27.03.2020 12:46 |

Handytracking & Co.

Europa sucht Technologien zur Hilfe in der Krise

Im Ringen um eine Eindämmung des Coronavirus setzen immer mehr Regierungen in Europa auf moderne Technik. Vor allem wollen sie herausfinden, auf welchen Wegen und wie schnell sich die Pandemie ausbreitet. Welche Rolle dabei der Datenschutz spielt und ob Regeln angesichts der Gefahr durch das Virus geändert werden, handhaben die Länder unterschiedlich.

So hat in Polen die Regierung eine Quarantäne-App für Bürger auf den Markt gebracht, die aus dem Ausland zurückkehren. Sie arbeitet mit Gesichtserkennung und kontrolliert persönliche Details mit Hilfe eines Ortungsfilters. Sie soll verpflichtend für jeden in Quarantäne werden. Produktmanager Kamil Pokora, der kürzlich von Thailand zurück nach Danzig reiste, nutzt die App derzeit freiwillig und ist enttäuscht: „Sie hat viele Fehler. Ich werde ständig gebeten, Dinge zu tun, die in der App gar nicht möglich sind.“ Die polnische Datenschutzbehörde, die für die Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung der EU verantwortlich ist, war in die Entwicklung der App nicht eingebunden.

Das Handytracking, das in vielen Ländern Asiens seit dem Ausbruch des Coronavirus längst an der Tagesordnung ist, gibt es in Europa bisher nicht. Aber angesichts der Erfolge, die beispielsweise Südkorea und Taiwan bei der Überwachung der Quarantäne und Ortung von Kontaktpersonen mit Infizierten haben, werden auch in Europa die Rufe danach lauter.

Großer Fürsprecher in Deutschland ist Gesundheitsminister Jens Spahn, der nach Ostern eine öffentliche Diskussion über die Auswertung von persönlichen Bewegungsdaten starten will. Unterstützung erhält er von Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, die sich für eine Tracking-App ausspricht. Justizministerin Christine Lambrecht warnte beim Thema Tracking bereits: „Das ist ein weitreichender Eingriff in die Bürgerrechte.“

Slowakei stellt Recht auf Leben über Freiheitsrechte
Einen Schritt weiter ist die Slowakei: Dort soll es vorübergehend ermöglicht werden, Bewegungen von Bürgern zu verfolgen. Justizministerin Maria Kolikowa sagte dem Parlament, dass dies eine weitreichende Verletzung der Freiheitsrechte darstellt, sie allerdings glaube, dass das Recht auf Leben darüber stehe. Der frühere Ministerpräsident Robert Fico nannte das Vorhaben „Spionagegesetz“.

Die meisten Apps, an denen derzeit von Helsinki bis Madrid gearbeitet wird, geben sich mit weniger Daten zufrieden. Häufig geht es um Anwendungen, mit deren Hilfe Symptome von Patienten erfasst und an Ärzte weitergeleitet werden.

Rotes-Kreuz-App soll helfen, Infektionskette in Österreich zu unterbrechen
In Österreich startete das Rote Kreuz diese Woche eine erste Version der „Stopp Corona“-App, die dazu beitragen soll, die Infektionskette zu unterbrechen. Sie fungiert als Kontakt-Tagebuch, in dem persönliche Begegnungen mit einem „digitalen Händeschütteln“ pseudonymisiert gespeichert werden. Erkrankt eine Person an Covid-19, wird jeder, mit dem man in den vergangenen 48 Stunden Kontakt hatte, automatisch benachrichtigt und gebeten, sich selbst zu isolieren.

Datenschutzaktivist Max Schrems sieht bei der österreichischen App zwar vorerst keine Datenschutzprobleme, attestiert ihr aber wenig Mehrwert, da User ihre Kontakte aktiv speichern müssen und realistischerweise die meisten Menschen „nicht 24 Stunden auf der App Leute suchen und sich verbinden“, twitterte er.

Singapur scheint bisher die modernste Technik zu nutzen. Die App TraceTogether erfasst über Bluetooth alle anderen Personen, in deren Nähe man sich aufgehalten hat. Wird bei jemanden Covid-19 diagnostiziert, erhält der Handy-Besitzer eine entsprechende Warnung. Die Daten werden nicht zentral gespeichert. In einer nächsten Version soll auch die Version der „Stopp Corona“-App in Österreich ähnlich funktionieren.

Ideen „in Produkte umwandeln“
Unterdessen wird europaweit auch geschaut, ob es nicht noch andere technologische Lösungen gibt. Verschiedene Länder, darunter auch Österreich, laden zu Hackathons ein, bei denen es darum geht, Software oder Hardware zu entwickeln, die im Kampf gegen das Virus hilfreich sein kann. Auch bei der WHO sind zahlreiche Ideen eingegangen. „Wir müssen das jetzt in Produkte umwandeln“, sagte WHO-Experte Michael Ryan. Es sei die erste Pandemie, in der Informationstechnologien, soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz eingesetzt werden könnten.

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