04.09.2021 08:11 |

Mit Ansage

Vor genau 50 Jahren: Gusenbauer springt Weltrekord

Zweifellos ist es einer der größten Momente der österreichischen Leichtathletik-Geschichte: Heute vor genau 50 Jahren erzielte Ilona Gusenbauer im Wiener Stadion mit 1,92 m einen neuen Weltrekord im Hochsprung. Ein Weltrekord auf Bestellung. Denn im Vorfeld des zur EM-Qualifikation zählenden Fußball-Länderspiels Österreich gegen Schweden (1:0) war im Rahmen des Sportpressefestes ein allein auf Ilona Gusenbauer abgestimmter Hochsprungbewerb mit nur drei Teilnehmerinnen angesetzt worden. Das deklarierte Ziel war der Weltrekord. Und an diesem denkwürdigen 4. September 1971 klappte es tatsächlich. Ilo verbesserte die zehn Jahre alte Bestleistung der Rumänien Iolanda Balas um einen Zentimeter.

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Pepi Strabl, damals Präsident der Vereinigung der österreichischen Sportjournalisten, hatte die Idee gehabt, den Weltrekordversuch im Wiener Stadion durchzuführen. Ilona Gusenbauer stimmte zu. Sie fühlte sich in der Form ihres Lebens. Das Gefühl trog sie nicht. Im August 1971 hatte sie in einem viereinhalbstündigen Nervenkrimi mit 1,87 m Gold bei den Europameisterschaften in Helsinki gewonnen und vor dem Wettkampf am 4. September bereits in fünf Wettkämpfen, also in insgesamt 15 Versuchen, die neue Weltrekordhöhe von 1,92 m angegriffen, wobei sie das eine oder andere Mal nur knapp gescheitert war. Der Weltrekord war fällig. Die einzige Frau, die die Bestmarke der Iolanda Balas damals brechen konnte, war Ilona Gusenbauer.

Hochsprung vor dem Ländermatch
Selbstbewusst hatte sie im Vorfeld gesagt: „Ich habe keine Angst vor den 1,92 m. Denn meine Form sagt mir: Die kannst du springen. Dafür muss ich mich allerdings vor den Höhen zuvor ganz besonders konzentrieren. Das ist eine große Nervenbelastung.“ Dies konnte für sie ein Handicap sein - oder wie bei der EM in Helsinki auch ein großer Ansporn.

Rund eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff zum Fußball-Länderspiel begann der Hochsprungbewerb. Dieser fand nicht in der Pause des Länderspiels statt, wie es immer wieder in Rückblicken heißt. Das wäre zeitlich auch gar nicht möglich gewesen. Aber solche Legenden halten sich, wie Ilona Gusenbauer sagt, oft hartnäckig. Rund 25.000 bis 30.000 Zuschauer waren beim angekündigten Weltrekordversuch bereits im Stadion. Manch ein Fußball-Fan wird sich im Nachhinein geärgert haben, nicht rechtzeitig gekommen zu sein. Einen Sieg des Fußballteams erlebt man doch hin und wieder. Aber einen Leichtathletik-Weltrekord? Der ist höchste Rarität!

„Selbst unter Druck gesetzt“
Alles war an diesem Nachmittag für den Höhenflug der Ilona Gusenbauer angerichtet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Damals gab es nur eine Aschenbahn im Stadion, auch der Anlauf vor der Hochsprunganlage war aus Asche. Roland Gusenbauer, Ehemann und Trainer von Ilona, hatte jedoch immer einen Kunststoffteppich im Auto dabei, den er auch im Wiener Stadion für Ilo ausrollte. Dieser war eine bessere Absprungbasis für die geplanten Sprünge Richtung Weltrekord.

Im Training vor dem 4. September war Ilona, wie sie sich erinnert, mit 1,75 m auch vielversprechende Höhen gesprungen. Sie war bereit. „Ich habe gewusst, dass der Weltrekord für mich drinnen ist, ich wollte ihn unbedingt an diesem Tag springen. Ich hatte mich selbst unter Druck gesetzt, weil ich gesagt habe, ich kann Weltrekord springen. Druck ist immer wieder gut.“

1,92 Meter im ersten Versuch
Ilona Gusenbauer, damals knapp 24 Jahre alt und Mutter der dreieinhalbjährigen Tochter Ulli, begann den Wettkampf bei 1,70 m. Da hatte sie wie bei den folgenden Höhen von 1,74 m, 1,77 m und 1,80 m keinerlei Probleme. Sie sprang diese Höhen jeweils im ersten Versuch. Dann freilich kamen, wie von ihr befürchtet, die kritischen Höhen von 1,83 m und 1,86 m, diese meisterte sie jeweils im zweiten Anlauf. Dann sprang sie 1,89 m wieder im ersten Versuch. Die Latte wurde auf 1,92 m gelegt. Minutenlang wurde die Weltrekordhöhe kontrolliert, dass da nur nichts mit einer Anerkennung schief gehen konnte!

Mein leider so früh verstorbener Kollege Nobby Wallauch hielt den Weltrekordsprung in der „Kronen Zeitung“ fest: „Konzentrierter Anlauf, ein gewaltiger Absprung, energisches Strecken über der Latte - und Ilo hatte es geschafft. Dann noch ein ungläubiger Blick auf die Latte, die leicht im Wind wackelte, aber oben blieb. Neuer Weltrekord!“ Erich Kamper berichtete in der deutschen „Leichtathletik“: „Gusenbauer konzentrierte sich lange, lief dann unter atemloser Stille der 30.000 Zuschauer zum ersten Versuch an und wälzte sich in perfektem Stil darüber. Die Latte zitterte ganz leicht, was allerdings nur wenig Zuschauer merkten, und ein minutenlanger Jubelsturm brauste durch das Stadion - Österreich hat wieder eine Weltrekordlerin!“ Jubelnd lag Ilo ihrem Mann Roland in den Armen. Dieser erinnert sich „an die unglaubliche Freude, wie Ilo mir in den Armen lag“: „Wir hatten gemeinsam einen weiteren Meilenstein erreicht.“ Die neue Weltrekordlerin versuchte sich noch an 1,94 m, wobei sie im dritten Versuch auch diese Höhe fast geschafft hätte. Es zeigte, dass die 1,92 m nicht unbedingt ihr letztes Wort sein müssten. Nobby Wallauch feierte Ilona Gusenbauer, die den Wettkampf vor Maria Sykora (1,74 m) und Maria Sommer (1,70 m) gewann, als „Königin im Hochsprung“.

„Mein Puls war irre hoch“
Ilona Gusenbauer im Rückblick an diesen denkwürdigen Nachmittag: „Es war ein toller, irrer Tag. Vor dem Sprung war mein Puls irre hoch. Zu hoch darf er nun auch wieder nicht sein, aber ich hatte den Willen, an diesem Tag Weltrekord zu springen. Als ich wenige Tage zuvor in Basel 1,89 m sprang, ohne mich in besonders in Form zu fühlen, habe ich mir gedacht, jetzt müsste ich doch endlich den neuen Weltrekord schaffen.“ Sie schaffte es. Die legendäre Iolanda Balas war entthront.

Von 1956 bis 1961 war die Rumänin die alles überragende Hochspringerin. Sie stellte 14 Weltrekorde auf, den ersten 1956 mit 1,75 m, den letzten am 16. Juli 1961 in Sofia mit 1,91 m. Balas feierte 150 Siege in Folge und war 1960 und 1964 Olympiasiegerin. Sie sprang noch im sogenannten Scherensprung, Ilona Gusenbauer übertrumpfte Balas hingegen im Straddle um einen Zentimeter. Iolanda Balas kommentierte den Weltrekord der Österreicherin nicht, sie hatte sich von der Leichtathletik zurückgezogen. Sie hatte einen zweifelhaften Sex-Status, eine Intersexualität, und hatte ihre Karriere beendet, als der Leichtathletik-Weltverband eine Geschlechterüberprüfung eingeführt hatte.

Mit dem Flieger sofort nach Berlin
Das war jetzt alles Vergangenheit, Ilona Gusenbauer hatte den Hochsprung-Thron erobert und wurde schon unmittelbar nach ihrem Weltrekord im wahrsten Sinne des Wortes herumgereicht. Mit einer Polizeieskorte wurde die Familie Gusenbauer zum Flughafen Schwechat geleitet. Mit dem Flieger ging es nach Berlin zu einer großen Show bei der Funkausstellung. Mit den Koffern kamen Ilo, Roland und die kleine Ulli zu der Sendung, die der legendäre österreichische Moderator Kurt Jeschko leitete. Er hatte eine satte Überraschung für seine Landsfrau parat: Aus Steinen hatte er im Studio eine 1,92 m hohe Mauer aufbauen lassen und erklärte seinen staunenden Zuschauern, sein Gast habe gerade in Wien diese unglaubliche Höhe übersprungen. Neuer Weltrekord!

Nach den 1,92 m zählte Ilona Gusenbauer zum engten Favoritenkreis für die Olympischen Spiele 1972 in München. Gleichzeitig heizte sie die seit 1968 in Fachkreisen tobende Debatte an, ob Mädchen und Frauen mit dem Fosbury-Flop im Straddle höher springen könnte. Eine erste Antwort darauf gab es in München, als die 16 Jahre alte Ulrike Meyfarth als Flopspringerin mit der Einstellung des Weltrekordes von 1,92 m sensationell Gold gewann. In diesem unvergesslichen Wettkampf gewann Ilona Gusenbauer mit 1,88 m die großartige Bronze-Medaille. Zweite wurde mit ebenfalls 1,88 m Yordanka Blagoeva, die Bulgarin verbesserte im September 1974 den Weltrekord auf 1,94 m.

Flop oder Straddle?
Auch wenn Ulrike Meyfarth im Flop sprang, der Straddle war längst nicht tot. Ilona Gusenbauer stellte 1971 in dieser Diskussion eine glänzende Prognose auf. Sie meinte, im Straddelstil würden die Frauen noch 2,00 m springen, im Flop eines Tages 2,10 m. In der Tat sprang Rosemarie Ackermann im Straddle als erste Frau der Welt am 16. August 1977 beim ISTAF in Berlin 2,00 m, und den aktuellen Weltrekord hält die Bulgarin Stefka Kostadinova seit dem 30. August 1987, als sie bei der WM in Rom über 2,09 m floppte…

Für immer eine der Größten
Fünf Jahrzehnte sind seit ihren 1,92 m von Wien 1971 verflogen. Für alle Zeiten wird Ilona Gusenbauer, die neben ihren überragenden Freilufterfolgen auch in der Halle bei ihrem Wiener EM-Sieg 1970 mit 1,88 m eine Weltbestleistung aufgestellt hatte, eine der größten österreichischen Leichtathletinnen bleiben. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten schon großartige, leider meist schon vergessene Sprinterinnen wie Maria „Mitzi“ Keller, Hilde Lahr und Adele Bierbrauner oder Werferinnen wie Hilda Köppl und vor allem Lisl Perkaus (Kugel und Diskus) Weltbestleistungen oder sogar offizielle Weltrekorde aufgestellt. Nach 1945 erzielten für Österreich jedoch nur noch Herma Bauma mit dem Speer (1947 und 1948) und Liese Prokop im Fünfkampf (1969) Weltrekorde in der Leichtathletik - und Ilona Gusenbauer heute vor 50 Jahren. Eine unvergessliche Sternstunde des österreichischen Sports.

Olaf Brockmann
Olaf Brockmann
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