Die Geschworenen beraten am Landesgericht Eisenstadt zur Stunde immer noch, wie sie über die mutmaßliche Kindsmörderin und ihre vier Verwandten, die im Burgenland einen Beitrag zum Tod des Mädchens beigetragen haben könnten, urteilen sollen. Eine wahrlich knifflige Aufgabe.
Stundenlang starrt die junge Rumänin am Landesgericht Eisenstadt gesenkten Hauptes auf den Parkettboden, während die vier Familienmitglieder neben ihr mit teils absurden Mitteln versuchen, ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen. Welche Bilder sieht sie? Jenes, als sie ihr Neugeborenes „brutal erschlagen“ hat, wie es die Staatsanwältin ausdrückt? Oder das andere, als sie das tote Mädchen am 17. Jänner in einer Plastiktasche auf der Raststation in Nickelsdorf „wie Abfall in der Winterskälte“ ablegte – dort, wo Lkw-Fahrer die kleine und große Notdurft erledigen, um sich 50 Cent für das Tankstellen-WC zu ersparen? „Es stank unerträglich“, erzählt ein ermittelnder Kriminalpolizist.
Wie berichtet, soll die damals 17-Jährige das Baby in einem Kleinbus binnen 30 Minuten geboren, getötet und entsorgt haben. Ihre Verantwortung: „Es kam tot zur Welt. Ich war in einer Ausnahmesituation. Ich weiß keine Details mehr.“ Die Mitinsassen – Mutter, Schwester, Schwager, Bruder – wollen allesamt weder etwas von der Schwangerschaft noch vom Geburtsvorgang mitbekommen haben. Ihnen wird pauschal der Beitrag zum Mord vorgeworfen. Dafür steht lebenslange Haft im Raum.
Literweise Blut? Man einigt sich auf die Regel
Dazu ein paar Gedanken. Wir sitzen in einem vollbesetzten Kleinbus. In der letzten Reihe liegen Matratzen, falls jemand müde wird. Die Jüngste von uns, der die Pasta Asciutta von der Mama in den vergangenen Monaten recht gut geschmeckt haben dürfte, kraxelt während der Fahrt nach hinten. Dann steigen wir alle aus, außer unser Dickerchen, wird halt müde sein. Warum ist denn plötzlich ihr Gewand in Blut getränkt, bis zu den Socken? Wir einigen uns im Familienverbund darauf, dass sie die Regel hat. So arg war das noch nie bei ihr, aber langsam scheint sie erwachsen zu werden. Wir helfen ihr beim Saubermachen, stellen uns vor das Auto hin, damit keiner was mitbekommt. Dort hinten, bei der Trafo-Station, kannst du das Sackerl mit der schmutzigen Wäsche hinstellen! Und tummel dich, Liebling, wir müssen weiter. In München wartet Arbeit! Abfahrt.
Urteile erst in den späten Abendstunden verkündet
Die acht Geschworenen sind sich uneins. Stundenlang wird beraten. Wie geht man mit der Verantwortung über Daumen oben oder unten um? Dass die Kindsmutter den Tod der Tochter herbeigeführt haben soll, scheint ob der DNA-Spuren klar. Von den Familienmitgliedern finden sich keine am Babyleichnam. Laut Gutachten hat die Kleine ein paar Minuten gelebt.
Eine psychiatrische Sachverständige meinte am Donnerstag, der Fall sei typisch für einen Neonatizid, also die Tötung eines Kindes nach der Geburt. Die junge Frau habe die Schwangerschaft ihrer Ansicht nach verleugnet und verdrängt, auch weil sie sexuell missbraucht worden sein soll. Dies wirkt sich, vereinfacht ausgedrückt, auf den Strafrahmen aus. Der beträgt ob des jugendlichen Alters der Erstangeklagten maximal zweieinhalb Jahre Haft.
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