21.08.2020 06:00 |

„Imploding The Mirage“

The Killers: Nach dem Schatten kommt das Licht

Corona, interne Querelen, Sexismusvorwürfe von außen - die Killers haben es momentan nicht leicht. Brandon Flowers und Co. machen aber das beste aus der aktuellen Situation und veröffentlichen mit „Imploding The Mirage“ das beste Album seit mehr als einer Dekade. Vollgefüllte Stadien und Arenen sind ihnen auch künftig sicher.

Für eine kurze Zeit lang waren die Killers die größte Band der Welt. Zwischen 2004 und 2006 hat man mit dem Debütalbum „Hot Fuss“, dem wohl besten und eindrucksvollsten einer Band seit „Appetite For Destruction“ von Guns N‘ Roses die ganze Welt beherrscht. Zu einer Zeit, als Spotify noch eine unbekannte Chimäre war und Musikfans nicht nach einzelnen Singles und auf Playlists zugeschnittene Songs schielten, sondern das Album als konzeptionelles Großformat zu schätzen wussten. „Smile Like You Mean It“, „Somebody Told Me“, „Jenny Was A Friend Of Mine“ und natürlich der Überhit „Mr. Brightside“ - allesamt Hymnen, für die andere Bands ihre Eltern verkauft hätten. Letzteren Song hat Frontmann Brandon Flowers 16 Jahre später noch einmal vergegenwärtigt. In einem von seiner Frau aufgenommenen Amateurvideo trällert er den Hit und wäscht sich dabei Corona-gerecht die Hände. Mit seinem ersten Spaßvideoversuch ging er viral und sorgte unfreiwillig für die beste Promotion, die eine Band haben kann.

Promotion-Sperre
Die ist gerade in Tagen wie diesen notwendig. Corona-bedingt haben auch die Killers ihr sechstes Studioalbum „Imploding The Mirage“ um eine Monate zurückverlegt - anfangs natürlich noch im gut gemeinten Irrglauben, bis Herbst könne man schon wieder die großen Stadien und Arenabühnen dieser Welt entern. Anstatt dessen sind sie plötzlich von einer Tontechnikerin mit schweren Sexismusvorwürfen konfrontiert, die mittlerweile elf Jahre zurückliegen. Anstatt sorgenfrei und mit voller Kraft das neue Album zu bewerben, schlagen die Killers sich mit Anwälten herum und sind tunlichst darauf bedacht, mit Gegenbeweisen den ohnehin ramponierten Ruf halbwegs geradezubiegen. Dass die Musik dabei zwar nicht untergeht, aber weniger Aufmerksamkeit bekommt als geplant ist mehr als schade, denn so hittauglich und frisch klang die Truppe aus Nevada das letzte Mal vor weit über zehn Jahren. Natürlich war der direkte Vorgänger „Wonderful Wonderful“ als erstes Nummer-eins-Album in den US-Mainstreamcharts ein großer Wurf, doch eine derart immense spielerische Leichtigkeit haben die Killers erst nach einigen prägnanten Umwälzungen gefunden.

Die vor den Imagine Dragons berühmteste und erfolgreichste Band aus Las Vegas hat sich nach dem letzten Werk endgültig aus der Homebase gezogen. Flowers zog mit seiner Frau nach Utah, der Rest der Band war schon länger in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Dazu hat sich das Gesicht der Killers in den letzten Jahren drastisch verändert. Bassist Mark Stoermer hat vor vier Jahren nach einem Pyro-Unfall bei einem Konzert in London einen Schritt zurückgemacht und ist nur mehr sporadisch auf der Bühne zu sehen, nun hat sich auch Bandgründer und Gitarrist Dave Keuning selbst aus dem Spiel genommen. Schon im letzten Jahr sagte er in einem internationalen Interview, dass es immer sein großer Traum gewesen wäre, in einer erfolgreichen Band Gitarre zu spielen, doch schlussendlich wurde er trotz Geld, Ruhm und Erfolg von den dunklen Seiten des Geschäfts übermannt. Physisch und mental fühlte er sich überfordert, dazu im Kreativprozess nicht mehr ernst genommen. Flowers und Drummer Vanucci sehen das natürlich anders - eine Rückkehr von Keuning ist nicht realistisch, auch wenn die Türen offenbleiben.

Plötzlich Fleetwood Mac
Die ersten Schreibversuche in der Welt der internen und externen Erneuerungen funktionierten nicht sonderlich gut. Plötzlich hatte Flowers seine linke Hand verloren. Der Mann, der mit ihm als allerersten Song der Bandgeschichte „Mr. Brightside“ schrieb und damit die Türen für eine Weltkarriere nicht nur öffnete, sondern förmlich auftrat. Nachdem die Utah-Sessions verworfen wurden, ging man den Schreibprozess in Los Angeles und dem Heimstudio von Las Vegas noch einmal von vorne an - und hatte Erfolg. Die Single „Caution“ war einer der ersten fertiggestellten Songs und Flowers ahnte sofort, sie wäre ein großer Wurf. Angesichts Keunings Fehlen sagte er im Studio scherzhalber, man müsse einfach Lindsay Buckingham holen - die Fleetwood Mac-Legende stand einige später genau dort und legte ein Leadgitarrensolo über den Song, der seit „Human“ (2008) wohl der hitverdächtigste der Band ist. „Er hat den Song von 2D- auf 3D-Level gebracht“, sollte Vannucci später dem englischen „Rolling Stone“ diktieren.

Fast wie von selbst begannen die Ideen zu fließen, ein ohrwurmträchtiger Mainstreamradio-Song nach dem anderen floss aus den Songwriter-Federn. Etwa der eindringliche Opener „My Own Souls Warning“, das fröhlich klingende „Dying Breed“ oder das malerische „My God“, veredelt von der Goldstimme von Weyes Blood. Durch die Arbeit in Los Angeles waren auch die großen Namen nur einen Steinwurf entfernt und die Gästeliste erweiterte sich rasant. K.D. Lang und War On Drugs-Mastermind Adam Granduciel waren Feuer und Flamme, ein Teil des aktuellen Killers-Movements zu werden. Von Kate Bush und Peter Gabriel war Flowers insbesondere inspiriert, die Synthie-Anteile und elektronischen Versatzstücke, die ohnehin schon immer Teil der Bandidentität waren, sollten dringend wieder mehr Raum einnehmen. „Manchmal habe ich mich wieder wie ein 20-jähriges Kind gefühlt, das irgendetwas neu erfindet. Fast so wie beim Debütalbum“, erklärte Flowers dem „Rolling Stone“ - damals freilich noch nicht wissend, dass „Imploding The Mirage“ tatsächlich ein großer Wurf werden würde.

Die Sonne strahlt
Nach dem dunklen „Wonderful Wonderful“, auf dem sich Flowers vornehmlich mit den Depressionen seiner geliebten Frau und die Auswirkung auf Familie, Freunde und Umfeld beschäftigte, ist „Imploding The Mirage“ der Sonneneinfall nach einem Tag voller Regen. Es geht um die Abhandlung des Negativen, das Durchstehen von Problemen und das Wiederentdecken der lichten Momente, des Optimismus und des Lebens an sich. Justament als sich die Killers im schlimmsten Sturm ihrer beeindruckenden Karriere befanden, hat Flowers rechtzeitig die richtigen Schritte gesetzt und führt seine Band mit diesem Album wieder zu altem Glanz, gänzlich frei von angestaubter Patina. Für die Amerikaner ist dieses Album gleichermaßen Fortführung des bestehenden Erfolgsrezepts und interessante Neuerfindung, die als Türöffner zu einer neuen Ära weisen könnte. Hoffen wir darauf, dass das für 13. Juli 2021 konzipierte Konzert in der Wiener Stadthalle hält.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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