Mo, 17. Dezember 2018

Kur zum Hören

05.11.2010 17:06

Burn-out, Herz, Schlaf und mehr: Musik als Medizin

Musik geht unter die Haut – und noch viel weiter, müsste man ergänzen. Denn heute weiß man, Klänge können mehr als unsere augenblickliche Stimmung beeinflussen. Sie können auch heilen. Die Liste, wo die "Kur zum Hören" funktioniert, ist lang: Schlaganfallpatienten erlernen wieder Bewegung oder Sprache, Musik dringt zu Depressiven durch, hilft Burn-out vorzubeugen und besser mit Schmerzen umzugehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Für heilende Wirkung im medizinischen Sinne genügt es nicht, die Lieblingsmelodie im Radio zu hören, einem Konzert zu lauschen oder selbst aus Freude zu musizieren. Die heilenden Effekte  müssen erforscht und speziell komponierte Programme entwickelt werden, die dann ausgebildete Musik-Therapeuten und Ärzte anwenden. 

Medikament zum Hören
Vera Brandes, Leiterin des Forschungsprogrammes MusikMedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg: "Die richtige Diagnose ist die Basis für die Auswahl der passenden Methode.  Patienten können mit Musik 'beschallt' werden, von Therapeuten bespielt oder besungen. Aktive Patienten musizieren selbst, um sich äußern zu können." Musik ist wie ein akustisches Medikament.

Im Organismus laufen ständig viele rhythmische Prozesse ab, das Gehirn ist der zentrale Taktgeber. Mit den Rhythmen von Musik als Stimulation lassen sich bestimmte Funktionen wieder korrigieren, sie haben Wirkung auf Botenstoffe und Hormone.

Brandes: "So ist etwa das Hormon Oxytocin für die Bindungsfähigkeit zwischen Menschen verantwortlich. Sieht z.B. eine Mutter ihr Kind, gibt dies den Anstoß dafür, dieses Hormon auszuschütten. Je mehr, desto mütterlicher reagiert die Frau. Durch soziale Vernachlässigung wird diese Bindungsfähigkeit eines Menschen gestört. Das kann man mit Musiktherapie positiv beeinflussen." Sogar genetische Prozesse lassen sich aktivieren und verändern – ebenso wie dies laut jüngsten Forschungsergebnissen durch Lebensbedingungen der Fall sein kann.

Tiefer und länger schlafen
Alles, was mit rhythmischen Abläufen im Organismus zu tun hat, ist  ein "Fall" für die Musiktherapie: So wird Bluthochdruck günstig beeinflusst, der Herzrhythmus "beruhigt". Wie eine Kur kann die Therapie das Herz-Kreislauf-System verbessern und das Herz sozusagen verjüngen. Und auch Schlafstörungen lassen sich verbessern. Man schläft tiefer und länger.

Sprache ist eine Variante von Musik. Bevor ein Kind sprechen lernt, äußert es sich mit Rhythmus, Tönen, Melodien, die im Laufe der Entwicklung immer konkreter werden, bis die Kinder schließlich reden.

"Wo Worte nicht durchkommen, wenn Barrieren uns trennen, ist es die Musik, die durchdringt", meint der US-Wissenschaftler Barry Bittman. Dies gilt auch für Patienten, die durch Erkrankungen oder nach Unfällen nicht mehr sprechen können. Musik und Rhythmusgefühl bleiben trotzdem in tiefen Regionen des Gehirns gespeichert. Mit ihrer Hilfe kann man die Sprache wieder "zurückholen."

Erinnerungsvermögen wird trainiert
Dafür wurde in den USA eine Methode entwickelt, die  Schlaganfallpatienten dazu verhilft, über bestimmte Mechanismen im Gehirn die Sprache rascher wieder zu erlernen. "Demente Menschen sprechen ebenfalls gut auf Musiktherapie an, die sogar eine gewisse vorbeugende Wirkung hat. Äußere Gehirnschichten werden sozusagen 'aufgefrischt', das Erinnerungsvermögen trainiert", so Brandes. Davon können auch Kinder mit Konzentrationsstörungen profitieren.

Schmerzen gehen mit Verkrampfung und Angst einher. Mit heilenden Klängen entspannt sich der Körper und Angst löst sich. So wird die Durchblutung verbessert, schädigende Substanzen werden rascher abtransportiert und Wunden heilen schneller.

Jeder kennt das: Man hört Musik und beginnt mit dem Fuß zu wippen. Dieser automatische Impuls wird z.B. auch in der Behandlung von Bewegungsstörungen genützt. Hier versucht man die körpereigenen Rhythmen in den Gleichklang mit der Musik zu bringen.

Bei Menschen mit spastischen Syndromen (Krämpfen) etwa oder im Koma geht der Therapeut mit heilenden Klängen sehr sensibel auf oft nur minimale Reaktionen der Betroffenen ein, um eine Form der Kommunikation aufzubauen.

Vorbeugung von psychischen Erkrankungen
Erfreuliche Ergebnisse gibt es auch in der Therapie und Vorbeugung von psychischen Erkrankungen bzw. Problemen. Vera Brandes: "In neurophysiologischen Untersuchen wurde gezeigt, dass Musik die für die Emotionsverarbeitung zuständigen zentralen Hirnareale beeinflusst. Günstige Effekte erzielt man bei Burnout, das mit einem völlig überreizten Nervensystem einhergeht. Depressive Menschen verlieren die Genussfähigkeit, dies steht in Zusammenhang mit der für diese Krankheit typischen Antriebslosigkeit."

Nach fünf Wochen Therapie (täglich zweimal eine halbe Stunde) mit einem speziellen Hörprogramm ging es den Teilnehmern wesentlich besser. Eine Lehrerin, 49 Jahre alt: "Ich wurde gelassener, ruhiger, aktiver, optimistischer und schlief besser."

von Eva Rohrer, Kronen Zeitung

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