Ihr Vater sei ein Tyrann gewesen, erzählte Estibaliz C. bei ihrer Einvernahme, die den Großteil des ersten Prozesstages dauerte und für die sie sich mit einer Packung Taschentücher und einer Flasche Mineralwasser gewappnet hatte. Die Atmosphäre zu Hause in Spanien sei "sehr angespannt" gewesen: "Man durfte keinen Lärm machen. Man sollte nicht existieren, nicht auffallen." Wenigstens habe sie die Mutter vor väterlichen Gewalttätigkeiten geschützt.
Auch mit ihrem ersten Freund, mit dem sie in Spanien fünf Jahre liiert und auch verlobt war, lief es laut Estibaliz C. nicht gut. Er habe ihren Kinderwunsch ignoriert und sie "nicht gehen lassen", als sie sich trennen wollte. Sie sei nach Deutschland gezogen, weil sie sich sicher sein konnte, dass er ihr mangels Sprachkenntnissen nicht folgen würde: "Es war Flucht. Er hätte mich nicht gehen lassen. Ich war immer seine Vorzeigefrau, nicht seine Partnerin. Ich war sein Eigentum zum Herzeigen."
"Wollte Bremsschläuche oder die Therme manipulieren"
Vor der Übersiedlung habe sie "leider auch andere Überlegungen gehabt", räumte Estibaliz C. ein. Sie habe sich überlegt, die Bremsschläuche am Auto ihres Verlobten zu manipulieren und einen Unfall zu provozieren. Auch an der Therme in seiner Wohnung zu hantieren, sei ihr durch den Kopf gegangen. Richterin Susanne Lehr: "Wäre es da nicht gut gewesen, sich professionelle Hilfe zu holen?" Estibaliz C.: "Ich hab' gedacht, das sind nur Gedanken, sie umzusetzen, ist was anderes." Nun habe sie der psychiatrischen Sachverständigen "diese Sachen erzählt", weil es ihr wichtig sei, im Zuge des gegen sie laufenden Gerichtsverfahrens die ganze Wahrheit zu sagen, betonte die 34-Jährige.
In Deutschland habe sie zunächst als Au-pair-Mädchen gearbeitet, ihr Wirtschaftsstudium, das sie in Spanien absolviert hatte, nützte ihr wenig. Dann habe sie Holger H. kennengelernt, in den sie zwar verliebt gewesen sei, doch heiraten habe sie ihn nicht wollen: "Es war seine Initiative. Er war über 30 Jahre alt und noch nicht verheiratet." Nach der Hochzeit habe er sich verändert: "Er hat mich angeschrien, mich niedergemacht. Er hat mich wegen meiner nicht so guten Deutschkenntnisse verspottet. Er hat angefangen, mich Kanake zu nennen. Er hat mich wegen meiner angeblichen Fehler angemeckert."
Während sie in einem Eissalon in Berlin arbeitete, habe er nichts getan und ihren Wunsch nach Familienzuwachs ebenfalls ignoriert. Auch gewalttätig sei er geworden. Eine Trennung sei für sie damals dennoch nicht infrage gekommen: "Wenn man schon verheiratet ist, wenn es Probleme gibt, muss man durch." Auch ihr Chef im Berliner Eissalon habe ihr das Leben nicht leicht gemacht, erklärte Estibaliz C. Wieder seien ihr "Fantasien" gekommen: "Ich dachte, ich zünde das Büro an, dann muss ich da nicht weiterarbeiten. Ich hatte konkrete Gedanken im Kopf."
"Ich war verzweifelt in meiner Ehe, es war wie ein Ausweg"
Doch dazu sei es nicht gekommen, da sie mit ihrem Ehemann nach Wien zog. Der Eissalon, den sie gemeinsam aufmachten, habe sich als "absolute Pleite" entpuppt, so die 34-Jährige. Es habe kaum Umsatz gegeben, zudem habe ihr Mann auch in Wien nichts gemacht. 2006 musste das Ehepaar deshalb die Wohnung räumen und bezog das Lager der "Schleckeria". "Keine Fenster, kein warmes Wasser, Toilette am Gang, Schimmel", beschrieb Estibaliz C. ihre Lebensumstände.
Als sie sich im Juni 2007 in den Eismaschinen-Vertreter Manfred H. verliebte, sei ihr das wie ein Ausweg erschienen: "Ich war verzweifelt in meiner Ehe." Sie habe sich schließlich scheiden lassen, obwohl ihr 48-jähriger Liebhaber in einer Beziehung lebte: "Ohne Manfred hätte ich nicht die Kraft gehabt, mich scheiden zu lassen." Doch die Beziehung hielt nicht lange, der Altersunterschied sei Manfred zu groß gewesen, deshalb habe er Schluss gemacht.
"Ich dachte, er geht niemals weg"
Nur ihr Ex-Mann sei "nicht weggegangen". Denn auch die Scheidung habe keine endgültige Trennung gebracht, da Estibaliz C. mit ihm weiterhin den Eissalon besaß und er auch weiter in dem zur Wohnung umfunktionierten Lager neben der "Schleckeria" wohnte, da er sich keine eigene Wohnung leisten konnte. Während sie sich bereits in einer neuen Beziehung mit einem Mann namens Alex befand und bei ihrem Partner einzog, musste sie ihrem Ex-Mann "die Wäsche waschen, für ihn kochen". Dazu habe er sie weiter niedergemacht. "Ich musste noch seine Frau sein", sagte die Angeklagte.
Deshalb sei es dann am 27. April 2008 laut Staatsanwaltschaft zum ersten Mord gekommen. Das Problem mit Holger sei gewesen, so die Angeklagte, "dass er nicht weggegangen ist. Er wollte mir alles kaputtmachen: meine Beziehung zu Alex, den Eissalon. Ich habe gedacht, er geht niemals weg". Nach "einer großen Diskussion" habe sie deshalb die Pistole, eine Beretta, Kaliber 22, genommen, "die dort lag", während Holger H. "nichts ahnend" am Computer saß. Sie stellte sich hinter ihn und schoss ihm in den Kopf. Wie oft, konnte sie am Montag nicht sagen. Laut Anklage waren es drei Schüsse, zwei in den Hinterkopf, einer in die Schläfe. Was folgte, war die Angst vor der Polizei: "Es war 15 Uhr, draußen die Kinder, gutes Wetter, das muss jemand gehört haben. Ich habe geglaubt, die Polizei kommt."
"Man kann nicht logisch denken in so einer Situation"
Zunächst versuchte sie, den Toten in der eigenen Wohnung zu verbrennen - "Natürlich eine Wahnsinnsidee, aber man kann nicht logisch denken in so einer Situation" -, und dann, den stattlichen Mann mit einer Hebebühne im Ganzen in eine Tiefkühltruhe zu befördern, was ebenfalls misslang. So kam sie schließlich auf die Idee, eine Kettensäge zu kaufen und den Toten, der bereits mehrere Tage in der Wohnung lag, zu zerteilen und einzufrieren. "Die Tage danach habe ich geputzt und geputzt."
Wenige Monate später musste Estibaliz C. das Lager räumen, da der Mietvertrag auslief. Doch noch immer befand sich der zerteilte Holger H. in der Tiefkühltruhe. Sie habe "auf offener Straße" die Leichenteile in den Eissalon gebracht und in einem ihr überlassenen Kellerabteil unter der "Schleckeria" einbetoniert. Das Problem dabei: Der Kopf und ein weiterer Teil waren am Boden der Tiefkühltruhe angefroren. Sie hätte das Gesicht nie sehen und den Kopf nie anfassen können, so Estibaliz C. Sie habe daher einfach Beton in die Truhe gegossen und zwei Bekannte gebeten, die Truhe in das Kellerabteil zu tragen.
Bei Mord Nummer 2 "gezielt und strukturiert" vorgegangen
Danach habe sie nach der Beziehung mit Alex eine weitere Beziehung gehabt - beide ohne tödlichen Ausgang -, und dann sei, eineinhalb Jahre nach der Trennung, Manfred H. eines Tages wieder vor ihr gestanden. Sie seien erneut eine Beziehung eingegangen. Die neuerlichen Mordpläne reiften laut Anklage, als ihr bewusst wurde, dass Manfred H., der ihr zwar sagte, dass er sie liebte, und der ihr auch versprochen hatte, sie zu heiraten, Psychoterror "von früh bis spät" ausübte und "mehrgleisig fuhr".
Deshalb habe die 34-Jährige auch ihn loswerden wollen. Um den Weg für einen Mann freizumachen, der ihr endlich das geben sollte, was sie am meisten wollte: eine Hochzeit und Kinder. Denn bei Manfred H. habe sie "die Hoffnung verloren habe, dass er sich ändert und dass er mich gehen lässt" - was ihr H. auch selbst gesagt habe: Er habe ihr an den Kopf geworfen, dass sie sich mit seinem Verhalten "arrangieren" müsse, weil er ansonsten "die Lust" verliere.
Diesmal ging die Angeklagte laut Staatsanwältin Petra Freh "gezielt und strukturiert" vor, vom Grundkurs im Schießen und privaten Übungen mit einer Faustfeuerwaffe bis zur Besorgung einer Kettensäge und Zement im Vorfeld der Tat mit einem Aliasnamen, bis sie schließlich wieder die im Keller versteckte Beretta holte. Nach einem gemeinsamen Abend mit Freunden am 21. November 2010 kam es zu Hause zu einem großen Streit. H. sei zuerst laut geworden und dann einfach schlafen gegangen.
"Es hat einfach klick gemacht"
"Er hat sich zur Wand gedreht und zum Schnarchen angefangen. h hatte die Pistole unter der Matratze. Ich habe sie rausgenommen, repetiert und geschossen", erzählte die Angeklagte. Bei ihr habe es einfach "klick gemacht. So kann es nicht weitergehen. Ich bin gefangen. Das war ein Gefängnis", so C. Ihr sei bewusst gewesen, dass sie wahrscheinlich ins Gefängnis komme, wenn sie ihrem Freund etwas antue, "aber selbst diese Möglichkeit war besser als dieses Gefängnis, das ich draußen hatte".
Laut Staatsanwaltschaft hat sie allerdings vor dem Mord Boden und Wände mit einer Plastikfolie ausgekleidet - "aus Erfahrung, zu welcher Sauerei es bei der Tötung kommen würde". Am nächsten Tag habe sie dann mit den neuerlichen Zerstückelungs- und Betonarbeiten begonnen. Während dieser Tätigkeiten habe sie sogar ein Treffen mit ihrem nunmehrigen Ehemann wahrgenommen, den sie zwischenzeitlich kennengelernt hatte. Er müsse aber nichts Böses von ihr befürchten, schwor die Eissalon-Besitzerin: "Er ist ganz anders als die anderen."
"Ich versuche, mich zusammenzureißen"
Grundsätzlich könne sie zwar "nicht versprechen", dass gegen missliebige Menschen "solche Gedanken" nicht wiederkommen. "Aber bevor ich über jemanden Unheil bringe, hänge ich mich auf", bemerkte Estibaliz C. Sie sehe ein, dass sie "ein Miststück" sei. Als ein Geschworener bemängelte, dass sie bei ihren Erzählungen keine Reue gezeigt habe, erwiderte Estibaliz C.: "Wenn ich in Tränen ausbreche, würde man sagen: Was ist das für ein Theater? Es ist widerlich, was ich getan habe. Ich versuche, mich zusammenzureißen und die Schuld auf mich zu nehmen."
Anklägerin: "Estibaliz C. ist eine tickende Zeitbombe"
Für Freh ist Estibaliz C. hingegen eine Frau, die "zwei Gesichter" hat. Den Geschworenen werde Estibaliz C. im Laufe des Prozesses das einer lieben, braven Frau zeigen, die niemals in der Lage sei, "das noch einmal zu tun" - also zu morden. Doch: "Lassen Sie sich nicht täuschen: Behalten Sie während der Verhandlung immer im Hinterkopf, dass die Angeklagte schon zwei Mal in der Lage war, das zu tun", so Freh. Die 34-Jährige sei "eine tickende Zeitbombe".
Freh forderte die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, Estibaliz C. habe die Taten "unter Einfluss ihrer Persönlichkeitsstörung" vollbracht. Laut ihren Anwälten wird sich die 34-Jährige nicht gegen eine Einweisung wehren. "Sie will, dass diese Gedanken weggehen und aus der Welt sind", deutete ihr Verteidiger Werner Tomanek schon im Vorfeld des Prozesses die Bereitschaft seiner Mandantin an, sich einer Therapie zu unterziehen.
Freh wies zudem darauf hin, dass Estibaliz C. auch finanziell von den Morden profitiert habe, indem sie die Lebensversicherungen der Toten kassieren wollte. Den Angehörigen von Manfred H. schulde sie zudem 150.000 Euro, die H. in den Eissalon investiert hatte. Bei ihrer Einvernahme gab die Angeklagte auch selbst bekannt, dass sie zuletzt 1.000 Euro verdient habe, dem ein Schuldenberg von 200.000 Euro gegenübergestanden sei.
Der Prozess ist auf vier Tage anberaumt, ein Urteil soll es am Donnerstag geben.
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