings ist: Der „Aonic 3“ kann auch kabellos. Vorausgesetzt, man schafft es, das abnehmbare Kabel auch tatsächlich abzunehmen, was im Test nur mit einem gewissen Kraftaufwand gelang. Und vorausgesetzt, man verfügt über den „True Wireless Secure Fit Adapter“. Der erlaubt es nämlich, die bis dato am Kabel baumelden Ohrhörer in echte True-Wireless-Stöpsel umzurüsten.

Das Plus an Komfort durch die gewonnene Freiheit vom Kabel geht allerdings mit einem bekannten Manko einher: Die Wiedergabezeit sinkt von praktisch unendlich auf bis zu acht Stunden im Akku-Betrieb. Das dazugehörige, mittels USB-C aufladbare Case hält drei weitere Ladungen parat, sodass unterm Strich bis zu 32 Stunden Gesamtspielzeit stehen. Eine Summe, die sich mit den Erfahrungen im Test deckt.

Ein Umgebungsmodus sorgt dann auf Knopfdruck dafür, dass sich etwa Gespräche „durchschalten“ lassen, während die integrierten Mikrofone es ermöglichen, eingehende Telefonate anzunehmen. Wiedergegeben werden diese seltsamerweise jedoch nur auf dem rechten Ohrhörer. Die dazugehörige App erlaubt es zudem, sowohl den Umgebungsmodus als auch - mittels EQ - den Klang den persönlichen Vorlieben anzupassen.

Ausgezeichneter Klang
Letzterer überzeugt auf ganzer Linie, was angesichts der jahrzehntelangen Expertise des Herstellers im Bereich der In-Ears allerdings auch nicht sonderlich überrascht. Präzise und detailliert, ob mit oder ohne Kabel, macht der „Aonic 3“ selbst kleinste Nuancen in der Musik hörbar und dringt dabei mühelos und vor allem verzerrungsfrei selbst in höchste Höhen vor, ohne am anderen Ende des Frequenzspektrums die Bässe zu vernachlässigen. Top.

Schlechter Sitz bei Wireless-Variante
Umso bedauerlicher ist es, dass Shure an anderer Stelle patzt: dem Tragekomfort. In ihrer Wireless-Form sind die Stöpsel aufgrund der sehr starren Bügel nämlich nur schwer ums Ohr zu legen. Hat man sie einmal dort, sitzen sie zwar fest, doch der Winkel der Ohrhörer zum Ohr passt dann irgendwie nicht mehr, wodurch schließlich auch der „Sound isolating“-Vorteil flöten geht. Die Stöpsel sitzen schlichtweg nicht mehr im Ohr, sodass störende Außengeräusche relativ ungehindert in dieses dringen.

Stolzer Preis
Das ist nicht nur deshalb schade, weil die Idee, Ohrhörer sowohl kabelgebunden als auch kabellos nutzen zu können, an sich großartig (und auch nachhaltig) wäre, sondern auch, weil die „Aonic 3“ beileibe kein Schnäppchen sind. Die unverbindliche Preisempfehlung für die kabelgebundene Variante liegt bei 215 Euro, der aktuell günstigste Straßenpreis bei rund 183 Euro - was noch immer viel Geld für so kleine Stöpsel ist. Wer die Ohrhörer auch kabel- bzw. drahtlos nutzen möchte, zahlt fürs Gesamtpaket mit Stöpseln und True-Wireless-Adapter sogar stolze 369 Euro (UVP).

Zum Vergleich: Den schon vor längerer Zeit getesteten und ebenfalls hervorragend klingenden Bügelkopfhörer „Aonic 50“ gibt es aktuell bereits ab rund 241 Euro. Der ist zwar zugegebenermaßen deutlich größer, kann aber ebenfalls sowohl mit als auch ohne Kabel betrieben werden, spielt im Akku-Betrieb bis zu 20 Stunden Musik am Stück und vor allem: Mit seinen dick gepolsterten Ohrmuscheln sitzt er im Gegensatz zu den kabellosen „Aonic 3“ wunderbar angenehm am Kopf bzw. Ohr.

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