11.07.2021 23:55 |

England niedergerungen

CAMPIONI! Italiener erobern Europas Fußball-Thron

Der alte Fußball-König ist „tot“, es lebe der neue Fußball-König, Portugal als Titelträger von 2016 ist Geschichte - aus der EM 2020 geht Italiens „Squadra Azzurra“ als großer Triumphator hervor! 19.383 Tage - also mehr als 53 Jahre - nach dem bislang letzten EM-Gewinn kürte sich mit Giorgio Chiellini, Ciro Immobile und Co. wieder ein italienisches Team zum Europameister. In einem packenden Finale im Wembley Stadion setzte sich Italien gegen „Hausherr“ England durch - via hochdramatischem Elfmeter-Schießen!

Irgendwie hätte man den Braten ja vorab schon riechen können: Vier Mal waren Italien und England bisher bei Welt- und Europameisterschaften aufeinandergetroffen - und vier Mal hatten die „Azzurri“ letztlich den Sieg davongetragen. Abgesehen davon konnten die „Three Lions“ gegen Italien gerade erst ein Match in Englands National-Heiligtum Wembley für sich entscheiden - und dieser 2:0-Erfolg lag auch schon wieder mehr als 43 Jahre zurück.

Freilich: Den ersten Sieg des Abends ließ England bereits vor dem Anpfiff von Schiri-Millionär Björn Kuipers liegen - die mehrheitlich Harry Kane und Co. zugeneigten Zuschauer rissen sich beim Abspielen der Hymnen nicht richtig am Riemen, pfiffen wie auch bei früheren Partien bei dieser EM den Gegner aus. Vielleicht nicht so heftig wie noch gegen Dänemark, aber fair geht trotzdem anders! Sei’s drum! Aufgeputscht von ihrem eigenen „God Save The Queen“ - und womöglich der Sorge, nach einer etwaigen Final-Niederlage ebenfalls mit Pfiffen und Buh-Rufen bedacht zu werden - legten die „Three Lions“ gleich einmal los, als ob sie einer Antilopen-Herde ansichtig geworden wären.

Nach gerade einmal 117 (!) Sekunden gingen die Engländer durch einen blitzsauberen Konter nach einer im eigenen Strafraum geklärten Ecke in Führung. Über mehrere Stationen kam der Ball zum in die Mannschaft rotierten Kieran Trippier, dessen Flanke durch Italiens Strafraum der in seiner Karriere bislang herzlich ungefährliche Luke Shaw (3 Tore in 274 Pflichtspielen) per Dropkick traumhaft im kurzen Eck versenkte. Krass: Noch nie war in einem EM-Finale so früh ein Tor gefallen! Ein bescheidener Spielbeginn für die „Squadra Azzurra“, die im bisherigen Turnier-Verlauf nur gegen Österreich kurzfristig hinten gelegen war (Abseitstor! Arnautovic!) und nun einem Rückstand nachzulaufen hatte.

Wobei: So richtig ins Laufen kam der Auftritt von Leo Bonucci und Co. nach diesem Schock lange nicht, zu große Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld bzw. Mittelfeld und Angriff verhinderten einen besseren Zugriff der „Azzurri“. Vielmehr übernahmen die wie im Achtelfinale gegen Deutschland wieder in einem 3-4-3 aufgelaufenen Engländer sofort die Kontrolle. Vor allem mit deren Flanken-Dauerläufern Trippier und Mason Mount hatten die Italiener mitunter gröbere Probleme. Etwa in Minute 10, als Erstgenannter bei einem Stanglpass Raheem Sterling suchte, aber knapp nur Chiellini fand. Es sollte tatsächlich bis zur 35. (!) Minute dauern, ehe Italien in Person von Federico Chiesa die erste echte Chance verbuchen konnte.

Nachdem er den Ball tief im Mittelfeld beinahe verloren hätte, tankte sich der Juve-Außenstürmer mit einem Energieanfall gegen drei Gegenspieler durch und verfehlte das von Jordan Pickford gehütete England-Tor dann aus 20 Metern nur knapp. Und sonst? Nichts - außer man mag Schüsse von Lorenzo Insigne (8./weit drüber; 28./weit links vorbei) sowie einen geblockten Immobile-Schuss (45.) gnädigerweise dazuzählen. ABER: Zur Ehrenrettung der Italiener sei vermerkt, dass auch England nach dem 1:0 kein Chancen-Feuerwerk zustande brachte - de facto hatten die „Three Lions“ in Spielhälfte 1 keine einzige richtige Chance mehr. Die Führung im Rücken und die mehr oder weniger totale Kontrolle auf dem Rasen trösteten freilich darüber hinweg …

Mit Wiederanpfiff in Spielhälfte 2 setzte sich allerdings der Trend der letzten 15 Minuten von vor der Pause fort - Italien kam auf, konnte sich viel Ballbesitzes erfreuen (zeitweise bereits 62 Prozent!) und auch im Mittelfeld ein ordentliches Passspiel aufbauen. Allerdings auch deshalb, weil das von der bereits sehr früh sehr tief stehenden Southgate-Elf bewusst zugelassen wurde. Im und rund um den Strafraum wurde dann aber humorlos dichtgemacht. Wenig überraschend daher, dass es dem kleinen, wieselflinken Außenstürmer Insigne überlassen blieb, mit Einzelaktionen und -abschlüssen den Puls des England-Trainers dann und wann in die Höhe schnellen zu lassen (51./Freistoß drüber; 53./am langen Eck vorbei; 57./Pickford parierte aus spitzem Winkel).

Keine Großchancen, nein, aber doch Anzeichen dafür, dass die „Azzurri“ noch nicht aufgegeben hatten. Und tatsächlich: Nach je einer weiteren vergebenen Chance für Italien (62./Chiesa scheiterte per Flachschuss an Pickford) und England (64./John Stones‘ Kopfball drehte Goalie Gigi Donnarumma über die Latte) machte Abwehr-Oldie Bonucci den für England scheinbar bereits zugemachten Sack wieder auf: Nach einem Eckball konnte Pickford einen Kopfball von Marco Verratti gerade noch an den Pfosten abwehren, doch gegen den wie ein „Frecciarossa 1000“ heranschießenden Bonucci und dessen Abstauber war er dann machtlos (68.).

Nun waren die immer passiver gewordenen „Three Lions“ geschockt, so wie die Italiener nach dem frühen 0:1 in Spielhälfte 1 - oder sogar noch mehr! Die Mancini-Elf drückte nun auf das 2:1 und hätte dieses durch den eingewechselten Domenico Berardi eigentlich auch schießen müssen (74.) - seine Direktabnahme nach einem langen Bonucci-Ball in die Spitze ging aber knapp drüber. Von England kam nun gar nichts mehr, nicht einmal im Ansatz nach Gefahr riechende Konter brachte man zustande- selbst die taktische Umstellung auf eine Viererkette durch die Einwechselung von Bukayo Saka für Trippier brachte nichts. Logische Folge: Verlängerung!

Da die Italiener auch in dieser Overtime das Ruder nicht mehr aus der Hand gaben, zudem durch Federico Bernadeschi (103./gegen Pickford einen Tick zu spät; 107./Direktfreistoß) gefährlicher als die „Three Lions“ waren, musste das Elfmeter-Schießen über den Gewinner der EM 2020 entscheiden. Und in dem fanden die „Three Lions“, die in den vergangenen Jahren zahlreiche schlechte Eigenschaften von früher abgelegt zu haben schienen, zu alter Schwäche vom Punkt zurück: Die allesamt eingewechselten Marcus Rashford (Stange), Jadon Sancho und Saka (Donnarumma parierte die Elfer der beiden) scheiterten - während aufseiten der Italiener „nur“ Andrea Belotti und Jorginho nicht trafen …

Das Ergebnis:
Italien - England 1:1 (1:1, 0:1) nach Verlängerung; 3:2 i.E.
London, Wembley-Stadion, 67.173 Zuschauer, SR Kuipers (NED)

Tore: 0:1 (2.) Shaw, 1:1 (67.) Bonucci

Gelbe Karten: Barella, Bonucci, Insigne, Chiellini, Jorginho bzw. Maguire

Italien: Donnarumma - Di Lorenzo, Bonucci, Chiellini, Emerson (118. Florenzi) - Barella (55. Cristante), Jorginho, Verratti (96. Locatelli) - Chiesa (86. Bernardeschi), Immobile (55. Berardi), Insigne (91. Belotti)

England: Pickford - Walker (120. Sancho), Stones, Maguire - Trippier (70. Saka), Philipps, Rice (74. Henderson/120. Rashford), Shaw - Mount (99. Grealish), Sterling - Kane

Elfmeterschießen:
1:0 - Berardi trifft
1:1 - Kane trifft
1:1 - Belotti scheitert an Pickford
1:2 - Maguire trifft
2:2 - Bonucci trifft
2:2 - Rashford schießt an die Stange
3:2 - Bernardeschi trifft
3:2 - Sancho scheitert an Donnarumma
3:2 - Jorginho scheitert an Pickford und der Stange
3:2 - Saka scheitert an Donnarumma 

Hannes Maierhofer
Hannes Maierhofer
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