Ein Widerspruch?

So feiern aus der Kirche Ausgetretene Ostern

Steiermark
12.04.2020 11:30
Mehr als 11.500 Steirer haben alleine im Jahr 2019 der katholischen Kirche ganz offiziell den Rücken gekehrt. Ostern feiern viele Ausgetretene trotzdem – sei es wegen der Familie, des Essens oder der Tradition. Ein Widerspruch? Wo verläuft die dünne Trennlinie zwischen Kultur und Religion? Eine Spurensuche.

Manche tun es ihren Eltern zuliebe, manche für ihre Kinder. Manche, weil die Osterjause schmeckt oder weil es eben ein Fixpunkt im Jahr ist. Eines ist das Osterfest aber für niemanden, wie ein kurzer Rundruf bei Freunden und Kollegen ergeben hat: ein ganz normaler Tag. Ostern, das ist ein Anlass – um Eier zu bemalen oder Kleinigkeiten zu verschenken. Auch, wenn man sich selbst nicht als Christ versteht.

Überrascht ist Theologe Christian Wessely davon nicht. Er lehrt und forscht an der Universität Graz zum Thema Fundamentaltheologie, darüber, inwieweit Glaube und Vernunft zusammen funktionieren. Durch seine Arbeit als Diakon in Nestelbach hat er auch die praktische Perspektive.

Christian Wessely lehrt und forscht an der Karl-Franzens-Universität Graz (Bild: Foto Gasser)
Christian Wessely lehrt und forscht an der Karl-Franzens-Universität Graz

„Viele aus der Kirche Ausgetretene verstehen sich ja dennoch als Christen. Aber auch viele, die eher Agnostiker sind, feiern trotzdem Ostern. Das hängt mit Kindheitserinnerungen zusammen“, sagt Wessely. „Wir suchen als Menschen immer einen Sinnhorizont, und Rituale stärken uns. Kirchen bieten Formen von Ritualen an, die auch im Privaten funktionieren: Wir freuen uns, wir feiern gemeinsam.“ Im Zusammensein suchen wir Sinn. Das funktioniert von den Großeltern bis zu den Enkeln: „Wir sind in etwas eingebunden, das größer ist als wir selbst“, meint Wessely. Rituale sind Orientierungspunkte. Sie geben Struktur.

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Der Sinn liegt nicht im Ei, sondern im Suchen. Ich tue etwas, das ich kenne, das sich wiederholt. Rituale wie jene zu Ostern binden uns an etwas Größeres.

Christian Wessely, Theologe

Aber lässt sich das Osterfest ganz von der Religion trennen? Wessely ist skeptisch. „Man lügt sich selbst an, wenn man das Fest feiert, ohne an die Auferstehung Christi zu denken. Das ist der Wesenskern dieser Tage“, sagt der Theologe. Und: „Die Idealform der Feier ist eine kirchliche.“

„Trennlinie verläuft in jedem Menschen selbst“
Was davon ist nun Religion, was kulturelle Überlieferung? „Diese Trennlinie verläuft in jedem Menschen selbst“, erklärt Wessely. Von außen sei sie nicht klar zu ziehen. Jeder müsse sie mit sich selbst verhandeln.

So klar scheint sie für viele tatsächlich nicht zu sein. In Nestelbach beobachtet Wessely an den wichtigen Feiertagen, dass viele Ausgetretene in die Kirche kommen. „Das zeigt, dass sie eine Verbindung haben.“ Ob Ostern ein Anlass zum Wiedereintritt sein kann? „Man sollte die Verbindung respektieren und darüber nachdenken, wie man sie erweitern kann.“

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