14.10.2020 13:37 |

Nicht nur Nachbarinnen

Eine verbotene Liebe: „Wir beide“

Liebe und Zärtlichkeit im Alter sind nicht häufig auf der Leinwand zu sehen. Ein in die Jahre gekommenes lesbisches Paar noch weniger. So muss Barbara Sukowa im französischen Drama „Wir beide“ (Kinostart: 16. Oktober) des italienischen Regisseurs Filippo Meneghetti auch gegen wohlbehütete Heimlichkeiten um ihre Liebe kämpfen.

Die beiden sind Nachbarinnen. Sie leben allein auf der letzte Etage in einem Wohnhaus irgendwo im schöneren Teil der französischen Provinz. Soweit die Fassade. Doch hinter dem bürgerlichen Schauspiel steckt eine zutiefst emotionale Geschichte. Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) sind nicht nur zwei inzwischen ältere Damen, sondern seit Jahrzehnten auch ein sich sehr heimlich liebendes lesbisches Paar. Mit seinem Spielfilmerstling „Wir beide“ schafft Regisseur Meneghetti eine einfühlsame Ebene für zwei überzeugend agierende Akteurinnen.

Schon die beiden Wohnungen sind Attrappe. Ninas Domizil ist kaum eingerichtet, alles karg und provisorisch, ein Bett dort nicht mal bezogen. Das Leben des Paares entfaltet sich auf der anderen Seite des Hausflurs: In Madeleines Apartment wohnen sie zusammen, kochen, essen, tanzen, lieben sich. Voller Harmonie schmieden sie noch Zukunftspläne: ein wahrhaft gemeinsames Leben in Rom, wo sie sich vor einer kleinen Ewigkeit kennen- und lieben lernten.

Madeleine hat ihre große Liebe Nina geheim gehalten. Vor dem irgendwann gestorbenen Ehemann, den beiden inzwischen erwachsenen Kindern, der Enkelgeneration. Nina hat das all die Jahre eher hingenommen als akzeptiert. Aber für die gemeinsamen Rom-Pläne ist der entscheidende Schritt zur Wahrheit notwendig: Madeleines Outing, das Bekenntnis zur großen, gemeinsamen Liebe. „Ich wollte euch etwas sagen, dass sehr wichtig für mich ist...“, setzt Madeleine an ihrem Geburtstag im Familienkreis zu neuer Offenheit an. Doch nach schmerzhaft langen Sekunden kommt sie über ein „...dass ich euch lieb hab‘“ nicht hinaus.

Rom scheint auf dem Spiel zu stehen. Nina ist stinksauer. Das Beziehungsdrama könnte seinen Lauf nehmen. Doch Madeleine erleidet einen Schlaganfall. Das lange Schweigen nimmt Nina nun jede Möglichkeit, sich um ihre kranke Geliebte zu kümmern. Keine Rechte im Krankenhaus, die Pflege daheim übernimmt eine wenig engagierte Kraft, Madeleines zunehmend misstrauische Kinder schotten die nur langsam Genesende ab.

Nina muss mit aller Kraft und Liebe für die gemeinsame Zukunft kämpfen. Dabei kann sie auch auf die Wirkung des alten italienischen Schlagers „Chariot“ setzen, das Lieblingslied der beiden von Freiheit Träumenden: „Du wirst mit mir zusammenleben, die Erde wird grenzenlos sein.“

Das sagt „Krone“-Kinoexpertin Christina Krisch zum Film: Es ist dies die Geschichte einer Liebe, die sich lange mit der Wahrung des Scheinsarrangierte und nur im Verborgenen blühen durfte. Wie das im Geheimen sich verfestigte Glückdieses reifen Paares nun durch Krankheit und Einmischung von außen einer harten Prüfung unterzogen wird, wie zwei Menschen, die einander herzensnah sind, ihre selbstbestimmte Zweisamkeit wiedererlangen müssen, ist rührend, was nicht zuletzt an dem gelungenen Cast liegt. Dass Regisseur Filippo Meneghetti gekonnt Suspense-Elemente à la Hitchcock einflicht, ist zusätzlich reizvoll!

Kinostart von „Wir beide“: 16. Oktober.

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