25.07.2021 06:00 |

Das große Interview

Sterben Männer wie Sie aus, Herr Schröcksnadel?

Ein Urgestein wird 80: Im Geburtstagsinterview spricht der jahrzehntelange Präsident des ÖSV, Peter Schröcksnadel, über Glück und Geld, Klima und Corona, die #MeToo-Bewegung und sein neues Leben als Fliegenfischer und Skirennläufer.

Ein später, schwüler Nachmittag am westlichen Stadtrand von Wien. Peter Schröcksnadel liebt Seen und Flüsse und das Meer, deshalb hat seine Medienbetreuerin als Treffpunkt für unser Interview den Hanslteich in Neuwaldegg vorgeschlagen. Mitte Juni wurde der streitbare, mächtige Ski-Chef an der Spitze des ÖSV abgelöst, am kommenden Freitag feiert er seinen 80. Geburtstag. „Ich werde da ganz allein auf meinem Boot vor der Küste von Dubrovnik sitzen und ein bissel fischen“, lacht Schröcksnadel. Er trägt ein mintgrünes Polo und weiße Sneaker und spricht uriges Tirolerisch. Wir sitzen auf einer Holzbank am Wasser, man hört Enten quaken und ab und zu ruft Schröcksnadel: „Do, schau! A Karpfen!“

„Krone“: Vor 34 Tagen haben Sie als ÖSV-Präsident Abschied genommen. Haben Sie sich schon an das neue Leben gewöhnt?
Peter Schröcksnadel: Das Leben ändert sich ja nicht. Im Sommer habe ich früher immer das Budget gemacht, da sind ja keine Rennen. Das Verwaltungstechnische geht mir nicht ab. Ich hab auch so viele andere Dinge zu tun. Zum Beispiel will ich einmal alle meine Firmen besuchen.

Wie viele sind das?
Ich hab sie nie gezählt. Ich war so beschäftigt mit dem Skiverband, dass ich nicht einmal die leitenden Mitarbeiter kenne, geschweige denn alle anderen. Das möchte ich jetzt nachholen.

Keine Wehmut?
Überhaupt nicht. Zu Skirennen kann ich ja nach wie vor gehen. Und den Kontakt zu vielen Sportlern werde ich auch halten. Das war übrigens das größte Glück für mich. Die Athleten haben mir ein Buch geschenkt mit weißem Ledereinband, da hat jeder etwas Persönliches für mich hineingeschrieben. Ich glaube auch, dass es keinen besser aufgestellten Verband gibt als den, den ich übergeben habe. Drum bin ich sehr zufrieden.

Und Sie sind ja Vizepräsident der FIS und so können Sie weiter mitregieren, richtig?
Das war jedenfalls noch nie ein Österreicher. Regiert hab ich aber nie. Ich war immer ein Manager.

Stimmt das Gerücht, dass Sie es gerne gesehen hätten, wenn Ihr Sohn Ihnen nachgefolgt wäre?
Nein, das ist unwahr. Das habe ich nicht gewollt. Und er auch nicht, er arbeitet lieber hinter den Kulissen.

Sie haben Sport und Politik immer scharf getrennt. Athleten durften sich politisch nie äußern. Jetzt wurde mit Karl Schmidhofer ein politischer Funktionär Ihr Nachfolger. Das kann Sie doch nicht freuen?
Er hat mir versprochen, er hört auf im Parlament. Wenn er in der Politik bleiben würde, wäre das schlecht. Abgesehen davon kommt er aus der Ski- und Tourismus-Branche, was ich für einen großen Vorteil halte.

In vielen Sportverbänden sitzen Politiker als Chefs. Muss das sein?
Ich halte das nicht für gescheit.

Alpen-Napoleon, Imperator, Pate … Auch wenn Sie diese Zuschreibungen nicht mögen: Welche würden Sie sich noch am ehesten aussuchen?
Goar kane suach i mir aus!

Patriarch vielleicht?
Auch das nicht. Ich war eigentlich auch kein Präsident. Sondern am ehesten ein oberster Manager.

Was war Ihr größter Erfolg und was war Ihr größter Fehler in den 31 Jahren?
Ich habe nie Bilanz gezogen, das sollen andere machen. Ich hab auch nie Medaillen gezählt oder Siege nachgerechnet. Was vorbei ist, ist vorbei. Ich denke immer an die Zukunft. Ans nächste Rennen, an die nächste Herausforderung.

Was ist das bei Ihnen?
Ich werde heuer sicher noch an der Senioren-Ski-WM teilnehmen. Und öfter Fliegenfischen gehen.

Was machen Sie mit den ganzen Fischen?
Catch and release. Ich werfe sie wieder rein, damit die Fischotter auch was davon haben. Ab und zu behalte ich mir einen.

Und bei der Senioren-Ski-WM: Reicht Ihnen die Teilnahme oder wollen Sie gewinnen?
Bemitleidendes Lachen.
- Ich verliere nicht gern, das ist eine Grundeigenschaft von mir. Selbstverständlich will ich gewinnen. Das war immer Teil meines Berufs.

Was war das Schwierigste in Ihrer Ära? Die Doping-Skandale?
Das war nicht schwierig, sondern in meinen Augen ungerechtfertigt. Das Doping in Turin zum Beispiel betraf zwei Biathleten, die haben wir als Verband bestraft. Der Verband ist freigesprochen worden, aber das war dann in den Medien nur noch eine Randnotiz.

Und die Vorwürfe einer ehemaligen Rennläuferin, dass es sexuelle Übergriffe gab?
Das war vor 50 Jahren, also vor meiner Zeit. Wir haben es aber gemeinsam mit der Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger zum Anlass genommen, eine Sensibilisierung und klare strukturelle Veränderungen zu schaffen. Die ganze Aufregung war aber meines Erachtens überzogen.

Wie beurteilen Sie die #MeToo-Bewegung?
Belästigungen sind inakzeptabel und dürfen nicht passieren. Und solange es stimmt, was diese Frauen behaupten, ist das für mich in Ordnung, die Täter gehören bestraft. Aber eine solche Bewegung gibt auch Raum, Menschen anzupatzen, wo die Vorwürfe vielleicht nicht stimmen. Das zu beurteilen ist schwierig.

Wie geht es Ihnen als bald 80-Jährigem damit, dass „Damen und Herren“ nicht mehr verwendet werden sollen, dass „Schwarzfahrer“ nicht mehr gesagt werden darf?
Der Schwarzenegger muss sich auch bald umbenennen. - Lacht. - Ich finde das in dieser Form übertrieben. Ich habe kein Problem mit einem dritten oder vierten Geschlecht. Wie begrüße ich die dann im Flugzeug? „Liebe Fluggäste“ würde gehen. Weil in der Einzahl sagt man jetzt ja Gast und Gästin. - Schüttelt den Kopf.

Werden Sie je gendern?
Ich fürchte nein. Weil dann dürfte ich ja auch nicht mehr Mannschaft sagen. Wie sage ich dann? Ich verstehe auch nicht, warum man einer Frau nicht mehr in den Mantel helfen soll. Das mache ich doch als Mann, weil ich die Frau schätze.

Sterben Männer wie Sie aus?
Das würde ich schade finden. Wir leben in einer Zeit der Toleranz, aber auch der Intoleranz. Es ist aber wichtig, dass alle Menschen ihre Meinung vertreten können, auch Männer wie ich. Schwule sollen sich outen können, wo ist das Problem? Die Toleranz muss aber auch für Heteros gelten. Ich hab' zum Beispiel auch ein schwarzes Enkelkind, oder darf man das jetzt nicht mehr sagen? - Zeigt Handyfotos der Vierjährigen her.

Stichwort Enkelkinder. Freut sich Ihre Familie, dass Sie jetzt mehr zu Hause sind?
Ich werde nicht mehr zu Hause sein. Einen, der immer weg war, kannst ned einsperren. Mehr sage ich zu meinem Privatleben nicht. Das bleibt tabu! Außer dass ich 16 Enkelkinder habe, eines davon ist adoptiert.

Und wenn ich Sie nach Ihrem Privatleben frage?
Fragen Sie mich lieber nicht!

Ich frage Sie etwas anderes: In Deutschland haben die Unwetter mehr als 170 Tote gefordert, in Österreich für Verwüstungen gesorgt. Bleiben Sie dabei, dass diese Ereignisse keine Folge des Klimawandels sind?
Dieser Zusammenhang wird hergestellt, aber er ist nicht bewiesen. Es kann sein, dass es ihn gibt, dass die Katastrophen jetzt nicht mehr alle 100 Jahre, sondern schon früher kommen. Die Beweise fehlen aber. Tatsache ist, dass im Katastrophenschutz in der Vergangenheit wahnsinnig viele Fehler gemacht wurden. Jedes kleine Bächlein wurde verbaut, links und rechts Beton. Und man baut immer mehr in die rote Zone hinein. Das hat mit dem Klimawandel aber nichts zu tun.

Die Gletscher schmelzen, das werden Sie wohl nicht abstreiten.
Ja natürlich gehen die zurück. Trotzdem ist es in den letzten 30 Jahren im Winter kälter und im Sommer heißer geworden. Den Klimawandel gibt es seit Jahrtausenden. Was mich am meisten stört, sind diese Last-Minute-Warnungen, die Apokalypse! Wenn wir jetzt nicht sofort das und das machen, sind wir morgen tot. So funktioniert das nicht. Man darf den Leuten keine Angst machen, denn mit Angst schafft man kein Bewusstsein.

Sondern?
Ich bin sehr dafür, Energie zu sparen. Ich hör' aber von keinem, dass er sparen will. Was die Handys und Laptops und Computer Strom kosten! Man hört nur Photovoltaik, Windenergie, Elektroautos. Nehmen wir Letztere als Beispiel. Alles schön und gut, ich fahr auch eins. Aber bei einer Million Elektroautos geht uns der Strom aus, von 50 Millionen ganz zu schweigen.

Stichwort Angst: Hat man den Menschen bei Corona Angst gemacht?
Meiner Meinung nach ja. Wir zählen ja auch nach wie vor nicht die Kranken, sondern die Infizierten. Jetzt, wo immer mehr Leute geimpft sind, sehe ich überhaupt keinen Grund, warum wir noch Angst haben sollten. Natürlich muss man weiterhin vorsichtig bleiben.

Sind Sie geimpft?
Selbstverständlich.

Warum haben Sie dann gesagt, Sie würden lieber an Covid sterben als an Krebs?
Ja, weil’s schneller geht. - Lacht. - Aber am liebsten würde ich, wenn ich sterben muss, sofort umfallen und tot sein. Nein, im Ernst. Es war natürlich eine Provokation. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass keiner mehr über Herzinfarkte oder über den Krebstod spricht, sondern nur noch über Corona.

Sie investieren heute viele Millionen in die Krebsforschung, wie kam es dazu?
Ich war fischen auf einer Insel südlich von Hawaii und bin schwer krank geworden. Ich wäre fast draufgegangen. Erst half mir ein chinesischer Arzt, aber der hatte nichts außer einem Blutdruckgerät. Dann wurde ich nach Kanada an die Universitätsklinik von Vancouver geflogen. Dort hat mir Prof. Larry Goldenberg das Leben gerettet. Ich bin später hingeflogen und habe mich bei ihm bedankt. Ich sage immer, die drei wichtigsten Worte im Leben sind: „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“. Er hat mir von der Krebsforschung an seinem Institut erzählt und ich dachte, das ist interessant, das möchte ich gerne unterstützen. Mit meinem Geld konnten sie einen wichtigen Forscher halten. Nach eineinhalb Jahren haben sie mir geschrieben, dass dieser Forscher ein bahnbrechendes Protein gefunden hat.

Ist dieses Engagement etwas, worauf Sie am Ende Ihres Lebens stolz sein werden?
Nein, denn es war reiner Zufall. So wie ich einst das Lawinenpiepserl erfunden habe oder die Beschilderungen der Skipisten. Vielleicht war es Schicksal. Dass es das ohne mich alles nicht geben würde. Aber wichtig ist es mir nicht. Auch Geld war mir nie wichtig. Aber das glaubt mir keiner. Ich wollte auch nie reich werden. Ich wollte nur nicht pleitegehen. Das ist ein Trauma, das ich habe, weil meine Eltern, als ich 22 war, mit ihrem Unternehmen in Konkurs gegangen sind. Ich hab den Exekutor gesehen und wie alles den Bach runtergegangen ist.

Heute besitzen Sie 30 Unternehmen, unter anderem Skilifte in Österreich und der Schweiz. Wissen Sie, wie viel Geld Sie haben?
Keine Ahnung. Ich habe es nie gezählt, immer alles investiert.

Was ist Ihr größter Luxus?
Einen größeren Luxus als eine Rolex habe ich eigentlich nicht. Auch durch sie bin ich durch Zufall gekommen. Ich saß einmal geschäftlich bei Rolex und trug eine Bulgari-Uhr. Da wurde mir ein Rolex-Katalog gereicht. Ich hab mir eine ausgesucht und natürlich selbst bezahlt. Allein die Zollgebühren - die Uhr wurde mir nach drei Monaten geliefert - kostete ein Vermögen. Ich hätte nach dem Preis fragen sollen.

Sie werden am kommenden Freitag 80. Irgendwelche Wünsche?
Bloß keine Geschenke. Was mach ich damit? Mein größter Wunsch wäre, dass alle Menschen in meinem Umfeld gesund bleiben.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Sport. Ski fahren, Berg gehen. Bewegung ist elementar. Aber ich trinke auch jeden Abend einen Wodka. Das ist gut fürs Cholesterin.

Denkt man mit 80 manchmal an den Tod?
Mein Bruder ist vor 14 Tagen gestorben. Lungenkrebs. Ich bin natürlich nachdenklich geworden. Aber jedenfalls vorbereitet. Ich war mit 23 selbstständig, deshalb hab ich schon mit 25 eine Lebensversicherung abgeschlossen und das erste Mal alles geregelt. Testament und so weiter. Es werden alle versorgt sein. Deshalb habe ich eigentlich keine Angst zu sterben.

Kommt etwas nach dem Tod?
Große Religionen und große Philosophen haben sich damit beschäftigt. Ich kann nicht klüger sein als sie. Aber vielleicht werde ich positiv überrascht sein. Ein zweites Leben wäre schön.

Was würden Sie im zweiten Leben anders machen?
Gar nichts. Wieder die Dinge auf mich zukommen lassen und die Chancen nutzen, die sich ergeben. Ich nenne es die Polsterzipfmethode. Wenn du dir ein Ziel setzt, kannst du es nicht sofort erreichen. Du nimmst ein Zipferl vom Polster und beginnst zu ziehen. Was innerhalb des Polsters geschieht, kannst du nicht beeinflussen. Aber wenn du immer weiter konsequent daran ziehst, gehört das Polster irgendwann dir.

Zur Person

Peter Schröcksnadel, geboren am 30. Juli 1941 in Innsbruck, leitete von 1990 bis Juni 2021 die Geschicke des Österreichischen Skiverbands (ÖSV). Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsident ist der Selfmade-Millionär Herr über mehr als 30 Unternehmen im In- und Ausland (geschätzter Umsatz: 70 Millionen Euro pro Jahr). Privat ist der Fliegenfischer und leidenschaftliche Skiläufer verheiratet und hat drei Kinder und 16 Enkelkinder.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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