08.09.2019 06:03 |

Schulärztin berichtet

Alarmstufe Rot für unsere Kinder

Was in 30 Jahren für unsere Jugend schlechter geworden ist: Sie raucht mehr, wird immer dicker und leidet zunehmend vor allem stressbedingt an Depressionen.

Zweite Klasse Handelsakademie: Ein Mädchen bricht wenige Tage vor den Ferien förmlich zusammen: „Mir ist alles zu viel, ich schaffe es nicht mehr!“ Obwohl in der Schule kaum mehr etwas los ist. Für die Wiener Schulärztin Dr. Bianca Bauer kein Einzelfall. Seit Beginn ihrer Tätigkeit vor rund 30 Jahren hat sich viel verändert. Dr. Bauer betreut Oberstufenkinder ab 14. Da fallen zunächst körperliche Parameter auf: „Mädchen wie Buben sind deutlich dicker geworden. Ich entdecke zudem wesentlich mehr Haltungsschäden als früher. Was mich am Übergewicht besonders beunruhigt: Die Kinder stört es gar nicht mehr, wenn sie dick sind. Sie lehnen sowohl das Angebot für ein Gespräch als auch natürlich für eine Therapie ab.“ Alkohol wurde im Laufe der Jahrzehnte zum ernsten Thema: „Ich kann mich gar nicht erinnern, dass es früher echte Schwierigkeiten gab. Die haben wir aber heute sehr wohl! Es muss nicht gleich Komasaufen sein - alkoholische Getränke zu konsumieren gehört oft dazu, um in der Gruppe anerkannt zu werden.“

Meistens nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber durchaus dramatisch sind psychische Störungen. Dr. Bauer: „Wenn sich schon 14-Jährige nicht mehr belastbar fühlen, nicht mehr nach Hause gehen wollen, keine Orientierung haben und einfach alles schrecklich finden, herrscht Alarmstufe Rot! Echte Depressionen treten immer häufiger auf, werden aber leider unterschätzt!“ Eine Schlüsselrolle spielen naturgemäß die Eltern. Aber auf die können die Kinder oft nicht zählen, wie Dr. Bauer bestätigen muss: „Familiär ist die Lage grundsätzlich nicht leichter geworden. Die vielfach beide berufstätigen Eltern sind mit Existenzsorgen mitunter so beschäftigt, dass sie sich zuwenig um ihren Nachwuchs kümmern.“ Wie äußert sich dieser traurige Umstand? „Zum Beispiel wird daheim nicht selten kaum mehr gekocht. Die Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule, dort essen sie mittags nur ein Weckerl. Es gibt ganz einfach keine Zeit mehr für ausreichende Betreuung. Ich gebe zwar Tipps, die aber nicht angenommen werden.“

Neben den finanziellen Nöten vieler Eltern sieht Dr. Bauer eine Hauptursache für diese Entwicklung auch in der Technik: „Vor 30 Jahren gab es noch keine Handys und auch weniger Computer. Handy und Facebook etc. führen heute dazu, dass sogar schon kleinere Kinder nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie haben keine Erholungsphasen mehr, weil sie dauernd mit ihren Geräten beschäftigt sind. Das führt zu den bereits genannten und noch weiteren seelischen sowie körperlichen Störungen.“ Welche Beschwerden sind besonders in den Vordergrund gerückt? „Ich stelle deutlich häufiger Magenprobleme wie Gastritis fest, aber auch Bluthochdruck kombiniert mit Übergewicht. Das stundenlange Sitzen vor Computern, Tablets usw. führt außerdem zu Kopfweh und massiven Haltungsschäden.“ Wie viele Jugendliche halten Sie für stark gefährdet? „Zum Glück gibt es ja auch zahlreiche Schüler, die sich gesund ernähren und Sport betreiben. Aber etwa ein Drittel halte ich für sehr problematisch.“ Was wäre für Sie eine sinnvolle Sofortmaßnahme? „Eine bis zwei Turnstunden pro Woche sind geradezu lächerlich wenig. Ich wünsche mir eine Stunde am Tag! Das wäre ein guter Ausgleich für die viele Sitzerei und vielleicht Motivation für weitere sportliche Aktivitäten. Der Ball liegt letztlich bei der Politik.“

Dr. med. Wolfgang Exel, Kronen Zeitung

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