16.10.2020 08:00 |

Auf Zeitreise

Enns und Steyr: Im Land der Hämmer

Eisen war das tragende Fundament der 1000-jährigen Eisenstadt Steyr am Nationalpark Kalkalpen. Musiker fanden ihre Inspiration am Zusammenfluss von Enns und Steyr.

„Griaß eich“, sagt ein freundlicher Mann in schwarzer alter Tracht mit Hellebarde und Laterne. Der geheimnisvolle Fremde ist Wolfgang Hack, jener Nachtwächter, der uns an diesem Abend auf eine spannende Zeitreise durch Steyr mitnimmt. Seine Familie ist seit 600 Jahren in der 1000-jährigen Eisenstadt beheimatet, er kennt daher jeden Winkel und vor allem die Geschichten hinter den schmucken Fassaden.

So zog es Franz Schubert des Öfteren in die alte Eisenstadt. Dabei erwähnte der Musiker das Haus am Stadtplatz 34 in einem Brief an seinen Bruder im Jahr 1819. Dieses Domizil hatte es dem Musiker besonders angetan, da der Hausherr gleich acht hübsche Töchter besaß. Hier begann er auch mit der Komposition seines berühmten Forellenquintetts. Auch Anton Bruckner fand Gefallen an dem romantischen Fleckchen am Zusammenfluss von Enns und Steyr. Dass sein Liebeswerben bei den Frauen leider keinen Anklang fand, pflegte der „Musikant Gottes“, wie er aufgrund seiner Verbundenheit mit der Kirche genannt wird, mit bis zu 17 Seidln hinunterzuspülen, wie eine Wirtshausrechnung belegt.

Ebenfalls mitten im Zentrum befindet sich das Bummerlhaus, ein spätgotisches Bürgerhaus, das zu den schönsten mittelalterlichen Profanbauten Österreichs zählt. Und in Schloss Lamberg, in dessen Burggraben im Sommer das Musikfestival über die Bühne geht, erzählt Katharina im historischen Kostüm ihren sozialen Aufstieg von der böhmischen Gänsemagd zur Gräfin.

Seinen Reichtum hatte Steyr dem Eisen vom steirischem Erzberg zu verdanken, das über die Enns Richtung Donau transportiert wurde. Seit Urgedenken haben es die Handwerker entlang der Enns und der Steyr weiter verarbeitet. An den Flüssen dröhnten die Hämmer. Beginnend mit der Industrialisierung durch Josef Werndl entwickelte sich Steyr zu einem innovativen Wirtschaftsstandort bis heute, wie es in unserer Hymne heißt: „Land der Hämmer, zukunftsreich“. Damit ist auch der oberösterreichische Teil der Eisenwurzen gemeint.

Das harte Metall zählte lange mehr als ein Menschenleben. Flößer mussten Nichtschwimmer sein, damit sie nicht abhauen konnten, falls die kostbare Fracht drohte, unterzugehen. Im Mittelalter blühte der Handel mit Venedig. Dadurch gelangten begehrte Produkte von der Seidenstraße bis nach Oberösterreich. Darunter befand sich die Maultrommel, die bereits seit dem 16. Jahrhundert im Steyrertal erklingt und aus der Ferne stammt.

In Molln befinden sich noch zwei von einst mehr als 30 Betrieben dieser kleinen Musikinstrumente, die mit den Zähnen gehalten werden. Einer, der dieses Handwerk noch beherrscht, ist Franz Wimmer. Er verfolgte den Ursprung des Mollner Traditionsinstrumentes und wurde im asiatischen Raum fündig – in Jakutsk. Von dort gelangte die Maultrommel über die Mongolei auf alten Handelsrouten nach Europa. Sogar der Dalai Lama hat dem heute 82-Jährigen einen Besuch abgestattet, eingefädelt durch Heinrich Harrer.

Bis heute prägt die Erzeugung von Eisenwaren die Region. In der Schmiedleithen in Leonstein ist ein liebevoll renoviertes Sensenschmiedeensemble stummer Zeuge der einst mächtigen Zunft. Der Sensenexport florierte noch bis weit ins Industriezeitalter.

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Wer Steyr besichtigt, sollte sich einen Abstecher in den Nationalpark Kalkalpen nicht entgehen lassen. Namen wie Luchsboden, Bärenmauer, Gamskogel oder Hirscheck weisen auf das ehemalige Vorhandensein von Wildtieren hin. Wobei wir im Bodinggraben das Röhren der Hirsche zur Brunft deutlich wahrnehmen konnten. Den Luchs bekamen wir nicht zu Gesicht. Dieser tappte in die aufgestellte Fotofalle der Nationalpark-Ranger. Der Umweltsensibilität der Österreicher ist es zu verdanken, dass dieses Weltnaturerbe nicht durch einen Staudamm geflutet wurde. Immerhin sind 75 Prozent des Nationparks Wildniszone, das ist einzigartig in Österreich. Ein breites Netz an Wander- und Radwegen lädt zum Entspannen in der Natur ein. Besonders wichtig für die Artenvielfalt ist das Totholz.

Zum Abschluss unserer Reise machen wir Halt im Wallfahrtsort Christkindl, wo in wenigen Wochen das Christkind im eigens eingerichteten Weihnachtspostamt wieder alle Hände voll zu tun hat.

Martina Münzer, Kronen Zeitung

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