Es ist kaum wiederzuerkennen: Seit Mittwoch ist das Hitler-Geburtshaus im oberösterreichischen Braunau offiziell ein Polizeizentrum. Das Haus hat eine frische Fassade und eine moderne Innengestaltung bekommen. Künftig soll es kein „brauner“ Wallfahrtsort mehr sein.
Mit dem Umbau des Geburtshauses von Adolf Hitler versucht die Republik, einem „braunen“ Wallfahrtsort seine Aura zu nehmen und ihn als Außenstelle der Rechtsstaatlichkeit zu positionieren. Dass immer wieder Rechtsextreme dort dem „Führer“ huldigen, führen Experten auf die Blut- und Boden-Ideologie zurück, die Geburts- und Sterbeorten besondere Bedeutung zumisst.
Haus zog „braune“ Pilger an
Das nahezu mystische Flair, das das Haus in der rechtsextremen Szene genießt, manifestiert sich auch immer wieder in einschlägigen Zwischenfällen – von Betrunkenen, die vor dem Haus Nazigesten setzten, bis hin zu ideologisch „braunen“ Pilgern. In Braunau berichtet man von Leuten, die verstohlen Fotos machen, Steine als Andenken mitnehmen oder Blumen und Kränze ablegen, verstärkt rund um den 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers.
Natürlich gibt es aber auch „normale“ Touristen, die vor dem Gedenkstein, der vor dem Haus an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, eine Kerze für diese anzünden oder das Haus einfach aus geschichtlichem Interesse fotografieren. Die Grenze ist mit freiem Auge nicht immer leicht zu ziehen. Das Monitoring solcher Aktivitäten rund um das Haus wird mit den neuen Nutzern und der damit verbundenen Videoüberwachung der Fassade jedenfalls leichter werden.
Nazicode auf Google-Maps
Die Symbolträchtigkeit des Hauses wird zum Beispiel an einem Zwischenfall deutlich, über den kürzlich der „Spiegel“ berichtete: Demnach soll das Haus auf Google Maps statt mit der korrekten Adresse Salzburger Vorstadt 15 kurzzeitig mit der Hausnummer 88 – einem Nazi-Code für „Heil Hitler“ – angezeigt worden sein. Klickte man auf die Zahl, öffnet sich eine Karte mit dem Ortshinweis „HH88“, berichtete das Magazin. Immer wieder würden Rechtsextreme die Änderungsfunktion von Google Maps missbrauchen.
Die Strafverfolgung „brauner“ Vorfälle ist oft nicht einfach, wenn ausländische Hitler-Verehrer betroffen sind. Bis heute wartet die Justiz in Ried im Innkreis etwa auf die Auslieferung eines Deutschen, der am 20. April 2021 einen Kranz für den „seligen Adolf“ am Fensterbrett abgelegt hat.
Wie alt das Haus ist, lässt sich nicht genau sagen, die Bausubstanz dürfte aus dem 17. Jahrhundert stammen. In dem Gebäude war lange Zeit ein Gasthaus mit einer Brauerei untergebracht, in den oberen Stockwerken befanden sich Wohnungen. In einer davon verbrachte Adolf Hitler 1889 seine ersten Lebenswochen. Dass die Familie bald nach seiner Geburt nach Passau und später Richtung Linz zog, tut der Bedeutung, die das Haus in rechtsextremen Kreisen genießt, keinen Abbruch.
Das Gasthaus im Geburtshaus in Braunau war hingegen bereits in den 1930ern Treffpunkt illegaler Nazis, nach der Machtübernahme wurde in dem Gebäude ein „Führermuseum“ eingerichtet.
Nach dem Krieg kaufte es die ursprüngliche Eigentümerfamilie wieder zurück. Als Hauptmieterin trat sehr früh die Republik auf, um eine gewisse Kontrolle über die Nutzung zu haben. In den 1970ern war die HTL Braunau hier untergebracht, danach bis 2011 wurde an die Lebenshilfe Oberösterreich untervermietet. Seit diese ausgezogen ist, stand das desolate Gebäude leer.
Um eine adäquate Nutzung des Hauses wurde jahrzehntelang gerungen. Mit der Eigentümerin konnte man sich nicht einigen, sie wurde schließlich enteignet. Eine Expertenkommission sprach sich in ihrem Abschlussbericht 2015 für eine sozial-karitative oder behördlich-administrative Nutzung aus. Denn ein Museum berge die Gefahr, auch auf nicht erwünschte Gruppen Anziehungskraft auszuüben und ein Abriss würde die Geschichte eher leugnen. Schließlich setzte sich die Idee durch, die Polizei einzuquartieren – auch wenn es nach wie vor kritische Stimmen gibt, die es nicht angemessen finden, die „Staatsgewalt“ hier zu beherbergen.
Denkmalschutz spielt keine Rolle
Das Gebäude steht eigentlich unter Denkmalschutz. Für den nun erfolgten Aus- und Umbau musste dieser aber ausdrücklich nicht beachtet werden, da man auf den Wiedererkennungswert ja bewusst verzichtet hat. Die traditionelle Inn-Salzach-Bauweise wurde aber beibehalten, ebenso die historische Struktur eines schmalen Bürgerhauses – früher wurden die Steuern nach der Breite des Gebäudes bemessen -, das sich in mehrere Abschnitte mit dazwischenliegenden Lichthöfen gliedert.
Bauschutt an unbekanntem Ort entsorgt
Im Inneren des Hauses erfolgten Zubauten, um das Gebäude für die Polizei nutzbar zu machen – so sind etwa eine Tiefgarage und ein Schulungsraum dazugekommen. Das Gebäude beherbergt von Arrestzellen über Büros bis hin zu Bereitschafts- und Pausenräumen alles, was eine moderne Polizeiinspektion braucht. Um sicherzugehen, nicht wieder eine neue Quelle für Nazi-Devotionalien zu öffnen, wurde der Bauschutt übrigens vernichtet bzw. an einem geheimen Ort entsorgt.
Gedenkstein bleibt stehen
Was bleibt, ist der Gedenkstein. Nachdem die frühere Eigentümerin eine Gedenktafel am Haus nicht wollte, wurde dieser bewusst auf öffentlichem Grund vor dem Haus aufgestellt, schildert Bürgermeister Johannes Waidbacher (ÖVP). Die Idee dahinter: Es sollte nicht möglich sein, das Haus zu fotografieren, ohne den Stein mit der Aufschrift. „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“ mit im Bild zu haben. Der Stein soll daher auch bleiben – selbst wenn das nicht ganz im Einklang mit den Ergebnissen der Expertenkommission steht.
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