22.01.2020 06:00 |

Besuch von Sobotka

Auschwitz: Wo das Grauen greifbar wird

Es gibt Orte, die umgibt eine ganz besondere Aura, da wird die Vergangenheit in allen ihren Facetten deutlich spür- und greifbar, sie zieht jeden in ihren Bann. Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz nahe der polnischen Stadt Krakau gehört zu diesen ganz speziellen Plätzen - im allerschrecklichsten Fall. Das Grauen ist allgegenwärtig. Allein das bekannte Eingangstor mit der zynischen und die Opfer verhöhnenden Aufschrift „Arbeit macht frei“. Das Bild ist geläufig, oft gesehen, nichts Neues. Und dennoch - wer direkt davorsteht, erstarrt, erzittert, wird erfasst vom Unfassbaren.

Wenige Tage vor dem internationalen Gedenken an die Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren durch die sowjetischen Truppen besuchte nun Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka das ehemalige Konzentrationslager. „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so klein und hilflos gefühlt“, sagt Sobotka. „Hier wird klar, der Holocaust ist nichts Abstraktes, es wurden Menschen getötet, einfach nur weil sie Juden waren.“

Hinterlassenschaften der Opfer helfen mit, die Geschichte, die trotz aller Informationen nicht in den Kopf passen will, zu erzählen. Zwei Tonnen Haare - den Todgeweihten von den Köpfen geschoren, Tausende Koffer, versehen mit Namen oder manchmal auch nur mit „Waisenkind“.

Im Außenlager Birkenau, dort wo die Züge mit den Deportierten ankamen, wird klar, wie willkürlich über mögliches Leben und sofortigen Tod entschieden worden ist. Daumen des Aufsehers nach links bedeutete Arbeitslager, Daumen nach rechts Gaskammer. Dieses dunkelste Kapitel unserer Geschichte bleibt unbegreifbar.

Österreich arbeitet an neuer Ausstellung
Der Block 17 im ehemaligen KZ Auschwitz ist eine Baustelle. Hier soll im kommenden Jahr die neue Österreich-Ausstellung eröffnet werden. Ein ambitionierter Zeitplan, angesichts des jetzigen Zustandes. Fotos sind nicht erlaubt, alles steht unter Denkmalschutz.

Immer wieder stoßen die Restauratoren auf von Häftlingen versteckte Gegenstände, berichtet der technische Konsulent Johannes Hofmeister. Erst vor Kurzem wurde im Keller eine geheime Wandmalerei entdeckt - sie zeigt einen Rauchfangkehrer, einen Sektkübel und den Schriftzug „Prosit“ sowie eine Häftlingsnummer. Dennoch konnte bis jetzt nicht zugeordnet werden, wer das Bild für einen Silvesterabend gemalt hat.

Die Ausstellung soll das Schicksal der österreichischen Opfer in Auschwitz, den Widerstand der Häftlinge, aber auch die Involvierung von Österreichern als Täter an den dort begangenen Verbrechen dokumentieren.

„Mit Instrumenten der Kids“
Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds, über Erinnerung ohne Zeitzeugen und die Frage, was bei der Vermittlung schiefgelaufen ist.

„Krone“: Frau Lessing, im vergangenen September starb Marko Feingold, er war mit 106 Jahren der zuletzt älteste Holocaust-Überlebende. Wie wird die Erinnerung gelingen, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?
Hannah Lessing: Das ist eine riesige Herausforderung. Solange sie da sind, werden und müssen wir sie nutzen. Aber ich habe auch bemerkt, dass die Aufmerksamkeit bei den Jugendlichen in unserer schnelllebigen Zeit rasch verfliegt. Daher ist es zwar wichtig, den älteren Menschen zuzuhören, aber wir müssen auch auf die Jugendlichen eingehen.

Was meinen Sie damit? Gibt es konkrete Beispiele?
Wir müssen uns der Instrumente der Kids bedienen. So gibt es etwa 3D-Hologramme von Holocaust-Überlebenden, mit denen man kommunizieren kann. Oder die virtuelle Realität: Es wurde eine Brille entwickelt, anhand derer man durch ein Konzentrationslager begleitet wird. Schon vor 20 Jahren hat Steven Spielberg ein Video über Überlebende gedreht, mit den Stimmen von Leonardo DiCaprio und Wynona Ryder.

Vieles davon ist aber noch nicht sehr bekannt.
Es gibt die Idee, dass die Kinder von Überlebenden in den Schulen davon berichten. Aber generell reicht es nicht aus, die Geschichte zu erzählen. Wir müssen uns fragen, wieso es so weit kommen konnte. Meine Problematik ist: Trotz allem gibt es steigenden Antisemitismus und Rassismus. Warum haben wir es nicht geschafft, zu vermitteln, dass so etwas wieder passieren und jeden treffen kann?

„Krone“-Redakteurin Doris Vettermann berichtet aus Polen

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