17.05.2020 06:00 |

Dr. Andreas Salcher:

„Corona zeigt Leistungen der Schüler und Lehrer“

Bildungsexperte Dr. Andreas Salcher im Interview über E-Learning, Digitalisierungsschub in der Schule und mehr Freude am Lernen. Knapp zwei Monate hat Dr. Salcher unseren Lesern Tipps rund ums Lernen geboten, aber auch Verbesserungsvorschläge für unser Schulsystem aufgezeigt. Auf krone.at/hausaufgaben gibt es weiterhin ein umfangreiches Übungsmaterial für alle Schulstufen - und Lerntipps, von denen Schüler und Eltern auch nach der Corona-Zeit profitieren können.

„Krone“: Wenn wir auf die letzten zwei Monate zurückblicken: Wie hat Österreich die Umstellung auf Distance Learning bewältigt?
Dr. Andreas Salcher: Die riesigen Qualitätsunterschiede, die schon davor kennzeichnend für unser Schulsystem waren, wurden noch offenkundiger. Es gab einige Leuchtturm-Schulen, in denen der Lehrplan weitgehend eingehalten werden konnte. Die Lehrer streamten ihren Unterricht live und kommunizierten über schuleigene Kanäle mit ihrer Klasse virtuell. Die fortgeschrittenen Schulen nutzten die Plattformen des Bildungsministeriums, allerdings in unterschiedlicher pädagogischer Qualität. Und leider gab es auch Schulen, die überhaupt noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen sind. Dort wurden primär Aufgaben per E-Mail verschickt, teilweise kopierte Zettel.

Auch in der Redaktion haben uns ganz unterschiedliche Reaktionen von Eltern erreicht.
Genau. Die einen erkannten, dass der Lehrberuf durchaus sehr anstrengend ist. Den anderen offenbarte sich dank Home-Schooling die unerfreuliche Tatsache, dass ihr Kind doch kein von seinen Lehrern verkanntes Genie ist. Insgesamt haben unsere Schulen den Corona-Crash bisher besser bewältigt als befürchtet. Wir sind besser im Improvisieren als im Reformieren.

Österreich hat ja weltweit eines der teuersten Schulsysteme. Trotzdem hinken wir digital nach. Warum?
Die Probleme wurden jahrelang verdrängt oder aus falsch verstandener politischer Korrektheit schöngeredet. Wir leiden unter einer verhängnisvollen Kombination von parteipolitischem Einfluss auf allen Ebenen, dem Machtkampf zwischen dem Bund und den Ländern sowie veränderungsresistenten Lehrergewerkschaften. Die Daten, wie unterschiedlich durchaus vergleichbare Schulen abschneiden, wurden bisher wie Staatsgeheimnisse gehütet. Corona sorgte daher erstmals für Transparenz der Leistungen aller Lehrer - und Schüler. Das wäre eine gute Gelegenheit für einen Neustart mit mehr Lernfreude und zeitgemäßer Pädagogik an allen Schulen.

2,4 Milliarden Euro sollen laut Bundesminister Faßmann in die Schulen investiert werden und unter anderem auch für einen Digitalisierungsschub sorgen. Werden wir damit zu einem Vorzeigeland wie Estland, Finnland oder die Niederlande?
Wenn wir das Geld nicht nur in Technologie, sondern in Lehrerausbildung und pädagogische Konzepte investieren, dann könnten wir unsere Schulen aus der Kreidezeit ins 21. Jahrhundert bringen.

Apropos, Estland. Was machen die Esten besser als wir?
In Estland sind die Menschen generell offener, was technologischen Fortschritt betrifft. Entscheidend ist aber, dass fast alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr den Kindergarten besuchen und es flächendeckend echte Ganztagesschulen mit intensiver individueller Förderung gibt. Daher fallen nur 5 Prozent der estnischen Schüler in die Kategorie der leistungsschwachen Schüler. Dem stehen mehr als 20 Prozent leistungsstarke Schüler entgegen. Und das alles mit Bildungsausgaben, die um ein Drittel geringer sind als der OECD-Schnitt.

Unsere Maturanten wussten lange nicht, wie die Reifeprüfung aussehen wird. Was sagen Sie zu dem Kompromiss - die schriftliche Matura in drei Fächern, freiwilliger Antritt zur mündlichen Matura?
Dieser Kompromiss ist eine vernünftige „österreichische Lösung“. Die Matura wird sehr wohl durchgeführt, statt sie komplett abzusagen, wie manche das gefordert haben. Dafür werden die stärkeren psychischen Belastungen der Schüler und die kürzere Vorbereitungszeit bei der Bewertung berücksichtigt. Der Maturajahrgang 2020 wird sicher keine Nachteile im weiteren Leben haben.

Stichwort Summer-Schooling: Wie können bildungsferne Schüler noch aufholen?
Für bestimmte Zielgruppen wird es eine Sommerschule geben, die sich aber ganz stark von der klassischen Schule mit 50-Minuten-Einheiten unterscheiden sollte. Aus meiner Sicht geht es um die Förderung von Lernfreude und einer positiven Perspektive für das eigene Leben dieser jungen Menschen. Diese Chance für ihre Kinder sollten Eltern unabhängig von einer Verpflichtung erkennen. Darüber hinaus müssen wir losgelöst von Corona zur Kenntnis nehmen, dass für jeden fünften Schüler die traditionelle Belehrungsschule ungeeignet ist, Lernfreude und grundlegende Kompetenzen für das Leben zu vermitteln.

Bildungsforscherin Prof. Christiane Spiel rät Schulen zu einem sanften Start ins Herbstsemester. Was meinen Sie?
Da stimme ich 100 Prozent zu. Bei Schülern und Lehrern haben tiefe Lernerfahrungen abseits der klassischen Wissensvermittlung stattgefunden. Viele Lehrer haben das erste Mal virtuelle Lernplattformen genutzt, Lernvideos selbst gestaltet, sich in Teams unterstützt, neue Qualitäten in sich selbst und ihren Schülern gesehen. Schüler haben lernen müssen, ihre Tage und Lernprozesse selbst zu strukturieren, sich zu motivieren, mit Unsicherheit umzugehen und neue Ressourcen bei sich zu entdecken. Es besteht die große Chance, diese Lernerfahrungen im September gemeinsam zu nutzen, um den Lernprozess neu zu gestalten. Über die Kraft der Inspiration gibt es ein wunderbares Zitat von Astrid Lindgren: „Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Vorstellungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“

Interview: Susanne Zita, Kronen Zeitung

Die „Krone“ und der „Mathe-Trainer“ haben Schüler während der Corona-Zeit beim E-Learning unterstützt und im virtuellen Klassenzimmer fit für die Matura gemacht - mit interaktiven, auf Maturanten zugeschnittenen und kostenfreien Mathematik-Webinaren. Rechtzeitig vor den Prüfungsterminen wird es am 25. Mai noch einmal die Möglichkeit geben, den Lernstoff gemeinsam mit dem Mathe-Profi durchzugehen. Die Anmeldung wird ab kommenden Dienstag, 19. Mai, hier möglich sein.

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