02.11.2019 13:00 |

Thema Suizid

„Die Trauer will gehegt und gepflegt werden“

Leben und Tod, Glück und Trauer: Zu Allerheiligen und Allerseelen wird den Verstorbenen gedacht. Doch wie geht man damit um, wenn man jemanden durch Suizid verloren hat? Angelika Bodner-Pardeller weiß das aus eigener schmerzlicher Erfahrung - und hilft nun anderen.

„Es gibt für Hinterbliebene das Leben vor und das Leben nach dem Suizid“, sagt Angelika Bodner-Pardeller. Sie sitzt in ihrer Praxis, ein bunter Teppich zu ihren Füßen, helle Farben an den Wänden. Neun Jahre ist es her, dass ihre Welt plötzlich stehen blieb: „Mein Vater hat sich das Leben genommen.“ Eine dramatische Erfahrung – und sehr viel Hilflosigkeit, die sich daraus ergab. „Man ist auf so etwas nicht vorbereitet“, sagt Bodner-Pardeller heute. „Ich gehe sogar soweit, zu sagen, dass mir vorher nicht bewusst war, dass Suizid eine Möglichkeit zu sterben ist. Darüber denkt man einfach nicht nach.“

Und dann steht man da. Ohne Handbuch, Patentrezept – und ohne Hoffnung.

„Wunsch, mich mit anderen auszutauschen“
Die Unterländerin beginnt zu recherchieren, stößt auf Zahlen: 1300 Suizide gab es etwa 2016 in Österreich – „das sind doppelt so viele Tote wie im Straßenverkehr“, sagt sie. „In mir wuchs der Wunsch, mich auszutauschen, mit Gleichgesinnten darüber zu sprechen – denn offensichtlich, musste es davon ja mehr geben, als man im ersten Moment glauben mag.“

Selbsthilfegruppe gegründet
Sie gründete eine Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene nach Suizid – die erste ihrer Art im Tiroler Unterland. Sie absolviert Ausbildungen, schreibt all ihre Abschlussarbeiten zu diesem Thema und beginnt anderen Hinterbliebenen Mut zu machen. „Suizid erschüttert jeden Menschen in seinen Grundfesten“, sagt die Tirolerin, „denn es gilt als allgemein gültiges Naturgesetz, dass es einen Überlebenswillen gibt.“

Das „Warum“ wird für immer offen bleiben
Wenn dem nicht mehr so ist, versuche man zu verstehen, was unverständlich ist, zu erklären, wofür es keine Erklärung gibt. „Denn der einzige Mensch, der eine Antwort auf das ,Warum‘ geben kann, ist nicht mehr da“, sagt Bodner-Pardeller.

Hinzukomme, dass in der Gesellschaft viel Unwissen und noch mehr Ängste rund um das Thema Suizid vorherrschen. „Dahingehend hat sich zwar etwas getan, die Kirche geht mittlerweile etwas offener mit Suizid um, bestattet Suizidenten, was früher nicht der Fall war.“ Dennoch ist Selbstmord noch immer Tabu – und braucht Aufklärung. „Es muss darüber gesprochen werden“, sagt Bodner-Pardeller. „Es ist ein absoluter Irrglaube, dass das Gespräch darüber jemanden erst auf den Gedanken bringt – im Gegenteil: Reden schützt.“

Während nämlich der so genannte „Werther-Effekt“ einen Nachahmungseffekt nach Berichten über Suizid beschreibt, ergab eine Studie, dass Artikel über Betroffene, die Krisensituationen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigen konnten, einen positiven Effekt auf gefährdete Menschen haben – den so genannten „Papageno-Effekt“. Ableitend von der Kunstfigur „Papageno“ aus Mozarts „Zauberflöte“, der ebenfalls eine suizidale Krise bewältigen konnte.

Ein Raum, um ohne Scham zu sprechen
Ohne Scham zu reden, füreinander dasein, zuhören – es mag einfach klingen, doch gerade das ist entlastend. „Suizid ist noch immer mit sehr viel Scham behaftet Betroffene bleiben oft alleine zurück und müssen mit ihrer Trauer, Wut und nicht selten auch Schuldgefühlen zurecht kommen. Umso wichtiger ist die Selbsthilfegruppe, in der sich Hinterbliebene frei von Scham ihrer Trauer widmen können“, sagt eine Frau, die es wissen muss. Denn Angelika Bodner-Pardeller wurde von unfassbarem Schmerz getroffen, aber sie ließ sich davon nicht zerstören – und wurde so zum Vorbild und zur Stütze für andere.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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