31.10.2019 09:01 |

Freudentage

Berlin: Langer Schatten der geteilten Stadt

Berlin feiert gerne. Heuer hat es gleich mehrere Gründe dazu. Einer davon ist der 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Es gibt Daten, bei denen man sich einfach daran erinnert, was man an diesem Tag gemacht hat. Der 9. November 1989 ist so ein Datum. An diesem Tag fiel die Berliner Mauer. Und die Bilder der Menschen, die plötzlich nach Westberlin strömten und erstmals den „Wind of Change“ – bis heute ist dieses Lied von den Scorpions untrennbar mit dem Mauerfall verbunden – genossen, haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben.

Ein Mauerstück als Souvenir
Die heute noch vorhandenen Reste der Berliner Mauer haben sich zu einem Touristen-Magnet entwickelt, und an jeder Ecke kann man ein Mauerstück als Souvenir kaufen. Zusammengefügt ergeben diese wohl eine mittlere Kleinstadt. Doch es ist der Gedanke, der zählt.

Das Jubiläum „30 Jahre Mauerfall“wird in der deutschen Hauptstadt natürlich ausgiebig gefeiert. Mittlerweile ist es zwar schon länger her, dass die Mauer abgebaut wurde, als dass sie Bestand hatte, den Berlinern ist sie dennoch bis heute ins Blut geschrieben. Errichtet wurde dieser Grenzwall, der die deutsche Metropole und ihre Bewohner 27 Jahre unerbittlich in zwei Hälften teilte, 1961. Und die Älteren wissen unzählige Geschichten zu erzählen. Die meisten davon allerdings nehmen kein gutes Ende.

Viele Orte des Gedenkens
Der wohl spektakulärste ist ein Stück originale Mauer an der legendären Bernauer Straße, um das mittlerweile eine mehr als ein Kilometer lange Erinnerungsstätte errichtet wurde. Sie beginnt beim Nordbahnhof, der zu DDR-Zeiten einer der gefürchteten Geisterbahnhöfe war und heute als Museum davon erzählt. Er durfte von Westberliner Zügen zwar befahren werden, das Anhalten war aber ebenso verboten wie das Aussteigen. Die Abgänge wurden nicht nur bewacht, sondern sogar zugemauert. „Ein sehr unangenehmes Gefühl, denn man wusste, bei einem Notfall kommt man aus dem Tunnel nicht raus“, erzählt Stadtführerin Katharina Poos.

Vor der Bahnhofstür beginnt eine symbolische Mauer aus Stahlsäulen, die an die Grenze innerhalb der Stadt erinnert. Folgt man ihrer Linie kommt man zur Gedenkstätte für die Mauertoten, mit Fotografien vom ersten Opfer, Ida Siekmann, aus dem Jahr 1961 bis zum letzten, Chris Gueffroy, am 5. Februar 1989. 140 werden hier genannt, die Dunkelziffer ist freilich weitaus höher. Furchteinflößend ist der originale Mauerabschnitt im Rahmen der Gedenkstätte selbst heute noch.

Er macht deutlich dass es eigentlich zwei Mauerlinien gegeben hat und dazwischen die Todeszone. Ein unbewachsenes Stück Erde, immer sorgsam mit dem Rechen bearbeitet, um sofort jeden Schritt darauf zu sehen. Auch einer der insgesamt 302 Wachtürme ist noch vorhanden. Es lohnt sich, die ganze Gedenkstätte Berliner Mauer abzugehen, um einen guten Eindruck dieser unmenschlichen Maßnahme zu bekommen. Am Boden markiert sind die unterirdisch gegrabenen Fluchttunnel, auf den Häuserwänden findet man viele bekannte, stark vergrößerte Fotos von Flüchtenden.

Am berühmten Checkpoint Charlie wird die Mauer-Geschichte lockerer und mit einer Prise Berliner Schnauze präsentiert. Beklemmender ist der „Tränenpalast“ nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Dort findet man neben einer anschaulichen Dokumentation jene Grenzkabinen, in die man beim Übertritt in die DDR allein mit einem Grenzbeamten musste. Dem psychologischen Druck hielten viele nicht stand, was man hier gut nachvollziehen kann.

Ihre Spuren hat die Teilung der Stadt übrigens auch im Berliner Reichstag hinterlassen. Hier findet man nicht nur russische Graffiti von 1945 und wesentlich neuere Kunstwerke unter anderem von Joseph Beuys und Hans Haacke, die an diese Zeit erinnern, hier kann man bei einer Führung zur wechselvollen Geschichte des Hauses (nur nach Online-Anmeldung) auch geheime Tunneleingänge und geheimnisvolle Räume entdecken. Und man sollte unbedingt den Weg auf die 1999 vom Architekten Norman Foster geplante Kuppel antreten.

Dort kann man sich dank des einzigartigen Rundblicks nämlich davon überzeugen, dass die Trennung in Ost und West heute weitgehend überwunden ist, und in der Stadt kaum noch Spuren hinterlassen hat. Da zeigt sich Berlin als das, was es ist: eine lebendige, moderne, kreative Stadt voller Lebensfreude, mit viel Kulturangebot, originellen Läden und außergewöhnlichen Lokalen.

Warum die alten düsteren Geschichten also nicht mit einem Besuch im herrlich-skurrilen Varieté-Zelt „Bar jeder Vernunft“, in dem man auch hervorragend essen kann, bei einer spektakulären Show im ausgesprochen imposanten Friedrichstadt-Palast oder im an die Wiener Kaffeehaustradition erinnernden „Zimt und Zucker“ beiseite schieben und das Leben in vollen Zügen genießen.

Gar nicht so voll, dafür herrlich bequem sind übrigens die Nachtzüge, die die ÖBB täglich von Wien nach Berlin anbieten. Und auch in der direkten Tagesverbindung kann man gemütlich und ganz ohne schlechtes Gewissen in Sachen Umwelt in die deutsche Hauptstadt reisen.

Michaela Reichart Kronen Zeitung

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