04.04.2019 12:49 |

24 Millionen Aufrufe

Rammsteins „Deutschland“ erobert YouTube im Sturm

Fast 24 Millionen Aufrufe in nur einer Woche - das Video zu Rammsteins neuer Single „Deutschland“ erobert YouTube im Sturm. Darüber, ob das fast neuneinhalb Minuten lange Video nun Kunst ist oder „weg kann“, wird indes weiter heftig gestritten.

Es war noch nicht einmal offiziell veröffentlicht, da ließ das Video zu „Deutschland“ die Wogen bereits hochgehen. Auslöser: ein gut 30-sekündiger Teaser-Clip in dem die Rocker um Sänger Till Lindemann in KZ-Kluft samt Judenstern am Galgen stehen. Die Aufmerksamkeit war der Band nach inzwischen zehnjähriger Album-Abstinenz gewiss.

„Die Dramaturgie war wohl bewusst gewählt - und hat funktioniert“, sagt Torsten Groß mit Blick auf die Empörungswelle. Der freie Autor und Musikkritiker hat als Rammstein-Experte für den „Rolling Stone“ eines der seltenen Interviews der vergangenen Jahre mit der Band führen können. Das sei bei früheren Veröffentlichungen sehr ähnlich gelaufen, sagt Groß.

Die Wahl der Sequenz - die im mehr als neunminütigen Video erst im Abspann steckt - bezeichnete er als „zynisch und nicht besonders gut“. Bei der Botschaft hatte Groß allerdings keine Zweifel: „Ich habe fest damit gerechnet, dass es ein explizites politisches Statement in die andere Richtung werden würde.“

Kritische Auseinandersetzung mit Geschichte
Denn inzwischen ist klar: „Deutschland“ setzt sich sowohl auf visueller als auch textlicher Ebene kritisch mit der Geschichte des Landes auseinander. „Deutschland, mein Herz in Flammen“, heißt es da, „will dich lieben und verdammen“. Und weiter: „Deutschland, dein Atem kalt; so jung und doch so alt. Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen; Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben.“

„Wert des Videos liegt weit unter null“
Die Kritik am Video reißt dennoch nicht ab:
„Der Wert dieses Videos als künstlerische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Deutschland als Vaterland liegt weit unter null“, sagt etwa der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. „Die Bandmitglieder toben mit ihren Gewaltfantasien durch die deutsche Geschichte wie aufgeputscht, getrieben von der Gier nach möglichst blutrünstigen Bildern und Szenen, die auch vor den deutschen Konzentrationslagern nicht haltmachen.“ Für Überlebende seien solche Videos empörend und abstoßend.

Explizites politisches Statement
Dagegen schätzt neben der internationalen Fan-Gemeinde und einigen Kritikern auch Rammstein-Experte Groß das Video. Die „in jeglicher Hinsicht gewaltige Materialschlacht“ sei absehbar gewesen, nachdem zehn Jahre lang kein neues Album erschienen sei.

„Varus-Schlacht, Ordensritter, Befreiungskriege, Hindenburg, Sigmund Jähn, RAF, Bismarck, Marx, die finstersten zwölf Jahre“, viel deutsche Geschichte finde sich im Video und summiere sich zu einem „expliziten politischen Statement dieser Männer, die sich so eindeutig bis jetzt noch nicht geäußert haben“. Rammsteins ambivalentes Verhältnis zu Deutschland und seiner Geschichte münde „in der völlig unzweideutigen Aussage: ‘Meine Liebe kann ich dir nicht geben‘.“

„Gehört definitiv in den Geschichtsunterricht“
Die zentrale Figur der schwarzen Germania sieht Groß als Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle der Kolonialzeit, Antwort auf den aktuellen Rassismus sowie Verweis auf die #MeToo-Debatte mit der Figur des sogenannten alten weißen Mannes. YouTuber „MrWissen2go Geschichte“ fordert daher auch: „Dieses Musikvideo gehört definitiv in den Geschichtsunterricht.“

Schwierig könnte es allerdings werden, wenn während der ausverkauften Konzerte der diesjährigen Stadiontour, welche die Band am 22. und 23. August auch nach Wien führt, Zehntausende die Sequenz „Deutschland, Deutschland über allen“ mitgrölen sollten. Die im Song aus der schwer zu missdeutenden Alliteration „überheblich, überlegen, übernehmen, übergeben, überraschen, überfallen“ resultierende Zeile unterscheidet sich eben nur im letzten Konsonanten vom Einstieg der verbotenen ersten Strophe des Deutschlandliedes.

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