01.08.2021 06:00 |

Filzmaier analysiert

Olympische Spiele, Politik und Wirtschaft

Nach dem Ende des Kalten Krieges zwischen USA und UdSSR glaubte man an eine Vereinigung der olympischen Familie. Sogar China, Kuba und Nordkorea nahmen wieder teil. Genauso Südafrika nach Aufhebung der rassistischen Apartheid. War nun Schluss mit dem politischen Missbrauch der Spiele? Von wegen. Höchstens das Geld war noch wichtiger.

Kaum hatten sich der kapitalistische Westen und der kommunistische Ostblock lieb, zerfiel Jugoslawien. Belgrad hatte sich ursprünglich um die Austragung der Olympischen Spiele 1992 beworben. Stattdessen ging es in Barcelona darum, ob der Reststaat Serbien und Montenegro des Diktators Slobodan Milosevic trotz Kriegsverbrechen dabei sein sollte. Das Land wurde von Mannschaftsbewerben ausgeschlossen, Einzelsportler durften als „unabhängig“ mitmachen.

Zugleich waren die spanischen Spiele eine Bühne für Nachfolgestaaten wie Kroatien. Vor allem im Basketball rund um die in den USA spielenden Stars Drazen Petrovic und Toni Kukoc. Österreich leistete einen schrägen Beitrag: Die Handballerinnen der Alpenrepublik hätten ihr Auftaktspiel gegen Jugoslawien bestritten. Nach dessen Sperre traf man auf Norwegen. Doch nach Einbürgerungen von Weltklassespielerinnen spielten am 3. August 1992 Frauen aus allen in den jugoslawischen Bürgerkrieg verwickelten Nationen in Rot-Weiß-Rot.

Atlanta statt Athen
1996 gab es das Jubiläum 100 Jahre Olympische Sommerspiele in Atlanta - und nicht in Athen, dem Ort der antiken und der ersten neuzeitlichen Spiele. Obwohl die Griechen das wollten. Warum? Atlanta ist Sitz der Konzernzentrale von Coca-Cola als Hauptsponsor. Alle Ungleichheiten in den USA und einer Stadt, die durch Ghettos und Rassenkonflikte gekennzeichnet ist, verdrängte man.

Coca-Cola war seit 1960 in Rom Sponsor der Olympischen Spiele. 1984 wurde der Brausedrink trotz fragwürdigen Gesundheitswerts für Sportler sogar „offizielles Getränk der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984“. Ein Titel, den man auch 1988 und 1992 führen durfte. Diese Tradition war offenbar schwerwiegender als die griechische Geschichte. In Athen hatte man sogar bereits mit dem Bau von Olympiaanlagen begonnen. Doch Coca-Cola bot Atlanta eine Beteiligung am Budget der Spiele von 1,35 Milliarden Dollar.

Propagandaspiele in Peking
Die Spiele in Peking 2008 wiederum sind durch acht Goldmedaillen des Schwimmers Michael Phelps in Erinnerung. Zugleich waren es Propagandaspiele der Kommunisten aus der Volksrepublik China. Diese wollte sich mit dem größten Medienereignis des Planeten als weltoffen, friedlich und demokratisch präsentieren. Wie jedoch passte das zu den Verletzungen der Menschenrechte?

Gar nicht. Im Olympiajahr war die chinesische Regierung für Hunderte Tote in Tibet verantwortlich. Alltag in Peking waren keine Einreise für unerwünschte Zuschauer, wenig Bewegungsfreiheit für Journalisten, ein zensierter Internetzugang sowie Umweltschäden. Hatten die Olympiafunktionäre angesichts eines gigantischen Marktes in China Dollarzeichen vor den Augen? Sponsoren und Fernsehstationen zahlten jedenfalls im Geschäftszeitraum von 2005 bis 2008 mehr als 4,5 Milliarden Dollar und waren an Peking als Veranstaltungsort interessiert.

Für China war die Veranstaltung die Abkehr einer von Mao Tse-tung 1956 begonnenen Isolationspolitik im Sport. Der internationale Prestigegewinn durch Seriensiege im Turnen und Tischtennis war verlockend. Für zusätzliche Erfolge in der Leichtathletik waren fast alle Mittel recht. Schon früher sorgten Langstreckenläuferinnen des Trainers Ma Junren mit Weltrekorden für Aufsehen. „Schildkrötenblut“ hätten angeblich die Erfolge begründet. Es war aber das Dopingmittel EPO.

Trainer Ma hatte Sportlerinnen geohrfeigt, wurde lebenslang gesperrt und zum Kampfhundzüchter. Doch die Rechnung 2008 ging mit oder ohne Doping auf: Mit 48 Goldmedaillen gewannen Chinas Sportler mehr als Athleten aus irgendeinem anderen Land. 2022 werden sogar die Olympischen Winterspiele in Peking stattfinden. Weil das ein klassischer Skiort ist? Oder wegen des vielen Geldes?

Spiele in Japan von Pandemie überschattet
Ach ja, und die Olympischen Spiele 2021 in Tokio? Dort wurde der Coronanotstand ausgerufen. In Japan und dessen Hauptstadt mit explodierenden Infektionszahlen ist eine klare Bevölkerungsmehrheit gegen die Durchführung der Spiele. „Asahi Shimbun“, die zweitgrößte Zeitung der Welt, schloss sich den Protesten an. Eine berühmte Autofirma und ein weltbekannter Elektronikkonzern zogen alle Werbespots im Fernsehen zurück.

Allerdings wurden von Sponsoren, sonstigen Unternehmen und der Regierung je nach Zählweise zwischen elf und 20 Milliarden Dollar investiert. Das IOC bekommt natürlich nicht alles davon. Einen erklecklichen Teil freilich schon. Bei einer eigenständigen Absage übernimmt vermutlich zudem keine Versicherung der Welt irgendwelche Ausfallskosten. Die Spiele müssen also weitergehen.

Peter Filzmaier
Peter Filzmaier
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