01.11.2019 06:30 |

„Krone“-Kommentar

Mehr Anstand, bitte!

Sie kennen das sicher auch: Sie stehen in einer Warteschlange, genervt, aber eben doch geduldig, und da kommt einer daher, der sich dreist vordrängelt. Rücksichtslos zieht er an allen Wartenden vorbei und kommt zum Zug. Was tun Sie? Ich selbst bin eigentlich nicht der Typ, der dann laut wird und mit erhobenem Zeigefinger ruft: „Bitte hinten anstellen!“ Aber ich wäre es manchmal gerne mehr. Und ich bin dankbar für diejenigen, die es tun. Die Anstand einfordern in einer Gesellschaft, die Anstandslosigkeit immer öfter hinnimmt und goutiert.

Anstand – klingt fast verstaubt, dabei sollte er die natürlichste Sache der Welt sein. Anstand bedeutet, auf andere Rücksicht zu nehmen, auch dann wenn mir persönlich nicht danach zumute ist. In der Straßenbahn für Ältere oder Schwächere aufzustehen, auch wenn ich selbst gerade müde bin. Mir beim gemeinsamen Essen nur so viel auf den Teller zu nehmen, dass auch für die anderen noch genügend bleibt. Es geht darum, nicht nur meine eigenen Interessen durchzusetzen, sondern auch die anderen im Blick zu behalten. Im Wissen, dass es Werte gibt, die über denen des persönlichen Vorteils stehen.

Ich glaube, dass es dringend an der Zeit ist, wieder mehr Anstand einzufordern. Tun wir das nicht, tragen wir Mitschuld daran, wenn sich die Egomanen durchsetzen und die Gesellschaft verroht. Denn Anstandslosigkeit ist ansteckend wie eine Herbstgrippe. Ich selbst erinnere mich noch voller Scham daran, wie wir als Schülerinnen einer bestimmten Lehrerin auf der Nase herumgetanzt sind. Wie wir ihren Unterricht boykottiert und bei Schularbeiten geschummelt haben, einfach weil es möglich war. Weil niemand etwas dagegen gesagt hatte. Einige wenige Schüler hatten es vorgemacht, und plötzlich war es Sitte geworden.

Wenn Anstandslosigkeit Erfolg hat, greift sie schnell um sich. Dann findet sie Nachahmer, und die Maßstäbe verschieben sich. So lange, bis Unmoral zur Norm wird und nur noch das Recht des Stärkeren zählt. Natürlich wird es immer Menschen geben, die sich nicht an Spielregeln halten. Die sich ohne Rücksicht auf Verluste Vorteile verschaffen. Man wird sie vermutlich auch nicht ändern können. Aber man kann das Bewusstsein potenzieller Nachahmer schärfen. Anstandslosigkeit darf nicht goutiert werden! Stattdessen müssen wir Rücksicht, Wohlwollen, Empathie und Freundlichkeit einfordern. Und vorleben! Nur so ist das friedliche und gute Zusammenleben aller möglich. Der Apostel Paulus ist diesbezüglich jedenfalls ganz klar und deutlich, wenn er in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi schreibt: „Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern auch an das, was dem anderen dient.“

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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