22.03.2020 12:44 |

Kein Abschied möglich

Anwalt Tomanek: „Meine Mutter starb ohne mich“

Er ist einer von vier Personen die aktuell in der „Krone“ von ihren persönlichen Schicksalen berichten. Über die Dramatik, die Corona in ihr Leben gebracht haben. Anwalt Werner Tomanek spricht über den Tod seiner Mutter. Sie starb am vergangenen Dienstag, mit 88, in einer Seniorenresidenz. Ohne, dass er sich verabschieden durfte. Denn: „Wegen der Gefahr, Corona einzuschleppen und Bewohner anzustecken“, drufte er seit 14 Tagen nicht mehr zu ihr. 

Meine Mutter war schon seit Langem sehr krank. Nach einer verpfuschten Knieoperation 2011 hatte sie extreme Schwierigkeiten beim Gehen, ständig stürzte sie in ihrer Wohnung. Darum brachte ich sie schließlich in einer Seniorenresidenz - im „Hoffmannspark“ in Purkersdorf (NÖ) - unter.

Sie wurde dort immer bestens betreut, auch als sich ihr Zustand laufend mehr zu verschlechtern begann. Vor etwa vier Jahren entwickelte sich bei ihr eine rasch fortschreitende Demenz, und mehrere Organe bereiteten ihr zunehmend Probleme - die Bauchspeicheldrüse, die Leber, die Nieren. Wiederholt musste sie deshalb zwischendurch stationär in Spitälern behandelt werden. Bloß ihr Herz funktionierte weiterhin gut, sie hatte anscheinend einen großen Lebenswillen. „Die Pfleger waren einfach großartig.“ Trotzdem sie im Heim wunderbar versorgt wurde, ich merkte bei meinen Besuchen bei ihr - dass sie bald sterben würde. Zuletzt bekam sie fast nichts von ihrer Umwelt mit, sie erkannte mich nicht mehr.

Oft wünschte ich mir, der Herrgott würde endlich gnädig mit ihr sein und sie zu sich holen. Besonders in den vergangenen Wochen ist das so gewesen. Meine Mutter bekam eine Sepsis, abermals war ein Krankenhausaufenthalt notwendig, die Amputation eines Beins wurde überlegt. Ich war froh, dass die Operation dann doch nicht gemacht wurde. Ich wollte nicht, dass sie sinnlos gequält wird. Ende Februar wurde sie - zum Glück - wieder in die Seniorenresidenz verlegt.

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Ich bin froh, dass meine Mutter erlöst ist.

Werner Tomanek

14 Tage ist es her, dass ich sie dort zum letzten Mal gesehen habe. Danach durfte ich nicht mehr zu ihr - wegen der Gefahr, Corona einzuschleppen und Bewohner anzustecken. Ich fand diese Maßnahme vernünftig, obwohl es mich natürlich schmerzte, nicht bei meiner Mutter sein zu können. Jederzeit waren fortan die Heimleitung und das Pflegepersonal für mich erreichbar, ich war also über ihr Befinden informiert. „Ich bin froh, dass meine Mutter erlöst ist.“ Am vergangenen Dienstag erfuhr ich von ihrem Tod. Ich hätte mich davor gerne von ihr verabschiedet. Was mich tröstet: Sie war in den letzten Stunden ihres Lebens von Menschen umgeben, die ihr stets Gutes getan haben. Und ich weiß: Sie ist jetzt endlich erlöst.

Victoria K. sitzt in ihrer Wohnung in Wien-Donaustadt. Die 26-jährige Angestellte hat eine Risikoschwangerschaft. Der Geburtstermin ist für September errechnet.

Als mein Partner und ich im Jänner erfuhren, dass wir ein Baby bekommen, waren wir überglücklich - und sind das natürlich bis heute. Denn wir wünschen uns sehnlichst ein Kind. Die vergangenen Jahre waren nicht einfach für uns, weil wir arge Schicksalsschläge hatten - über die ich aber nicht öffentlich reden will. Jedenfalls: Ich habe eine Risikoschwangerschaft, daher muss ich jetzt besonders vorsichtig sein, mich sehr schonen. Ich bin in der 14. Woche, ich spüre - und meine Frauenärztin bestätigt mein Gefühl -, dass sich mein Kleines gut entwickelt. 

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„Ich muss jetzt sehr vorsichtig sein.“

Viktoria K. über ihre Geburt

Irgendwie - ich weiß nicht, warum - bin ich davon überzeugt, dass es ein Mädchen wird. Aber das Geschlecht ist mir in Wahrheit völlig egal, ich will nur, dass mein Kind gesund zur Welt kommt. „Ich muss jetzt sehr vorsichtig sein.“ Ich bin mittlerweile in Homeoffice. Das ist gut so, denn im Büro wäre ich oft mit Kunden in Kontakt und ich hätte dort Angst, mich - und in der Folge möglicherweise auch mein Ungeborenes - mit Corona anzustecken. Ich bin nun also fast nur noch zu Hause und arbeite mit dem Laptop für die Firma.

In meiner Freizeit lese ich Baby-Bücher; ich recherchiere im Internet, suche nach Meldungen darüber, welche speziellen Gefahren das Virus in meiner Situation darstellen könnte. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, esse hauptsächlich Obst und Gemüse. Ins Freie gehe ich eher selten, bloß bei schönem Wetter mache ich mitunter kleine Runden um den Häuserblock. Ich achte dabei allerdings extrem darauf, dass mir niemand zu nahekommt. Mit meinen Freundinnen kommuniziere ich nur noch per Telefon oder Chat.

Mein Lebensgefährte ist in einem Beruf tätig, in dem er ständig mit vielen Menschen konfrontiert sein muss. Er nimmt auf meinen Zustand große Rücksicht, duscht und desinfiziert sich in seiner Dienststelle, bevor er nach Hause kommt. Trotzdem überlegen wir, ob ich vorübergehend zu seiner Mutter ziehen sollte. Sie hat ein schönes Haus und einen Garten - und ist in Homeoffice. Bei ihr wäre ich also völlig sicher. Im September ist der Geburtstermin. Ich bete, dass die Corona-Krise und das Chaos in unseren Spitälern bis dahin vorbei sein werden - und dass mein Kind in einer Welt ohne Leid aufwachsen wird.

Polizei-Pressesprecher Helmut Greiner (57) in seinem Haus im Burgenland. Nach einer schweren Krebserkrankung im vergangenen Jahr befindet er sich nun dort in freiwilliger Quarantäne.

Das vergangene Jahr war das bisher schlimmste meines Lebens. Im Februar 2019 wurde bei mir ein bösartiges Mandelkarzinom festgestellt, und bald darauf, dass sich der Krebs bereits in meinem Körper ziemlich verbreitet hatte. Ich musste in der Folge mehrfach operiert, dazwischen sogar einmal in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden. Und danach kamen viele Strahlen- und Chemotherapien. Nur den Ärzten im Wiener AKH habe ich zu verdanken, dass ich noch am Leben bin.

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"Eine Erkrankung könnte meinen Tod bedeuten, dessen bin ich mir bewusst."

Helmut Greiner über seine Situation

Anfang 2020 wollte ich - nach Monaten im Krankenstand -wieder meinen Job bei der LPD-Burgenland antreten.Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut, arbeiten und damit in die „Normalität“ zurückkehren zu dürfen. „Corona hat meine Situation verschärft.“ Aber meine Leukozyten-Werte sind leider immer noch ziemlich „unten“, mein Immunsystem ist also „im Keller“. Darum war es vernünftig, weiterhin daheim zu bleiben. Corona hat meine Situation natürlich verschärft. Ich darf mich nicht mit dem Virus infizieren. Eine Erkrankung könnte meinen Tod bedeuten, dessen bin ich mir bewusst. Um eine Ansteckung zu verhindern, muss ich mich völlig isolieren, den persönlichen Kontakt zu anderen Menschen so gut wie möglich vermeiden. Meine Frau sorgt dafür, dass unser Haus stets bestens desinfiziert ist. Besuche empfangen wir jetzt keine mehr.

Was mich extrem schmerzt: Ich kann nun meinen geliebten kleinen Enkel nicht sehen, genauso wenig wie meinen Sohn. Aber diese Vorsichtsmaßnahmen sind eben dringend notwendig. Wie meine Tage verlaufen? Ich verfolge die Nachrichten, ich lese Bücher. Ich freue mich, wenn mich Verwandte, Freunde und Kollegen anrufen und ein wenig mit mir plaudern. „Arztbesuche nur mit Schutzmaske“ Nach draußen gehe ich nur noch selten. Etwa, um manchmal eine Runde zu laufen. Oder wenn ich bei meiner Hausärztin einen Termin habe. Sie gibt mir regelmäßig Vitamin-Injektionen, das ist wichtig für meine Gesundheit. Sie empfängt mich dann immer spätabends in ihrer zu diesem Zeitpunkt längst leeren Praxis. Wir beide tragen bei den Behandlungen Schutzmasken.

Brigitte H. (68) verbringt die Zeit mit ihrem Kater „Burli“, in ihrer Erdgeschoßwohnung in Niederösterreich.

Ich bin daran gewöhnt, alleine zu sein; und ja, ich komme mit mir eigentlich ganz gut zurecht. Aber die Situation jetzt ist - dass merke ich mit jedem Tag mehr - doch ziemlich bedrückend für mich. Ich hatte vor sechs Jahren Krebs, mein Abwehrsystem ist seitdem angeknackst, ich „fange“ schnell Infekte ein, viel öfter als früher. Und ich bin 68. Damit gehöre ich also „doppelt“ zu den Corona-Risikogruppen. „Ich bin schon seit Wochen abgeschottet“ Natürlich bin ich nach meiner Krankheit im Allgemeinen vorsichtiger geworden und als die Meldungen über das Virus laufend alarmierender wurden, habe ich bereits sehr zeitig, vor etwa drei Wochen, Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Mir ausreichend wichtige Medikamente und Lebensmittel beschafft - mein Kühlschrank und meine Gefriertruhe sind bis zum Rand gefüllt; und ich habe mich von meinen Freunden und Verwandten abgeschottet.

Wie ich die Tage verbringe? Ich war vor meiner Pensionierung Journalistin und daher immer schon sehr am Weltgeschehen interessiert. Mittlerweile verfolge ich die Nachrichten noch intensiver als sonst. Über das Fernsehen, auf verschiedenen Kanälen; und selbstverständlich im Internet. Zu meiner Erdgeschoßwohnung in Niederösterreich gehört zum Glück ein kleiner Garten, ich sitze dort - wenn die Sonne scheint - in meinem Liegestuhl in der Sonne; ich versorge meine Blumen, und ich freue mich, wenn eine davon zu blühen beginnt.

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„Ich bin schon seit Wochen abgeschottet“

Brigitte H.

Ich spiele viel mit meinem Kater, ich bin froh, dass ich ihn habe. Er ist ein kluges Tier. Von klein auf durfte er nach draußen, aber jetzt will er nicht mehr weg von meinem Grundstück und in der Gegend herumstreunen. Mein „Burli“ scheint damit gescheiter als manche Menschen zu sein. Aus Gesprächen mit Bekannten weiß ich, dass einige von ihnen die Corona-Gefahr völlig unterschätzen und die Vorschriften der Regierung für übertrieben halten. „Manchmal gehe ich abends spazieren“ Ich jedenfalls habe beschlossen, mein Zuhause auch in den kommenden Monaten nicht zu verlassen, außer, um manchmal einen kleinen Spaziergang zu machen oder frisches Gebäck einzukaufen.

Ich kann mich auch daheim fit halten. Ich gehe viel herum, putze, mache regelmäßig Turnübungen. Das passt schon. Wie bereits gesagt, die ständige Einsamkeit drücktmitunter ein bisschen auf meine Seele. Vor ein paar Tagen ertappte ich mich beim Zubereiten des Frühstücks dabei, wie ich mit mir selbst gesprochen habe. „Willst du Marmelade oder Honig auf dein Butterbrot?“, fragte ich mich. Danach musste ich über mich lachen.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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