12.09.2021 06:00 |

Undercover-Recherche

„System der Ausbeutung und Angst“ bei Amazon

Bei Amazon ist der Kunde König. Was aber ist der Mitarbeiter im Versand-Imperium von Gründer Jeff Bezos, dem aktuell reichsten Menschen der Erde? Für die RTL-Sendung „Team Wallraff“ gingen Reporter dieser Frage undercover auf den Grund. Sie berichten von Sozial- und Lohndumping sowie einem „System der Ausbeutung, Überwachung und Angst“.

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An knapp 50 Standorten in ganz Deutschland sortiert und verpackt Amazon Produkte, damit die Kunden in Prime-Qualität ihre Lieferungen erhalten. „Team Wallraff“-Reporter Daniel fängt über eine Zeitarbeitsfirma als Lagerarbeiter bei Amazon in Krefeld an, wo er mit seinen Kollegen laut einer RTL-Mitteilung 350.000 Pakete pro Tag sortiert. Alle Angestellten erhalten dafür einen Scanner, der nicht nur die einzelnen Waren, sondern auch die Leistung und die Pausenzeiten der Mitarbeiter erfasst und an die jeweiligen Manager weitergibt. Auch Kameras überwachten jeden Schritt der Mitarbeiter - und können sogar die erfassten Bilder analysieren.

Toilettengang nur mit Erlaubnis
Ein echter Knochenjob erwartet den Reporter dann als sogenannter Picker im Amazon-Werk Duisburg. Bis zu 3200 Pakete am Tag wuchtet er auf die Transportbänder, 17 Kilometer legt er dabei in einer Schicht zurück. Ruhepausen während der Arbeitszeit würden durch die Vorarbeiter untersagt, so RTL. Für den Toilettengang bedürfe es der Erlaubnis des Vorarbeiters - längere Wartezeiten, bis der Ersatz eintrifft, müssten Mitarbeiter aushalten.

Viele von ihnen, schildert eine Zeugin, schleppten sich auch krank an ihren Arbeitsplatz, aus Angst, ihre Stelle zu verlieren. Sie selbst sei auch trotz einer schweren Verletzung arbeiten gegangen - aus Angst, keinen Festvertrag zu bekommen. Ein Mitarbeiter unterzog sich demnach sogar im Urlaub notwendiger Operationen, da ihm sonst die Kündigung drohte.

„Kultur der Angst“
Ähnliche Missstände findet auch „Team Wallraff“-Reporter Giuliano im Amazon-Werk in Bad Hersfeld vor. Auch hier erfassten Scanner jede Bewegung der Mitarbeiter, auch hier herrsche eine Kultur der Angst, berichtet er. „Viele der Kollegen und Kolleginnen kommen aus Syrien und anderen Ländern“, kommentiert Petra Kusenberg von der Gewerkschaft Verdi. „Ich glaube, wir haben 14 oder 15 Sprachen hier bei Amazon, und das ist ganz bewusst so gemacht. Die kennen keine Gewerkschaften, die wissen nicht, was Arbeitsrecht ist, sie wissen gar nicht, was sie in Deutschland an Rechten haben - und deshalb lassen sie sich alles gefallen.“

Amazon weist Vorwürfe zurück
Amazon weist die Vorwürfe zurück: „Wir widersprechen entschieden jeder Behauptung, dass wir uns nicht um die körperliche und psychische Gesundheit aller Mitarbeiter:innen kümmern. Wir arbeiten kontinuierlich daran, alle Mitarbeiter:innen bei ihrer Arbeit zu unterstützen, bieten ihnen regelmäßige Pausen, individuelle Betreuung und Schulung sowie ein angemessenes Arbeitstempo.“

Die eingesetzten Kameras seien „mit den europäischen Vorschriften konform“. Feste Arbeitsplätze würden nicht gefilmt oder seien technisch geschwärzt. „Die entsprechenden Bilder sind nur für autorisiertes Personal, wie Techniker:innen oder Sicherheitspersonal zugänglich. Vorgesetzte von Mitarbeiter:innen haben keinen Zugriff auf diese Kamerabilder“, so Amazon auf Anfrage der Reporter.

Undurchsichtige Firmengeflechte
Die berichten noch von weiteren Missständen, etwa von einem „undurchsichtigen Firmengeflecht“ bei den Paketzustellern. So kommt es, dass Reporter Alexander als Paketausfahrer nicht bei Amazon direkt, sondern einem Subunternehmen, einer Sicherheitsfirma, angestellt wird. Diese wiederum beschäftigte den Recherchen zufolge ein weiteres Subunternehmen.

„Unserem Reporter wurden elf Euro brutto die Stunde angeboten, doch letztendlich erhielt er einen Stundenlohn von gerade einmal 7,78 Euro brutto die Stunde, da die Arbeit in der vorgegebenen Zeit nicht zu leisten war. Das ist weit unter Mindestlohn und ein klarer Verstoß“, kritisiert „Team Wallraff“. Dies sei jedoch nur der Anfang einer „langen Reihe von aufgedeckten Missständen: Zuspätkommen, zu schnelles Fahren, zu langsames Arbeiten, Kundenbeschwerden - all das gibt Strafpunkte auf dem ‚Konto‘ der Fahrer“.

Auf Schritt und Tritt überwacht
Bei zu vielen Strafpunkten oder Kundenbeschwerden droht demnach die Kündigung. Erfasst wird auch dies per Scanner und einer App auf dem Handy. Amazon wisse so „zu jedem Zeitpunkt über den Fahrer und seine Tour Bescheid, die mit Pause neun Stunden haben soll - mit der aber kaum ein Fahrer auskommt. Schafft er es doch, bekommt er am Folgetag noch mehr Pakete zugeteilt oder muss Kollegen helfen. Ist die Arbeitszeit überschritten, wird sich per Scanner im Account eines Kollegen angemeldet - und das Arbeitszeitgesetz kann so mit einem Trick umgangen werden“, hieß es. Am Ende verdiente der Reporter laut RTL unter Mindestlohn.

„Bei meiner Undercover-Recherche habe ich erlebt, wie undurchsichtig die Firmengeflechte sind. Subunternehmer geben Aufträge an weitere Subunternehmer weiter. Ich wusste zu Beginn meiner Tätigkeit nicht einmal, wer genau mein Arbeitgeber ist. Amazon kann hier nicht einfach die Verantwortung abgeben und muss für mehr Transparenz sorgen, so leiden die Schwächsten, die Fahrer, und den Profit streicht Amazon ein“, kommentierte Reporter Alexander das Ergebnis seiner Undercover-Recherche.

Amazon hat die Zusammenarbeit mit der Sicherheitsfirma inzwischen laut eigenen Angaben ruhend gestellt und prüft die Vorwürfe. Der Lieferpartner sei zudem angewiesen worden, nicht mit weiteren Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Wallraff: „Extremen Missbrauch von Arbeitskraft endlich Einhalt gebieten“
Aufdecker Günter Wallraff fordert indes ein Einschreiten der Politik: „Ein marktbeherrschender Weltkonzern, der solch exorbitante Gewinne erwirtschaftet und seine Belegschaft so systematisch ausbeutet, darf sich nicht länger der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen. Wir brauchen eindeutige Gesetze und durchsetzungsstarke Politiker, die diesem extremen Missbrauch von Arbeitskraft endlich Einhalt gebieten“, kritisiert er.

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