17.07.2020 17:00 |

Buchbinderei Köll

Sechs Mitarbeiter mit 1000 fleißigen Händen

Seit rund 40 Jahren bindet Peter Köll Bücher. Bis heute ist ihm sein Handwerk lieb, auch wenn es inzwischen zur Nische wurde. Er rät jungen Leuten, über eine Lehre nachzudenken.

Zum vermutlich abermillionsten Mal blättert Peter Köll behutsam eine Seite um, während er ein aktuelles Projekt seiner Innsbrucker Buchbinderei präsentiert. Der 56-Jährige ist umgeben von Papier: Es stapelt sich auf den Tischen, sprießt aus den Schubladen, läuft durch alle möglichen Maschinen und kleidet selbst die Wände...

Die Grundlagen der „Buchbindekunst“
Fast versteckt am Stadtrand liegt das etwa 300-Quadratmeter große Köll-Imperium auf einem Lagerhaus-Areal. Seit der zweiköpfigen Firmengründung 1996 hat sich die Buchbinderei sehr gut entwickelt, heute zählt das Unternehmen sechs Mitarbeiter. „Und wir haben tausend Hände“, scherzt Köll. Die sind auch nötig, denn die Nachfrage nach gedruckten Spezialanfertigungen ist hoch.

Doch wie bindet man ein Buch eigentlich? Grundsätzlich auf drei Arten: Einzelne Seiten können geklebt oder gefalzte Bögen mit einem Faden zusammengeheftet werden – Letzteres geht maschinell oder händisch. Buchblock und „Decke“ werden dann miteinander „verheiratet“ und fertig sind Speisekarte, Konzertmappe, Diplomarbeit, Fotoalbum...

Schicker Einband oder gar eine Vergoldung?
Hinzu kommen verschiedenste Zusatzleistungen, bei Köll wird etwa auch umgebunden, instandgesetzt und teilrestauriert. Mit einer „Filete“ vergoldet Mitarbeiterin Valerie „Lea“ Haider den Einband eines alten Buches neu – denn was am Ende zählt, ist halt doch der erste Eindruck. In jeder nur erdenklichen Farbe lagern daher Rollen an Einband-Material in Regalen, die bis zur Decke reichen. Ob rau oder glatt, dick oder dünn – fast jeder Wunsch wird erfüllt.

„Unser Kundenstock ist breit gefächert, von Diplomanden angefangen über Privatkundschaften und Gastronomie bis zu Werbeagenturen“, zählt der Buchbinder auf. Manchmal reichen schon ein paar Euro und man bekommt, in der Auflage gefertigt, ein Heftchen – doch der 56-Jährige hatte auch schon Aufträge, bei denen die Anfertigung ein dreiviertel Jahr dauerte und das Endergebnis mehrere tausend Euro wert war.

Ausstattung kommt mit Beruf in die Jahre
Doch in den Räumlichkeiten lagern weitaus teurere Schätze. „Als ich vor etwa 20 Jahren anfing, waren die wie vergoldet“, schildert Köll, während er demonstriert, wie eine seiner ersten (und damals schon in die Jahre gekommenen) Fadenheftmaschinen funktioniert. „Heute können nicht mehr viele mit solchen Geräten umgehen, daher sind sie günstiger zu bekommen“, freut er sich. Ein Nachteil ist aber, dass Ersatzteile aufwändig reproduziert werden müssen.

Außer speziellen Maschinen braucht es auch besondere Materialien. „Wir versuchen noch immer, regional einzukaufen“, sagt Köll. Doch die meisten Großhändler liegen heutzutage in Wien und viele ausländische Firmen bieten ihre Produkte nur mehr direkt an. „Man bekommt die Materialien nach wie vor – nur in größeren Verpackungseinheiten.“

Denn im Grunde ist der Beruf inzwischen fast ausgestorben – dem ist sich auch Köll bewusst: „In Tirol sind heute elf Betriebe gemeldet, das klassische Handwerk üben aber nur mehr vier aus – die restlichen reihen sich in die so genannte Druckendfertigung ein.“ Auch sitzen in der Berufsschule derzeit nur zwei Buchbinder-Lehrlinge.

„Corona-Krise brach uns nicht das Genick“
Durch die Corona-Krise gingen auch Köll viele Aufträge verloren – der Betrieb läuft noch immer auf Sparflamme, nur an vier Tagen in der Woche wird gearbeitet. „Man merkt es besonders bei den Veranstaltungen. Von Hotels und Messen sind Großaufträge komplett abgesagt worden“, bedauert Köll, fügt jedoch hinzu: „Corona hat uns nicht das Genick gebrochen.“ Mit einem finanziellen Polster übersteht das Unternehmen die Krise – ein zweiter „Lockdown“ ist unerwünscht.

Obwohl das Handwerk schon hunderte Jahre alt ist, ist Köll überzeugt, dass der Beruf Zukunft hat: „Bedarf ist genug da.“ Zudem wird das Buch aus seiner Sicht niemals aussterben – es wird mit der Zeit nur immer spezieller, somit aber auch wieder mehr geschätzt.

„Mehr Aufklärungsarbeit zu Lehrberufen“
„Das Handwerk kam in den vergangenen Jahren immer mehr unschuldig zum Handkuss. Ich finde, in Schulen muss mehr Aufklärungsarbeit zu Lehrberufen geleistet werden“, sieht Köll das Problem nicht nur bei den jungen Leuten. Ihnen legt er aber ans Herz, eine Lehrausbildung zumindest in Betracht zu ziehen - studieren sei mit Matura danach immer noch möglich.

In Kölls Welt gibt es kein „Thank God It’s Friday“: Er kommt am Montag gerne in die Arbeit – auch wenn er an besagtem Tag schon die billionste Seite umblättert.

Mirjana Mihajlovic
Mirjana Mihajlovic
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