Reden wir übers Geld

Wie kann die Gender Pay Gap geschlossen werden?

Vorarlberg
18.10.2026 12:25

Aus dem jüngsten Gleichstellungsbericht des Landes Vorarlberg geht deutlich hervor, dass Frauen in keinem anderen Bundesland stärker wirtschaftlich benachteiligt sind. Lea Putz-Erath von der Frauenberatungsstelle „femail“ hat Ideen, wie sich das ändern ließe.  

Kronenzeitung: Anfang dieser Woche präsentierte Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) den Gleichstellungsbericht für Vorarlberg. Die Zahlen sind alarmierend, in keinem anderen Bundesland ist die Lohn- und Pensionsschere zwischen Mann und Frau so groß wie hier. Wird das in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen?
Lea Putz-Erath: Ich denke schon, dass das als gesellschaftliches Thema in den Fokus rückt. Seit dem Jahr 2017 bin ich Geschäftsführerin von „femail“, und heute gibt es weit mehr Berichterstattung zu Themen wie dem Equal Pay Day und ähnlichem als früher. Ich nehme mehr Interesse wahr, immer mehr Menschen hinterfragen die dahinterliegenden Strukturen, auch die Positionierungen zu dem Themenkomplex nehmen meines Erachtens zu.

Als einer der Gründe, warum in Vorarlberg Frauen um 45 Prozent weniger Pension und um 44 Prozent weniger Lohn erhalten, werden traditionelle Rollenbilder genannt, die im Ländle offenbar immer noch gelebter Alltag sind. Sehen Sie das auch so?
Ich nehme nicht so sehr wahr, dass speziell in Vorarlberg die Rollenbilder veraltet sind, sondern dass sie es im ländlichen Raum sind – im Vergleich zu den wirklich großen Ballungsräumen wie Wien oder Graz. Hier liegt der Unterschied. Die Zahl an Frauen in Teilzeit ist in Vorarlberg weit höher als jene von Männern. Letztere verdienen zudem auf einem industriegeprägten Arbeitsmarkt in Grenznähe sehr gut. Deshalb ist auch die Gender Pay Gap hier so hoch. Gleichzeitig haben wir es mit einem stark segregierten Arbeitsmarkt zu tun. Das bedeutet, dass die Zuordnung von Branchen zum Geschlecht stark ausgeprägt ist. Frauen arbeiten eben verstärkt im Bildungs- und Gesundheitssektor.

Wolle man außerhalb traditioneller Strukturen leben, brauche es mehr Gespräch und Ausverhandlung ...
Wolle man außerhalb traditioneller Strukturen leben, brauche es mehr Gespräch und Ausverhandlung innerhalb der Familien.(Bild: Mathis Fotografie)

Gibt es nicht auch in Vorarlberg neuere Ideen zur Rollenverteilung zwischen Frau und Mann?
Ja, auch hier gibt es Familien und Paare mit Kinderwunsch, die neue Familienformen leben möchten, wo Partnerschaftlichkeit die Rollen prägt, wo es um gleichberechtigte Elternschaft geht. Die sind aber klar in der Minderzahl, verfügen über weniger Sichtbarkeit und erfahren weniger Unterstützung. Und die Kräfte, von gleichberechtigter Elternschaft zu traditionellen Rollenbildern zu wechseln, sind sehr groß. Das fängt bei der institutionellen Kinderbetreuung und den Schulen an und hört bei Reaktionen aus dem allernächsten Umfeld auf. Es braucht mehr Gespräch, mehr Ausverhandlung innerhalb von Familien, wenn man außerhalb der traditionellen Strukturen leben möchte.

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Die Kräfte, von gleichberechtigter Elternschaft zu traditionellen Rollenbildern zu wechseln, sind sehr groß.

Lea Putz-Erath

Welche sind die institutionellen Hindernisse im Hinblick auf gleichberechtigte Elternschaft abseits der Kinderbetreuung?
In der Arbeitswelt etwa gibt es noch nicht allzu viel Übung mit der Väterkarenz.

Frauen gehen seit Jahrzehnten in Karenz – war das nicht Übung genug?
Frauen ja, aber in Branchen, in denen fast nur Männer arbeiten, fehlt diese Übung. Da fehlt es an Erfahrung, wie man mit der Lücke, die jemand in Karenz hinterlässt, umgeht. Zum Teil braucht es da noch echte Pionierarbeit.

Wo hakt es noch?
Teils wird wenig Rücksicht auf Tatsachen genommen. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass sich viele Männer, wenn sie in Österreich in Karenz gehen, nur für unter vier Monate karenzieren lassen. Nun gibt es aber Untersuchungen, die gezeigt haben, dass es mindestens vier Monate Väterkarenz braucht, damit sich diese tatsächlich positiv auf eine geteilte Elternschaft auswirkt.

Um gegen die Ungleichbehandlung von Frauen vorzugehen, brauche es dringend mehr ...
Um gegen die Ungleichbehandlung von Frauen vorzugehen, brauche es dringend mehr Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit, mit männlichen Stereotypen.(Bild: Mathis Fotografie)

Barbara Schöbi-Fink hat einen Aktionsplan angekündigt, um gegen die Ungleichbehandlung von Frauen vorzugehen. Dazu soll auch „kritische Männerarbeit“ zählen. Was macht diesbezüglich Sinn?
Es braucht unbedingt mehr Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit, mit männlichen Stereotypen. Diese wirken sich in manchen Aspekten nicht nur negativ auf Frauen aus, sondern sorgen auch für Benachteiligung von Männern. Zudem ist die Grenze zur Gewaltprävention hier fließend.

Aber wie bekommt man das an den Mann?
Ich blicke bei diesem Thema immer mit großem Interesse nach Graz. Dort gibt es ein Institut für Geschlechterforschung, das Angebote sowohl für Frauen als auch für Männer im Programm hat. Was dort passiert, sollte für ganz Österreich Vorbildcharakter haben. In Vorarlberg gibt es auch eine Männerberatung beim EFZ, aber die ist noch wenig sichtbar. Aber natürlich kann auch jeder Mann selbst entscheiden, ob er sich für die Gleichstellung einsetzen möchte. Es gibt Initiativen wie „he for she“, im Rahmen derer Männer anerkennen, dass Frauen Benachteiligung erleben und sich dazu bekennen, dem etwas entgegensetzen zu wollen.

Welche Strategien sollten umgesetzt werden, um die Benachteiligung positiv zu beeinflussen?
Eine Gruppe, die in den Fokus genommen werden sollte, sind jene jungen Frauen und Mädchen, die weder in Ausbildung noch in einem Job sind. Davon gibt es in Vorarlberg besonders viele. Zudem ist in unserer Bundesverfassung nachzulesen, dass für das Erreichen der Gleichstellung Frauen und Männer ungleich behandelt werden dürfen, dass also Maßnahmen wie eine Frauenquote in Unternehmen legitim sind. Ich begrüße jedenfalls den Aktionsplan, denn so muss man sich Gedanken über eine Gesamtstrategie machen.

Was halten Sie von der Lohntransparenz, wie sie etwa die SPÖ-Frauensprecherin Manuela Auer fordert?
Die würde helfen. Österreich ist aber leider nicht das einzige Land, das bei der Umsetzung der entsprechenden EU-Richtlinie säumig ist. Über Geld zu sprechen, ist einer der wirksamsten Hebel, um die Gender Pay Gap zu schließen.

In den vergangenen Jahren hat die sogenannte Manosphere um sich gegriffen – ein Phänomen, das sich auf Social Media rasant ausgebreitet hat und drastische, frauenfeindliche Inhalte transportiert.
Durch Social Media sind die dahinterliegenden Ideen sichtbarer geworden, gegeben hat es diese auch davor schon. Leider ist es durch Social Media schwieriger geworden, darauf adäquat zu antworten, denn ein Gespräch ist ja nicht möglich. Die Manosphere erzeugt aber noch etwas anderes: Viele Menschen fühlen sich dadurch wieder motivierter, sich als Feministin oder als Feminist sichtbar zu machen – gerade jetzt. Das sorgt auch dafür, dass die feministischen Stimmen vielfältiger werden, das bereichert uns.

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