Sa, 25. November 2017

Experten skeptisch

27.10.2017 09:24

Bitcoin: Der umstrittene Star unter dem Kryptogeld

Der Bitcoin bewegt sich aus der Nische in Richtung Mainstream. Dafür verantwortlich dürfte wohl maßgeblich der steile Kursanstieg der Kryptowährung sein: Seit Jahresbeginn hat sich der Wert auf zeitweise rund 6000 Dollar mehr als versechsfacht. Das lockt Spekulanten und Glücksritter. Welche Bedeutung der Bitcoin künftig haben wird, ist aber umstritten. Vom prognostizierten Crash bis zur Weltreservewährung reichen die Einschätzungen.

Post-Chef Georg Pölzl meint, dass digitale Währungen höchstwahrscheinlich zu unserer Zukunft gehören. Inzwischen kann man Bitcoins ja österreichweit in über 1800 Postfilialen kaufen. Sie hätten viele Vorteile und könnten auch als Anlageprodukt - mit einer Spekulationstangente - genutzt werden. OeNB-Gouverneur Ewald Novotny warnt hingegen, der Postvorstand müsse sich bewusst sein, dass er damit rechtliche Risiken eingehe, "die sich ein Vorstand sehr wohl überlegen sollte". Als Vergnügen und Nervenkitzel sei Bitcoin ok. Aber: "Das ist keine Währung, das ist ein Spiel, da steht nichts dahinter", sagte Nowotny.

Für den Erste-Bank-Chef Stefan Dörfler ist Bitcoin "ein spannendes Phänomen". Es sei "kein offizielles Zahlungsmittel und hoch spekulativ", warnte er. "Theoretisch kann der Wert morgen null sein. Wir raten unseren Kunden von einem Investment in Bitcoins jedenfalls ab." Eine Währung müsse verschiedene Funktionen erfüllen, betonte UBS-Präsident Axel Weber. Sie müsste allgemein akzeptiert sein, als Wertaufbewahrung dienen und als Zahlungsmittel sowie für Transaktionen verwendet werden können. "Bitcoin ist nur eine Transaktionswährung", so Weber.

"Am Ende des Tages platzt die Blase"
FMA-Vorstand Helmut Ettl vergleicht den Hype um Bitcoin mit dem Tulpenzwiebelwahn in Holland im 17. Jahrhundert. "Der Preis steigt weiter und weiter und am Ende des Tages platzt die Blase und viele Menschen haben viel Geld verloren", so Ettl. Der US-Milliardär und Investor Howard Marks vergleicht die Entwicklung mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende, deren Platzen er vorhergesagt hatte. "Digitale Währungen sind eine Modeerscheinung", betont Marks. Ihr Wert speise sich allein aus der Bereitschaft der Nutzer, für sie zu bezahlen.

Im September hatte JP Morgan-Chef Jamie Dimon Bitcoin als Betrug bezeichnet und prognostiziert, die Währung werde in einem Crash enden. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein zeigt sich hingegen offen. Er sei aber noch zu keiner abschließenden Bewertung gekommen. Auch Morgan-Stanley-Chef James Gorman sagte kürzlich, Bitcoin sei mehr als nur eine Modeerscheinung. In der Fondsbranche werden Kryptowährungen unterdessen immer beliebter. 110 Hedgefonds handeln bereits damit, wie die Experten des Finanzforschers Autonomous Next mitteilten. Ende August waren es demnach erst 55.

Notenbanken tüfteln an Bargeld-Ersatz
Die Blockchain zieht inzwischen aber auch die mächtigsten Institutionen des Finanzsystems in ihren Bann: Mindestens ein Dutzend Notenbanken rund um den Globus spielen derzeit durch, ob sich die Technologie für ihre Zwecke nutzen lässt. Der Ersatz von Bargeld gehört dabei noch zu den konservativen Szenarien. Am Ende kommen möglicherweise ganz neue geldpolitische Maßnahmen zum Einsatz. Das wohl radikalste Modell könnte so aussehen: Jedermann erhält ein Konto bei einer Notenbank, über das sämtliche Transaktionen laufen würden.

In manchen Ländern drohen aber bereits Restriktionen. Vor wenigen Wochen hatten in China Handelsplattformen für Bitcoin & Co ihren Betrieb eingestellt, nachdem Behörden vor den Risiken von Cyber-Währungen gewarnt hatten. Daraufhin war der Bitcoin-Kurs um mehr als 1.000 Dollar eingebrochen. Auch Russland will den Handel mit dem per Computer geschaffenen Geld einschränken. So versucht das Land den Zugang zu bestimmten Internetseiten zu blockieren, die Kryptowährungen anbieten.

"Eine digitale Währung wird früher oder später eine nationale Währung als Weltreservewährung ablösen", glaubt Max Tertinegg, Geschäftsführer und Mitbegründer des Grazer Bitcoin-Dienstleisters Coinfinity. "Ich gehe mit einer mehr als 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es Bitcoin sein wird, es kann aber auch eine andere Kryptowährung sein. Es gibt nämlich neben Bitcoin noch hunderte andere Kryptowährungen", so Tertinegg. "Bis auf eine Handvoll davon - maximal 10 bis 15 Währungen - sind das aber Eintagsfliegen ohne Relevanz."

"Natürlich wird mit Kryptowährungen spekuliert. Es ist aber auch eine Wertanlage und Krisenwährung. Und gehackt wurden sie auch noch nie", sagte Magdalena Isbrandt, Geschäftsführerin der Bit-Trust Store GmbH mit Sitz in Wien, bei einer Veranstaltung des Internationalen Forums für Wirtschaftskommunikation (IFWK). Sehr nützlich seien Kryptowährungen in Ländern mit Hyperinflation. "Außerdem kann ich frei über mein Geld bestimmen und niemand kann mein Konto einfrieren."

Kein Beitrag zur Demokratisierung des Geldes
Dass Kryptowährungen zur Demokratisierung des Geldes beitragen, hält Isabella Mader, Vorstand des Excellence Institutes, für einen Mythos. "Beim Mining hieß es, dass jeder mitmachen kann. Meist ist aber das Schürfen teurer als das, was man damit lukrieren kann. In China und Nordschweden entstehen riesige Serverfarmen - wie demokratisch wird das sein?", gab sie zu bedenken. Auch große Konzerne könnten an Einfluss gewinnen, wenn Bargeld abgeschafft werde und sich digitale Währungen in Kryptowährungen verwandeln würden. "Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist: Wollen wir künftig, dass weiter die Nationalbanken unser Geld schaffen oder lieber Großkonzerne wie Amazon oder Facebook?"

Diesen Gedanken griff auch Christoph Strnadl, CTO der Software AG für Central & Eastern Europe, auf: "Wenn man bei Amazon mit eigenen Amazon Coins zahlen kann und die dafür sorgen, dass ihre Zulieferer ebenfalls diese Kryptowährung benutzen, würde eine weitere Ebene digitalisiert. Das könnte schon verlockend sein."

Drei große "Miner" könnten System zerstören
Bitcoin wirbt jedenfalls damit, dass praktisch jeder die Software herunterladen und selber neue Bitcoins herstellen kann. In der Praxis ist der Aufwand aber inzwischen so groß, dass sich nur mehr wenige große Organisationen die Berechnung neuer Bitcoins leisten können. Würden sich zwei oder drei absprechen, könnten sie das System auch zerstören, sagt der Kryptograf Adi Schamir, der vor 30 Jahren einige der Grundlagen für die heutigen digitalen Währungen mit entwickelt hat.

Das ist so bedrohlich, weil Bitcoins schon längst nicht mehr von unzähligen Einzelkämpfern geschürft werden. Inzwischen ist der Aufwand, neue Bitcoins zu produzieren so gestiegen, dass nur mehr wenige große Organisationen dabei sind - meist in der Nähe besonders billiger Stromquellen in China. Der Stromverbrauch für die Bitcoin-Produktion ist so groß wie der einer deutschen Großstadt, hat eine Schätzung unlängst ergeben. "Zwei oder drei chinesische Schürfer könnten Bitcoin zerstören", so Schamir.

Derzeit mischen aber noch viele weitere "Miner" im System mit (siehe "Krypto-Mining mit der Kraft des Wassers"). Die oberösterreichischen Start-ups Apollon core und bitTex betreiben beispielsweise in Leonding die nach eigenen Angaben größte Mininghalle Zentraleuropas. Dazu werden aktuell rund 6.000 Grafikkarten eingesetzt. Als nächsten Schritt planen die beiden Firmen für das erste Quartal 2018 ein sogenanntes Initial Coin Offering (ICO): Dabei wird ein Token, quasi eine eigene Kryptowährung, aufgelegt, mit dessen Erwerb man sich an der Finanzierung eines Projekts beteiligen kann.

Boom bei Initial Coin Offering
Dass viel digitales Geld für Investitionen vorhanden ist, ist auch darauf zurückzuführen, dass viele Menschen durch die Kursexplosion bei Bitcoin und Ether reich geworden sind. Anleger versuchen bei ICOs nun offenbar erneut ihr Glück. "Viele spielen da mit, weil sie sehr früh eingestiegen sind und jetzt 100.000 Bitcoins herumliegen haben. Das sind zum Teil nerdige Neureiche, die halt einmal da, einmal dort Münzen reinwerfen", erklärte Thomas Zeinzinger, Gründer des BlockchainHub Graz.

Gleichzeitig ist auch das Generieren eigener digitaler Münzen dank der "Smart Contract"-Möglichkeiten der Ethereum-Blockchain - auf der die meisten der "Coins" aufbauen - zu einer ziemlich unkomplizierten Sache geworden. Einfache Anleitungen dazu finden sich bereits auf YouTube.

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