01.05.2021 09:00 |

Als Krankenschwester

„Trauern und Weinen ist ein Teil meiner Arbeit“

Gernot Stocker bezeichnet sich als männliche Krankenschwester. In seinem Buch „Zyankali zum Frühstück“ erzählt der Oststeirer von den vielen Sorgen seines Jobs.

Vergessen Sie alles, was „Schwarzwaldklinik“ und „Grey’s Anatomy“ über Krankenschwestern gezeigt haben. Kein Drehbuch dieser Welt kann die Tränen und Tragödien wiedergeben, die Gernot Stocker seit 25 Jahren als „Krankenschwester“ erlebt hat und nun in seinem ersten Buch erzählt.

Geschichten voller Emotionen
„Genau da, wo der Mensch auf das Einfachste reduziert ist, beginnt unsere Arbeit, die sich um Speichel, Blut, Stuhl und Harn dreht und mit Hirn, Herz, Härte und Humor erledigt wird“. Das im Krankenhaus Erlebte hat der Oststeirer zuerst als Tagebuch und nun als Taschenbuch zusammengefasst. „Es sind emotionale Geschichten und Erlebnisse, die ich für außergewöhnlich halte, ohne dabei Schweigepflicht und Datenschutz zu verletzten“.

Wenn es um seine ersten Lehrjahre geht, kennt der 43-Jährige keine Rücksicht auf Beteiligte, die ihn schikanierten. „Ich war zwar der Hahn im Korb, aber mir wurden auch einige Eier gelegt.“ Schmunzelnd erinnert sich Gernot Stocker daran, dass er vom Oberarzt zum Zyankali kaufen in die Apotheke geschickt wurde. Aber auch an die Ohrfeige für einen Rechtschreibfehler im Befund. „Ich war anfangs nur der schwule Bua, der für vieles verantwortlich gemacht wurde, auch wenn ich gar nicht im Dienst war. Ich hatte das Gefühl, die wollen mich nur loswerden“.

Trauern und Weinen gehören zum Job
Seine „Haut“ ist dicker geworden, die Emotion und Empathie für Patienten und deren Angehörigen ist jedoch geblieben. „Arbeit ist für mich Emotion und die musst du spüren. Wenn du es nicht aushältst, zerbrichst du daran. Wer oberflächlich wird, ist keine gute Krankenschwester mehr“, sagt er. Trauern und Weinen gehören zum Job, auch wenn es für den Familienvater ein Lernprozess war.

Prägend war für ihn ein Praktikum auf der Kinderonkologie. Dadurch reihten sich die Prioritäten neu, die Lebenseinstellung wurde über den Haufen geworfen. „Gerade habe ich noch mit dem Mädchen “Indianer„ gespielt und zwei Stunden später schläft die junge Seele friedlich ein“. Die Mutter kniet schreiend, wimmernd vor dem Kind. „Heute kann und will ich mit den Angehörigen und Kolleginnen mitweinen, damals bin ich zum Weinen in die Kirche gegangen.“

Getreten, geschlagen & als Mörder beschimpft
Erlebt hat Stocker viel: So schreibt der Buchautor über einen Nachtdienst, als ihn ein psychisch Kranker mit geladener Pistole besuchte, die Cobra ausrückte und die Beamten mit Maschinengewehr im Anschlag alle Zimmer durchsuchten. In Erinnerung auch der tote Asylant, der niemanden abging und 40 Tage lang im Kühlfach lag. Oder jener Patient, dem seine Krebsdiagnose am Vorabend gestellt wurde und der danach in den Tod sprang. Oder die psychisch labile Frau, die ihn als Mörder beschimpfe und dafür sorgen wollte, dass er als frisch verheirateter Familienvater sein Job verliert.

Diese tätlichen und verbalen „Ausrutscher“ hinterlassen Narben: „Hätte ich mich danach nicht mit Kolleginnen ausgetauscht, wäre ich psychisch zugemüllt und mit beiden Beinen ins Burnout gerutscht.“ Gab es auch den Gedanken ans Aufhören? „Ja, als uns das Sparpaket an die Grenze der Belastbarkeit brachte. Plötzlich war für zwei Abteilungen nur mehr eine Krankenschwester im Nachtdienst! Ich habe die Klotür offengelassen, damit ich nichts überhörte.“ Besonders bedrückend: "Das Hinaufdrehen der Leistungsspirale habe ich an meinen Fehlern erkannt, die mir negativ ausgelegt wurden. Das belastet auch dein Privatleben.“

Mit Corona kam die Verzweiflung
Das musste Gernot Stocker auch im Umfeld seines Heimatortes Kirchberg an der Raab wahrnehmen, als er zu Beginn der Corona-Pandemie „als höchst ansteckend“ eingestuft und ausgewichen wurde. „Wir hatten die ersten Corona-Toten auf der Station und in den Nachrichten hörten wir, dass es für uns keine Schutzbekleidung gibt. In den Spinden habe ich die Maske versteckt, damit ich mich beim nächsten Dienst schützen konnte. Das war Verzweiflung, weil wir nicht wussten, wie’s weiter geht“.

In der großen Verunsicherung wurden Menschen getrennt, mussten allein sterben. „Ich habe oft die Hand des Sterbenden in Vertretung des Partners gedrückt, habe gesegnet und gebetet“. Der Applaus von damals an das Pflegepersonal ist inzwischen verstummt. Und dennoch arbeiten tausende Krankenschwestern wie Gernot Stocker unter belastenden Umständen engagiert weiter. „Ich halte es aus, weil es meine Verpflichtung ist, den Menschen zu helfen.“

Erich Fuchs
Erich Fuchs
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