Mythos beschädigt

„Nachdenklicher“ Beckenbauer feiert 75. Geburtstag

Franz Beckenbauer darf zum 75. Geburtstag auf eine der größten Karrieren im Weltsport zurückblicken. Der vielleicht beste deutsche Fußballer der Geschichte feierte als Spieler und Trainer Erfolge wie kaum ein anderer, die Affäre um die Vergabe der WM 2006 beschädigte aber den Mythos des „Kaisers“. An diesem Freitag feiert er im Familienkreis und blickt „sehr zufrieden“ auf sein Leben zurück.

Kurz vor seinem 75. Geburtstag kam Beckenbauer ins Philosophieren. „Ich muss sagen, dass mich dieses Alter zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen nachdenklich macht. Alle anderen Geburtstage sind leichter an mir vorübergegangen“, sagte er tiefsinnig und ganz ohne die ihm typische Leichtigkeit. „Ich denke, das gehört zum Leben dazu, dass man zwangsläufig mal an den Punkt kommt, an dem man darüber nachdenkt, dass das Leben endlich ist“, wurde er im Mitgliedermagazin „51“ des FC Bayern zitiert.

Die „Lichtgestalt“ hat sich in den vergangenen Jahren öffentlich rar gemacht. Der Ehrenpräsident des FC Bayern und Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, der einst gerne in jedes Mikrofon plauderte oder eine Jahreshauptversammlung des Rekordmeisters als Alleinunterhalter leiten konnte, hat sich mehr und mehr zurückgezogen.

Kein Vergehen nachgewiesen
Ob neben dem reiferen Alter, dem Blick auf die Gesundheit und dem Wunsch nach mehr Familienzeit dabei auch ein Zusammenhang mit den vielen Unklarheiten rund um die Vergabe der WM 2006 besteht, ist nicht bekannt. Beckenbauer konnte kein Vergehen nachgewiesen werden. Das Verfahren in der Schweiz gegen ihn wurde wegen seines schlechten Gesundheitszustands abgekoppelt. Letztlich verjährte es wie auch das gegen drei enge Wegbegleiter aus der Sommermärchen-Zeit. Im Frankfurter Steuerprozess ist Beckenbauer, der eine WM-Führungsrolle hatte, nicht beschuldigt. Der Mythos Beckenbauer wurde beschädigt, dubiose Millionenzahlungen bleiben unaufgeklärt.

Bis zu diesen Tagen war das sportliche Werk Beckenbauers nur von Glanz und Gloria geprägt. Fußball-, Werbe- und Medien-„Kaiser“, Weltmeister-Teamchef, WM-Macher - praktisch alles, was der am 11. September 1945 wenige Monate nach Kriegsende im Arbeiterviertel München-Giesing geborene Sohn eines Postbeamten angriff, wurde zu Gold. Dank Souveränität und Leichtigkeit wirkte Beckenbauer stets, als stünde er über den Dingen. Bezeichnend, dass er einst beim Schuss auf die berühmte Torwand des ZDF-Sportstudios von einem vollen Weißbierglas traf.

„Franz Beckenbauer ist das größte Glück des deutschen Fußballs. Es gab keinen besseren vor ihm und es wird auch kein besserer nachkommen“, würdigte WM-Gefährte Günter Netzer wiederholt die Verdienste des charismatischen Tausendsassas.

FC-Bayern-Liebe
Seinen FC Bayern liebt Beckenbauer auch im reiferen Alter. Als Klub-Legende gewann der Mann mit dem feinen Außenristpass praktisch alles, was der Fußball hergibt: Weltmeister, Europameister, Europacupsieger und, und, und. Es folgten nach Stationen bei New York Cosmos und dem Hamburger SV nahtlos Erfolge in der Karriere nach der Karriere. Neben dem Brasilianer Mario Zagallo und dem Franzosen Didier Deschamps ist er der einzige, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde. Später holte er dann als Sportfunktionär die WM nach Deutschland.

Der alte Franz gab und gibt auch immer gerne die schöne Anekdote zum Start der Weltkarriere zum Besten: Die Watschn, eine Episode aus Münchner Jugendtagen. In Giesing verpasste ihm der „60er“ Gerhard König eine Ohrfeige - weshalb der junge Franz zum FC Bayern wechselte und nicht zu den „Löwen“. Wer weiß, wie alles gekommen wäre...

Legendär sind auch Wutausbrüche, Tadel oder Spott des einstigen Stilisten, der als DER Libero ein Inbegriff von Eleganz auf dem Rasen war. Über „Obergiesing gegen Untergiesing“ oder „Rumpel-Fußball“ schimpfte Beckenbauer immer wieder einmal bei seinen scharfen Analysen. „Ich bin immer noch am Überlegen, welche Sportart meine Mannschaft an diesem Abend ausgeübt hat. Fußball war‘s mit Sicherheit nicht“, sagte er einmal.

Rank und schlank
Beckenbauer ist auch im reifen Alter rank und schlank, auf das Äußere legt er seit jeher Wert. „Alle Sonntage der Welt sind in mir vereint. Wenn man so ein Leben hat in diesen 70 Jahren, angefangen aus dem Nichts kommend und dann durch den Fußball die Kurve nach oben zu kriegen...“, beschrieb es Beckenbauer zum Ehrentag vor fünf Jahren. Damals feierte er nicht groß. Wenige Wochen nach dem Tod von Sohn Stephan (46), eines von insgesamt fünf Kindern des dreimal verheirateten Franz Beckenbauer, verbrachte er den Ehrentag abseits der Heimat im kleinen Familienkreis.

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