15.11.2020 08:00 |

Corona-Vergleiche

Grazer Historiker: „Politik fehlt das Gespür“

Ist die Corona-Krise wirklich die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg? Historiker Walter Iber von der Uni Graz über Vergleiche mit der Vergangenheit.

Kronen Zeitung: Wie geht es Ihnen als Historiker, wenn in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie von der größten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg gesprochen wird?
Walter Iber: Ehrlich gesagt, tue ich mir schwer, wenn die Politik mit derartigen Begrifflichkeiten um sich wirft. Aus meiner Sicht fehlt hier oft das historische Gespür, und ich frage mich, ob dies aus Unwissenheit oder aufgrund von Marketingzwecken passiert.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Wenn ich etwa vom Wiederaufbau Europas lese, vergleicht man die aktuelle Situation ja mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als man vor Millionen von Gräbern gestanden ist. Will man sich ernsthaft mit dieser Generation vergleichen? Am ehesten haben diese Superlative aus meiner Sicht in der Wirtschaft eine Berechtigung. Vergleiche mit der Großen Depression der 1930er-Jahre scheinen hingegen noch übertrieben.

Aber auch Covid-19 hat bereits über 1,3 Millionen Todesopfer gefordert...
Natürlich ist das tragisch. Aber auch hier spricht man von der schwersten Pandemie seit 100 Jahren, obwohl das gemessen an den Opferzahlen einfach nicht stimmt. Die Asiatische Grippe forderte Ende der 1950er-Jahre rund zwei Millionen Todesopfer, und auch an der sogenannten Hongkong-Grippe ist schätzungsweise eine Million Menschen gestorben. Wobei es damals in unseren Spitälern keine Meldepflicht gab - heute gibt’s bei Corona die tagesaktuellen Todeszahlen. Und was man auch vergisst, 2017/18 hatten wir in Österreich 2800 Grippe-Tote.

Also ist der Umgang mit der Krise anders als früher?
Die Art und Weise ist sicher ein Novum. Es wäre damals nie möglich gewesen, dass sich das komplette Gesellschaftsleben einer Krankheit unterordnet. Die Menschen waren Sorgen einfach gewohnt, die Krankheiten waren da nur ein Problem von vielen.

Sind die Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise neu?
Ausgangssperren hatte es zuletzt Ende des Zweiten Weltkriegs und in der frühen Besatzungszeit gegeben. Eigentlich bräuchte es jetzt die internationale Gemeinschaft - doch wie schon in den 1930er-Jahren flüchtet man sich in Protektionismus, etwa in Form von willkürlich ausgesprochenen Reisewarnungen, und auch beim Impfstoff übt man sich in nationalen Alleingängen.

Walter M. Iber ist Historiker. Dozent am Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz.

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