Mo, 19. November 2018

Gedächtnissport

20.01.2017 17:19

Weltmeisterin: "Der Chef im Hirn sind wir"

Als Kind war Luise Maria Sommer die "vergessliche Luise"; heute ist sie amtierende Gedächtnis-Weltmeisterin. Doch Wissen ist nicht alles, mahnt sie.

Seit Luise Maria Sommer 1973 aus dem kärntnerischen Paternion zum Studium nach Graz kam, ist sie eine leidenschaftliche Wahlsteirerin. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Langenwang, doch immer wieder zieht es die Mutter dreier erwachsener Kinder aus dem liebgewonnenen Mürztal hinaus in die Welt.

Als Englischlehrerin in Mürzzuschlag animierte sie zunächst nur ihre Schüler zum Gedächtnissport. Bald stieg sie selbst in Wettkämpfe ein - und war höchst erfolgreich. 2003 wurde sie Guinness-Buch-Rekordlerin, 2004 "Grandmaster of Memory". Als Referentin tourt sie seither von Stadt zu Stadt, um die Menschen zu inspirieren.

Nach ihrem 60. Geburtstag wollte sie es wieder wissen. Sie stieg erneut ins Training ein - und holte im Dezember 2016 in Singapur den Weltmeistertitel bei den Senioren. Dabei gelangen ihr Punkterekorde in vier von zehn Disziplinen: im Merken von Namen/Gesichtern, historischen Daten, Spielkarten und Wörtern. Mit der "Steirerkrone" sprach sie über den eigentlichen Wert des Wissens in einer Welt voller Speichermedien.

Frau Dr. Sommer, Sie sind eine bemerkenswert dynamische Erscheinung. Hält der Gedächtnissport jung?
Schon die alten Römer wussten: "Mens sana in corpore sano - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper". Mein Zusatzfach auf der Uni war Sport, aber ich integriere die Bewegung auch in den Alltag, erledige viele Wege zu Fuß. In der Vorbereitung auf die WM ging ich täglich in den Wald.

Hängen Gedächtnisleistung und analytische Intelligenz eigentlich zusammen? Kennen Sie Ihren IQ?
Ich habe mich nie testen lassen. Aber ich erinnere mich an einen Ausspruch des Erziehungswissenschafters Hartmut von Hentig: "Fakten, die kein Denken auslösen, sind es nicht wert, gewusst zu werden." Ich will kein wandelndes Lexikon sein. Wissen kann uns dort intelligenter machen, wo es dem Denken neue Querverbindungen ermöglicht. Dann öffnet es uns neue Fenster zur Welt.

Macht uns ein größeres Wissen, eine größere Allgemeinbildung zu mündigeren Bürgern?
Unbedingt. Je mehr ich weiß, auch über mich selbst, desto eher kann ich es reflektieren. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die Bescheid wissen.

Hat es überhaupt einen Sinn, beim Speichern von Informationen mit dem überlegenen Computer in Konkurrenz zu treten?
Wir lernen gerade erst, diese neuen technologischen Werkzeuge richtig zu nützen. Das Smartphone, auf dem ich immer alles nachgoogeln kann, ist ja gerade erst zehn Jahre alt. Man muss sich nicht alles merken, das wäre schade um die Kapazitäten. Aber es geht - wie überall - um die richtige Dosis. Das Handy muss unser Diener sein, nicht umgekehrt. Eines sollte klar sein: Der Chef im Hause Hirn sind wir.

Matthias Wagner
Matthias Wagner

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