01.11.2021 14:55 |

„Entmenschlichung“

KI-Experten fordern Stopp autonomer Waffensysteme

Führende Wissenschaftler aus der KI-Forschung und Informatik haben die deutschen Parteien SPD, Grüne und FDP am Montag in einem offenen Brief aufgefordert, in einem möglichen Koalitionsvertrag auf Bundesebene vom Ausbau autonomer Waffensysteme Abstand zu nehmen. Die bisherigen Erfahrungen mit derartigen Kampfsystemen belegten, dass die Gefahr ziviler Opfer massiv zunehme, schreiben sie und warnen vor einer „Entmenschlichung der Entscheidung über Leben und Tod“.

„Eine Maschine ‚sieht‘ einen Menschen nur als eine lange Liste aus Zahlen, und ‚versteht‘ den Wert eines Menschenlebens nicht. Sie kann die weitreichenden Auswirkungen ihrer ‚Entscheidungen‘ nicht ‚begreifen‘“, heißt es in dem Brief, den das Online-Magazin „Telepolis“ vorab veröffentlichte.

Forschende deutscher und österreichischer Universitäten sowie der Universität Oxford und des University College London kritisieren darin zudem, dass im öffentlichen Diskurs über die Bewaffnung von Drohnen die Gefahr einer schleichenden Automatisierung der Kriegsführung bisher unzureichend reflektiert werde. „Diese Debatte muss geführt werden“, so die Wissenschaftler.

Kritische Schwelle zur Automatisierung der Kriegsführung
Mit der Bewaffnung von Drohnen werde schließlich eine kritische Schwelle zur Automatisierung der Kriegsführung überschritten: hin zur Entwicklung von Waffen, deren Angriff auf Menschen automatisiert abläuft, ohne weitere menschliche Entscheidung, Aufsicht oder Möglichkeit eines Abbruchs.

„Autonome Waffen würden die Möglichkeit globaler Überwachung und Tötungen als potenzielle Gefahr definierter Menschen verstärken und die Kontrolle über die Elimination dieser Menschen nicht nur rechtlichen Normen, sondern auch zunehmend menschlichem Einfluss entziehen“, heißt es in dem Brief.

Gleichzeitig verschärfe die zunehmende Automatisierung von bewaffneten Drohnen die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen Staaten, die mit solchen Waffen ausgerüstet sind. „Wird aufgrund eines realen militärischen Zwischenfalls oder eines Fehlalarms ein autonomes Waffensystem aktiviert, wird sich eine militärische Eskalation nicht mehr aufhalten lassen. Damit droht eine Verschärfung globaler Instabilität“, warnen die Forscher.

Keine ferne Dystopie
Diese Szenarien seien keine ferne Dystopie, heißt es in dem Schreiben weiter. Im Juni dieses Jahres haben die Vereinten Nationen bekannt gegeben, dass in Libyen vermutlich eine Drohne einen vollautonomen Angriff durchgeführt habe.

„Dieser Vorfall zeigt exemplarisch: Mit einer Verbreitung von bewaffneten Drohnen ist die globale Ausweitung autonomer Waffen auch über die technologisch führenden Staaten hinaus absehbar und bisher weder zu kontrollieren noch zu stoppen.“

„Gebot für eine menschenwürdige Zukunft“
Die Forschenden fordern daher einen sofortigen Stopp der Verbreitung sowie eine Ächtung von bewaffneten Drohnen und autonomen Waffensystemen. Dies sei „für die Realisierung der sozialen wie der politischen Menschenrechte, für eine menschenwürdige Zukunft auf diesem Planeten geboten“, heißt es abschließend.

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