1,69 € pro Stunde

Hinter Alexa stecken unzählige Geisterarbeiter

Digital
28.03.2021 17:39

Lautsprecher, Handykameras, Zahnbürsten: Die Elektronikbranche hat Künstliche Intelligenz (KI), die Bilder erkennt oder Sprache versteht, als zugkräftiges Werbevehikel entdeckt. Doch so schlau wie im Science-Fiction-Film sind Alexa, Siri, Cortana oder der Google Assistant noch lange nicht. Oft sind echte Menschen das „Hirn“ der KI-Assistenten. Sie sind Geisterarbeiter, die - unsichtbar für den Nutzer am anderen Ende der Leitung - unter prekären Bedingungen ihren Job verrichten.

Die KI-Revolution treiben nicht nur hochbezahlte Wissenschaftler voran, sondern auch Billiglohnarbeiter, die einspringen, wenn die KI nicht mehr weiter weiß. Sie tippen Sprachbefehle ab, um Alexa und ihren Schwestern zu besserer Erkennungsleistung zu verhelfen. Sie ordnen Fotos ein, damit die KI-Bilderkennung besser wird. Sie prüfen Postings in sozialen Netzwerken, weil noch lang nicht jeder Regelverstoß von Algorithmen erkannt wird. Doch ihre Arbeit wird schlecht bezahlt und kaum geschätzt, berichtet die BBC.

Oft genug wissen diese Geisterarbeiter gar nicht, für wen sie tätig sind. Sie arbeiten als Freiberufler auf Auftragsbasis für Agenturen wie Amazons Mechanical Turk, Crowdflower oder Microworkers, deren Dienste verschiedenste Unternehmen aus der IT-Branche in Anspruch nehmen.

„Mechanical Turk“: Name von Jahrmarkt-Attraktion inspiriert
Der Name beim Amazon-Vermittler ist Programm: Er basiert auf einem vom österreichisch-ungarischen Mechaniker Wolfgang von Kempelen erfundenen Schachautomaten aus dem 18. Jahrhundert. Die umgangssprachlich „Schachtürke“ genannte Jahrmarkt-Attraktion war in Wirklichkeit kein Automat, sondern verbarg einen Schach spielenden Menschen.

Der Schachautomat von Wolfgang von Kempelen war kein echter Automat. Ein im Inneren verborgener Mensch steuerte ihn. (Bild: Wikimedia Commons - Joseph Racknitz, Humboldt University Library)
Der Schachautomat von Wolfgang von Kempelen war kein echter Automat. Ein im Inneren verborgener Mensch steuerte ihn.

Als unsichtbares Zahnrad der intelligenten Maschinen fühlen sich auch die Geisterarbeiter, die heute Alexa, Siri und Konsorten ihr Hirn leihen. Sherry Stanley aus den USA erzählt: „Turking ist eine der wenigen Jobmöglichkeiten, die ich in West Virginia habe.“ Sie sei stolz auf ihre Arbeit, wisse aber: „Als einer der größten Konzerne der Welt verlässt sich Amazon darauf, dass Arbeiter wie ich über die Bedingungen bei der Arbeit schweigen.“

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Die Stunden variieren von Tag zu Tag und auch die Bezahlung schwankt.

Sherry Stanley, Geisterarbeiterin

Sie habe Angst, es auszusprechen, aber: Das Einkommen, mit dem sie ihre drei Kinder durchbringen musste, sei unsicher gewesen. „Die Stunden variieren von Tag zu Tag und auch die Bezahlung schwankt.“ Außerdem wisse man oft nicht, an welchem Projekt man eigentlich für welchen Kunden arbeite. Stanley wünscht sich mehr Transparenz. Amazon entgegnet, dass man seit 2019 eine Funktion anbiete, mit der sich die Arbeiter über die Projekte informieren könnten.

Verdienst kann zwei Dollar pro Stunde betragen
Der Verdienst? Laut Saiph Savage, die an der West Virginia University das Zusammenspiel von Mensch und Maschine erforscht, höchst überschaubar: Der Stundenlohn kann gerade einmal zwei US-Dollar (1,69 Euro) ausmachen, hat sie herausgefunden. Das liege oft daran, dass nicht klar sei, wie lang eine Aufgabe wirklich dauere. „Man sagt ihnen, der Job ist fünf Dollar wert und könnte zwei Stunden dauern.“ Es sei ein ungleiches Machtverhältnis, bei dem der Arbeitgeber bestimme und der Arbeitnehmer diesem ausgeliefert sei.

Künstliche Intelligenz wird von Menschen trainiert - und kann auf diese Weise auch vorurteilsbehaftetes Denken "lernen". (Bild: flickr.com/photos/healthblog)
Künstliche Intelligenz wird von Menschen trainiert - und kann auf diese Weise auch vorurteilsbehaftetes Denken "lernen".

Algorithmen lernen von Menschen, die sie trainieren
Dabei komme den Geisterarbeitern, die KI-Systeme trainieren, eine wichtige Aufgabe zu: Die Maschinen lernen von ihnen, wie sie Sprache zu verstehen oder Bilder einzuordnen haben. Savage verweist auf eine Studie zu Content aus der Homosexuellen-Szene auf YouTube. Man entdeckte, dass manche Videos widerrechtlich gelöscht wurden, weil YouTubes Algorithmen angeschlagen hatten. Trainiert wurden diese von Geisterarbeitern aus einem Land, in dem solche Inhalte politischer Zensur unterliegen.

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Die Entscheidungen, die Datenarbeiter in Afrika und anderswo treffen, fließen zurück und gestalten die Algorithmen, mit denen Nutzer auf der ganzen Welt jeden Tag interagieren.

Saiph Savage, West Virginia University

„Die Entscheidungen, die Datenarbeiter in Afrika und anderswo treffen, fließen zurück und gestalten die Algorithmen, mit denen Nutzer auf der ganzen Welt jeden Tag interagieren.“ Im Schatten der schillernden KI-Zukunft verrichte eine unsichtbare Klasse Arbeit mit hoher Verantwortung. „Es wäre höchste Zeit, diese Arbeiter zu regulieren und angemessen zu bezahlen.“

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