Die Menschen werden im Umgang mit der Pandemie immer leichtsinniger, so das Fazit einer Umfrage - die ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Denn beurteilt wurden andere und Leichtsinn ist ein dehnbarer Begriff.
„Ist die Bevölkerung in Sachen Corona in den letzten Monaten leichtsinniger geworden oder nicht?“, hat das Market Institut 1000 Österreicher online gefragt. Das Ergebnis: 78 Prozent sehen einen Anstieg des Leichtsinns. Die meistgenannten Gründe: Covid hat seinen Schrecken verloren (49 Prozent), und man kennt keine Todesfälle im persönlichen Umfeld (45 Prozent).
Heißt das, die Bevölkerung sei sorgloser bis fahrlässiger geworden? „Nicht unbedingt“, sagt Psychologin Barbara Juen, „denn zum einen haben die Menschen nicht sich selbst, sondern andere beurteilt, und zum anderen hat jeder eine andere Auffassung von Leichtsinn.“
Menschen beurteilten sich nicht selbst
Zwar gebe es einen Zusammenhang zwischen der Einhaltung von Regeln und Angst - das wisse man aus dem Herbst, als Maßnahmen erst abgelehnt und später, als die Situation in den Spitälern kritischer wurde, angenommen wurden, doch die könne man so nicht erfragen sagt Juen. Eben weil die Menschen sich nicht selbst beurteilt haben. Zudem seien keine offenen Fragen gestellt, sondern Gründe zur Auswahl vorgegeben worden, wirkliche Rückschlüsse auf die Realität seien so nicht schließbar.
„Leichtsinn ist ein moralischer Begriff“, sagt die Psychologin, schnell könne der Eindruck entstehen, dass die Bevölkerung aus Egoisten bestehe, die nicht aufeinander schauen. „Aber das stimmt nicht“, sagt Juen. Vielmehr wisse man aus vielen Studien, die aktuell weltweit geführt werden, dass selbst jene, die die Maßnahmen nicht als sinnvoll erachten, sich großteils daran halten - um andere zu schützen.
Selbst „Querdenker“ halten sich zum Teil an die Regeln
Vor allem junge Menschen haben Angst, ältere anzustecken, sagt Juen. „Nehmen sie die Maßnahmen untereinander lockerer, testen sie sich, bevor sie ältere Menschen sehen“, weiß sie aus zahlreichen Interviews. Interessant: Selbst jene, die zu den sogenannten Querdenkern gehören, halten sich laut Juen zum Teil an die Regeln, um ihr Umfeld nicht zu gefährden.
Niemand mag mehr. Die Mutationen, die schleppende Impfung – gefühlt wird alle fünf Minuten eine Hoffnung zerschlagen. Aber das ist weniger Leichtsinn als Müdigkeit.
Psychologin Barbara Juen
Man könne also nicht einmal hier verallgemeinernd von Leichtsinn im Sinne der Gemeingefährdung sprechen. Denn auch unter den Demonstranten sind viele Menschen, die durchaus ganz berechtigte Forderungen und Zweifel haben, sagt Juen. Natürlich gebe es auch Vorfälle, wo jemand angespuckt wird, oder Menschen wissentlich infiziert arbeiten gehen, aber das seien „absolute Einzelfälle“.
Aber man wisse auch: Im Laufe der Pandemie verliert man rund 20% der Menschen - „sie tragen die Maßnahmen nicht mehr mit“. Durch Impfung und Tests bestehe aber die Hoffnung, dass bald ein neues Gefühl entsteht, nämlich: „Dass das Virus nicht mehr uns beherrscht, sondern wir das Virus.“ Vor allem die Tests seien eine gute Option, den unsichtbaren Feind - gefühlt - sichtbar zu machen und mehr Selbstwirksamkeit zu erlangen. Und die brauche es dringend, sagt Juen, denn viel mehr als leichtsinnig sei die Bevölkerung müde. Müde und sehr erschöpft.
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