17.04.2020 06:00 |

krone.at-Test

Huawei P40 Pro: Tolles Foto-Handy mit Handicap

Der chinesische Mobilfunkriese Huawei hat mit dem P40 Pro sein neuestes Android-Flaggschiff nach Österreich gebracht - ohne Google-Dienste, die den Chinesen durch US-Wirtschaftssanktionen derzeit verwehrt bleiben, dafür mit zoomstarker Dreifach-Kamera, fast randlosem OLED-Bildschirm und 5G. Wie sich die Neuheit in der Praxis schlägt, hat krone.at getestet.

Für den Durchschnittsnutzer kann es sehr lästig sein, dass Huaweis Android-Interpretation ohne Google Mobile Services ausgeliefert wird. Huaweis App-Marktplatz App Gallery kann bei der Auswahl noch lange nicht mit dem Play Store mithalten und lässt vieles missen - populäre Anwendungen wie Chrome, Firefox, Spotify oder Netflix ebenso wie die meisten österreichischen Banking-Apps oder öffentlich-rechtliche Mediatheken. Auch manch Anwendung, die auf Google-Schnittstellen zugreift, funktioniert auf neuen Huawei-Geräten nicht. Netflix beispielsweise brachten wir selbst mit der Installationsdatei vom Hersteller nicht zum Laufen.

Vorsicht bei Apps aus inoffiziellen Quellen!
Installiert man Apps, die es in der App Gallery noch nicht gibt, aus inoffiziellen Quellen, landet man mitunter auf dubiosen Marktplätzen im Internet, von denen manch einer eine schlimme Werbeschleuder ist. Um die Updates muss man sich bei aus Drittquellen installierten Apps auch selbst kümmern. Alles in allem ist die Software also nicht gerade benutzerfreundlich, vor allem wenn man den hohen Preis von 1000 Euro bedenkt. Wir warnen daher - die Gründe lesen Sie in aller Ausführlichkeit hier - derzeit explizit vor der Anschaffung neuer Huawei-Smartphones, die Software ist tückisch.

Was die Hardware kann, wollen wir natürlich trotzdem wissen:

Huawei P40 Pro

CPU

HiSilicon Kirin 990:
2 x 2,86 + 2 x 2,36 + 4 x 1,95 GHz

RAM

8 GB

Diagonale

6,58 Zoll (OLED 90 Hz)

Auflösung

2640 x 1200

Speicher

256 GB

Speicherkarten-Slot

bis 256 GB (proprietär)

Hauptkamera

50 MP (F/1.9): Phase-Detection-Autofokus, Farbspektrumssensor, OIS
40 MP (F/1.8): Weitwinkelobjektiv
12 MP (F/3.4): Zoomobjektiv, OIS
Tiefensensor

Frontkamera

32 MP (F/2.2)

Funk

5G, LTE, .ax-WLAN, Bluetooth 5.1, NFC, GPS, GLONASS, Galileo, BeiDou, QZSS, NavIC, Infrarot

Maße

158 x 72,6 x 9 Millimeter; 203 Gramm

Akku

4200 mAh

Extras

Fingerscanner (im Display)
Metall-Glas-Chassis
Wasserfest (IP68)

Software

Android 10

Preis

rund 1000 Euro

Die Tabelle zeigt: Huawei hat im P40 Pro das Feinste verbaut, was man an Komponenten zur Verfügung hat. Der Prozessor der hauseigenen CPU-Tochter HiSilicon gehört zu den schnellsten Chips am Markt und bietet mehr als genug Leistung für flüssige Android-Nutzung, flotte App-Starts, leistungshungrige Games. Die acht Gigabyte RAM überbietet zwar manch Rivale, in der Praxis sorgen sie gemeinsam mit dem schnellen Chip aber für reibungsloses Multi-Tasking und ein sehr responsives System.

Exzellente Kamera - bei Fotos wie bei Videos
Die Kamera mit extragroßem Bildsensor, die Huawei in Partnerschaft mit Leica entwickelt hat, machte uns im Test geradezu wunschlos glücklich, bringt sowohl im Foto- als auch im Videobereich Höchstleistungen. Beim Fotografieren - standardmäßig mit 12 Megapixeln - stellt sie sehr schnell scharf und liefert bei gutem Licht „aus der Hüfte“ scharfe und farbechte Ergebnisse, die die Mitnahme einer Kompaktkamera überflüssig machen. Der große Sensor, die hohe Lichtstärke sowie die optische Bildstabilisierung sorgen dafür, dass die gute Performance auch im Schlechtlicht, zur Not unter Zuhilfenahme des computerunterstützten Nachtmodus, gehalten wird.

Guter Zoom mit erstaunlicher Stabilisierung
Zoom- und Weitwinkelfunktion sorgen für mehr Flexibilität in der Fotografie, wobei uns insbesondere die bis zu fünfzigfache Zoomfunktion gut gefallen hat. Bis Faktor Fünf wird dabei optisch, anschließend unter Nutzung der hohen Megapixelreserven digital vergrößert. Bei zwanzig-, dreißigfacher Vergrößerung liefert das Gerät so noch ausreichend scharfe und helle Ergebnisse und bleibt dank wirklich guter - auch wieder computerunterstützter - Bildstabilisierung gut handhabbar. Bei Faktor 50 geht die Schärfe dann langsam verloren, aber auch hier liefert das P40 Pro im Vergleich zur Konkurrenz noch akzeptable Bilder.

Wer gern filmt - mit dem P40 Pro in 4K bei 60 Bildern pro Sekunde - kommt ebenfalls auf seine Kosten. Die 40-Megapixel-Zweitkamera liefert sehr gut stabilisierte und helle Ergebnisse ab. Das Gefilmte behält Huaweis Software gut im Fokus und auch die Tonaufnahme ist für Smartphone-Verhältnisse gut. Bei längerer 4K-Aufnahme wird das Gehäuse des P40 Pro warm, aber nicht unangenehm heiß. Die starke Frontkamera und die funktionale Kamera-App - nur vereinzelt gibt es Baustellen, eine Zoom-Vorschau sollte man etwa noch nachrüsten - tun ihr Übriges zum guten Gesamteindruck.

Huawei-Speicherkarten gehen ins Geld
Bei der Ausstattung könnte man den fehlenden 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss und die proprietären Speicherkarten bemängeln. Huaweis Nano-Memorycards sind bei gleicher Kapazität doppelt so teuer wie microSD-Karten, und eine möglichst große Speicherkarte ist angesichts der exzellenten Foto-Performance des P40 Pro durchaus wünschenswert.

Handlich - aber Schutzhülle ist Pflicht
Verarbeitung und Handling gefallen. Die Kamera steht relativ stark aus dem Gerät hervor, eine Hülle als Schutz vor Kratzern - ein zweckmäßiges Silikon-Cover liegt bei - sollte man also nicht nur wegen der gläsernen Rückseite einplanen. Das Display ist an den Rändern nicht mehr so stark gekrümmt wie zuletzt beim Mate 30 Pro, zudem ist das Gerät durch die dünnen Bildschirmränder noch relativ handlich, liegt also insgesamt gut in der Hand.

Guter Bildschirm mit großem Loch
Das Display erfreut mit hohem Kontrast, sattem Schwarz, leuchtenden Farben, hoher Schärfe und auch für draußen ausreichender Helligkeit. Im Randbereich wirft das Display durch die Krümmung minimale Schatten, davon abgesehen ist es aber sehr gut - auch durch den 90-Hertz-Modus, der zwar die Akkulaufzeit etwas verringert, aber insbesondere bei Games auch eine um einen Hauch flüssigere Darstellung bringt. Das ovale Loch für die Frontkamera links oben fällt recht groß aus, wird also nicht jedem gefallen.

5G braucht man eigentlich noch nicht
Die Funkausstattung ist auch topaktuell. Gut, von 5G hat die Masse noch nichts: Das Netz ist erst im Aufbau, die Tarife sind noch extrem teuer. Das P40 Pro ist aber auch via LTE und - dank neuestem .ax-Standard - im WLAN schnell unterwegs. Aktuelles Bluetooth, alle gängigen Navi-Standards und NFC sind vorhanden, und mit dem Infrarot-Blaster, der es zur Universal-Fernbedienung macht, hebt sich das P40 Pro von manchen Rivalen ab.

Akku reicht für einen Tag und lädt schnell
Der Fingerscanner im Display arbeitete im Test zuverlässig. Die Bedien-Tasten an der rechten Seite des P40 Pro bieten einen knackigen Druckpunkt. Die Tonausgabe kann sich hören lassen, manch Rivale ist hier aber stärker. Der 4200-mAh-Akku brachte uns im Test auch bei intensiver Nutzung zuverlässig durch den Tag. Wenn man Features wie das 90-Hertz-Display nutzt, wird man über Nacht aber ziemlich sicher laden müssen. Wenig-Nutzer holen vielleicht auch zwei Tage Betrieb heraus, Gamer werden vielleicht schon am ersten Tag zwischenladen - dank 40-Watt-Netzteil sehr schnell. Im Test war das fast leere Gerät nach 20 Minuten wieder halbvoll.

Auf den ersten Blick ein ganz normales Android …
Dass am P40 Pro wegen des US-chinesischen Handelsstreits Android 10 ohne Google-Dienste läuft, wurde bereits angesprochen. An Aufmachung und Bedienung ändert das erst einmal nichts, Huaweis EMUI-Oberfläche bietet sogar die Wahl zwischen einer Darstellung mit App-Startmenü oder der iPhone-Variante, alles am Startbildschirm abzulegen. Auf Bloatware wird auch weitgehend verzichtet: Neben ein paar Microsoft-Dreingaben sind bis hin zum Browser und dem App-Markt App Gallery ausschließlich Huawei-Anwendungen vorinstalliert.

Am Huawei-Handy ohne Google hilft Amazon
Die geringe Auswahl in Huaweis App Gallery lässt sich zumindest ein wenig durch die Installation eines zweiten App Stores lindern. Jener von Amazon kann zum Beispiel unkompliziert nachinstalliert werden und bietet ein eher auf ein westliches Publikum ausgerichtetes Sortiment. Die Google Play Dienste bekommt man dagegen nur mit komplizierten Verfahren, unter Zuhilfenahme chinesischer Software aus unbekannter Quelle, und auch dann nicht mit vollem Funktionsumfang auf das P40 Pro. Das ist selbst für Bastler ein verwegenes Unterfangen und Laien unzumutbar.

Fazit: Tolle Hardware mit großem Handicap
Das Huawei P40 Pro ist ein Smartphone ohne Google-Dienste, auf dem nicht jede Android-App automatisch auch läuft und man Software aus einem Fleckerlteppich verschiedener Anbieter installieren und selbst am neuesten Stand halten muss. Wer nicht - etwa, weil er Datenkrake Google misstraut - genau das will, sollte einen Bogen ums P40 Pro machen und vielleicht das Vorjahresmodell P30 Pro ins Auge fassen. Das ist technisch gar nicht viel schlechter, kostet die Hälfte und hat Android mit Play Store.

Wer ein Android-Smartphone ohne Google-Dienste will, erhält mit dem P40 Pro indes ein hochpotentes Kamera-Smartphone, dessen Funkstandards dem Netzausbau voraus sind und das sich auf der Hardware-Ebene ganz oben mit den übrigen Größen der Branche misst. Mit seiner Software hat es aber ein nicht zu unterschätzendes Handicap.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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