27.09.2019 07:38 |

Spezialistenvergleich

Ganzjahresreifen im Test: Ein guter Kompromiss?

Zweimal pro Jahr Reifen wechseln, damit man immer den für die Saison passenden Reifen drauf hat? Wann macht man das am besten? Alles nicht jedermanns Sache - dafür gibt es Ganzjahresreifen. Aber wie gut fährt man damit? Der ARBÖ hat gemeinsam mit seinem deutschen Partnerklub ACE und der GTÜ acht Exemplare unter die Lupe genommen - und dabei einen klaren Sieger ermittelt.

Diesmal im Test: die Dimension 205/60 R16, wie sie auf viele Hochdachkombis wie Citroën Berlingo, Vans wie VW Sharan und Renault Scénic oder Mittelklasse-Limousinen wie BMW 3er und Audi A4 passen.

Außerdem wollten die Tester wissen, wie sich die Reifen an einem warmen Sommertag verhalten, und haben die Nass- und Trockenversuche diesmal im August in der Nähe von Wien durchgeführt. Denn dass sie herbstliche und winterliche Bedingungen ganz gut meistern, haben die „All Seasons“ schon im Vorjahrestest bewiesen.

Damals hatten sie jedoch zu Vergleichszwecken nur eine geringe Zahl dabei. Doch weil sie sich immer besser verkaufen, haben sie in diesem Jahr die Verteilung umgedreht und nur jeweils einen Referenzreifen für Sommer und Winter mitgenommen.

Sommerreifen können auf Schnee und Eis zur tödlichen Gefahr werden
Nicht überraschend scheitert der Sommerreifen schon am Handlingtest, weil er eine kleine Steigung auf der Teststrecke gar nicht erst hinaufkommt. Der Berlingo dreht sich um die eigene Achse und rutscht dann bergab. Selbst beim Beschleunigen und Bremsen auf topfebener Strecke sind die Werte so schlecht, dass der Reifen exakt null Punkte erzielt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal die eindringliche Warnung: Wird es plötzlich kalt, fällt Schnee oder droht überfrierende Nässe, sind Sommerreifen lebensgefährlich. Selbst die kürzeste Strecke innerorts kann bei winterlich nasser oder matschiger Fahrbahn zum Todesrisiko werden.

Fehlender Grip macht die Bremswege bedrohlich lang
So miserabel wie der Sommerspezialist performt jedoch keiner der Ganzjahresreifen im Test. Doch die Reifen von Michelin, Nexen und Bridgestone enttäuschen auf schneeglatter Fahrbahn auf voller Länge. Beim Beschleunigen und Bremsen können die Gummis trotz ihrer Vielzahl an Lamellen keinen richtigen Grip aufbauen. Im Alltag bedeutet das im besten Fall, dass das ESP pausenlos eingreift und an halbwegs flüssiges Vorwärtskommen nicht mehr zu denken ist; oder es bedeutet eben, dass trotz ABS die Bremswege bedrohlich lang werden. Plastisch ausgedrückt: Steht der beste Reifen bereits nach 31 Metern, brauchen Michelin und Nexen eine halbe Wagenlänge mehr.

Den plötzlichen Wintereinbruch und die Lastwagen, die an der A21 scheitern, kann sich jeder vorstellen. Genauso quält sich der Bridgestone-bereifte Berlingo eine kleine Steigung auf der Teststrecke hinauf. Deutlich werden die Defizite auch im technischen Teil des Handlingparcours. Bei allen drei Reifen bemängeln die Testfahrer ein unpräzises Lenkverhalten: Weil die Reifen jegliche Rückmeldung vermissen lassen, ist allzeit vorsichtiges „Fahren wie auf Eiern“ angesagt. Die schwache Seitenführung führt dazu, dass entsprechend bereifte Fahrzeuge auf einer kurvigen Landstraße schnell von der Straße abkommen oder in den Gegenverkehr rutschen können.

Fazit: Bridgestone, Michelin und Nexen bieten auf Schnee höchstens Notlaufeigenschaften, der Grenzbereich ist so schmal, dass weniger geübte Fahrer schnell die Kontrolle verlieren würden. Ganz klar: Finger weg, zumindest wenn Schnee und Eis drohen.

Fulda, Nokian und Continental zeigen fast Winterreifen-Qualitäten
Doch dass die Generalisten nicht unbedingt das Nachsehen auf Schnee haben müssen, zeigt die Spitzengruppe um Fulda, Nokian und Conti - alle drei sind auf schneebedeckter Fahrbahn in Schlagdistanz zum Winter-Referenzreifen und Vorjahressieger von Conti. Und auch das gibt es: Der Ganzjahresreifen von Fulda ist auf Schnee dem Winterreifen hinsichtlich Beschleunigung und Bremsen sogar überlegen, allerdings nicht ganz so leicht zu beherrschen wie der Winter-Spezialist.

Bei sommerlichen Bedingungen wendet sich das Blatt
Als Ganzjahresreifen im eigentlichen Sinne ist der Fulda trotzdem nicht perfekt geeignet. Dafür schneidet er beim Sommerpart nicht gut genug ab. Sowohl auf nasser als auch auf trockener Strecke liegt er hinten. Die Kritik: Er bietet wenig Seitenführung und lässt sich nur unpräzise durch den Parcours zirkeln. Insgesamt drehen sich bei sommerlichen Temperaturen um die 25 Grad einige Ergebnisse: Der auf Schnee so gescholtene Bridgestone überzeugt mit Bestwerten auf dem Niveau eines Sommerreifens. Auch Michelin und Hankook mögen trockenen Asphalt, liegen auf Nässe jedoch nicht in der Spitzengruppe. Dort ist der Goodyear ebenfalls vorne mit dabei, doch seine Schwächen auf Schnee verhindern eine bessere Gesamtplatzierung.

Testsieger AllSeasonContact macht seinem Namen alle Ehre
Dem AllSeasonContact von Conti gelingt der Dreiklang „Schnee-nass-trocken“ am besten. Er bremst und lenkt sich auf Nässe eher wie ein Winterreifen und auf trockenem Asphalt wie eine Mischung aus Sommer- und Winterreifen, was in diesem Fall eher positiv zu werten ist. Beim Aquaplaning ist nur der Winterreifen besser. Ein Lob auch von der Handling-Crew: Insgesamt ist jederzeit gut vorhersehbar, wie der Reifen reagieren wird. Beim Bremsen auf trockener Fahrbahn oder bei plötzlichen Lastwechseln gibt es allerdings noch Potenzial.

Ganzjahresreifen ist immer ein Kompromiss
Fazit: Nicht nur für die Bewertung wäre eine Mischung aus drei verschiedenen Reifen ideal: dem Fulda für die paar Tage im Jahr, an denen es eiskalt ist und schneit, dem Conti bei Regen - ganz egal zu welcher Jahreszeit. Und dem Michelin für die trockene Strecke. Drei verschiedene Profile: Das wäre zwar erlaubt, doch das Handling sicher unterirdisch. Der Kompromiss kann also nur sein: sich für einen entscheiden und die Einschränkungen kennen, denn mit guten Sommer- und Winterreifen können die meisten Ganzjahresreifen mittlerweile mithalten - bloß den einen, der alles kann, den gibt es noch immer nicht.

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