Keine Autos im Zentrum

Belgisches Vorbild für die Grazer Stadtplanung

Steiermark
04.10.2026 07:00

Gent und Graz sind von ihrer Größe gut vergleichbar. Der Unterschied: die flämische Stadt hat ein striktes Verkehrskonzept – und floriert. Will Graz dieses nun kopieren?

Zunächst hält Filip Watteeuw gleich fest: Gent hat nicht alle Autos verbannt. Man habe nur das Stadtkonzept neu gedacht, erklärt der frühere grüne Vizebürgermeister der belgischen Stadt. Der „circulation plan“, den man 2017 dort einführte, gilt als revolutionär in moderner Stadtplanung. Jetzt war Watteeuw in Graz, um sich darüber mit seiner grünen Amtskollegin Judith Schwentner auszutauschen.

Was Gent gemacht hat: Der Bereich innerhalb des 11,5 Kilometer langen inneren Stadtrings, in dem rund die Hälfte der Einwohner (120.000) lebt, wurde in sieben Zonen eingeteilt. Im historischen Stadtkern sind gar keine Autos mehr zugelassen, nur mit Sondergenehmigung (für Anrainer zum Beispiel).

Der „Circulation Plan“ in Gent
Der „Circulation Plan“ in Gent(Bild: Filip Watteeuw)

An einem Wochenende umgesetzt
Wer aus einer der Zonen in die nächste fahren oder mehrere durchqueren will, muss immer zuerst ausweichen. Und zwar auf die Ringstraße. „Wir wollten Raum schaffen, indem wir den Durchzugsverkehr und Stau loswerden“, sagt Watteeuw. Nach zweieinhalb Jahren Planungsphase wurde das Konzept an nur einem Wochenende in die Tat umgesetzt.

Was Gent geschafft hat: Der Anteil der Radfahrer ist um 60 Prozent (!) auf 35 Prozent gestiegen. Die Öffis werden stärker genutzt, weil sie nun pünktlicher sind. Am Anfang gab es auf der Ringstraße eine Zunahme an Verkehr, aber „inzwischen ist er auf dem Level von vorher“, erklärt Watteeuw. Das Zentrum floriere, leer stehende Geschäftsflächen seien im Vergleich zu anderen belgischen Städten kaum ein Thema.

Zwischen Skepsis und Stadt der Zukunft
Könnte ein solcher Plan in Graz funktionieren, wo Parkplätze im Zentrum, Baustellen und hohe Öffi-Ticketpreise Dauerthemen sind? „Man kann sich Ideen abschauen“, sagt Schwentner. Fest steht für sie: „Eine Stadt der Zukunft muss lebenswert sein. Das heißt öffentlicher Raum, es braucht schattige Plätze, weniger Luftverschmutzung ...“  Der Radfahreranteil in Graz liegt bei 19 Prozent, Schwentner möchte ihn weiter erhöhen. Die Möglichkeit, das Auto zu nutzen, müsse bei Bedarf bestehen, versichert sie. An den hohen Öffi-Preisen könne sie nicht schrauben, erklärt sie. Diese sind an den steirischen Verbundtarif gebunden.

Auch in Gent gab es anfangs Gegenwind: „Ich habe sogar Todesdrohungen bekommen, das war beängstigend“, sagt Watteeuw. Nachdem der Plan umgesetzt war, wurde der Politiker hingegen „an jeder Ecke in der Stadt“ beglückwünscht – und 2018 mit einem starken Ergebnis wiedergewählt: „Meine Erfahrung ist, dass die Gegner immer lauter sind als die vielen, die den Plan super finden.“ Watteeuw und Schwentner sind sich jedenfalls einig: „Man muss sich die Frage stellen, in welcher Stadt man leben will.“

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