11.06.2021 06:00 |

Siegfried Nagl

„Ich will nicht als Politiker in Pension gehen“

Siegfried Nagl ist seit dem heutigen Freitag Grazer Rekord-Bürgermeister. Wir haben mit ihm über seine bisherige Amtszeit gesprochen und ihn zu seinen Zukunftsplänen befragt.

„Krone“: 18 Jahre - 6652 Tage. Als Sie damals als 39-Jähriger Bürgermeister von Graz geworden sind, hätten Sie gedacht, dass Sie es so lange bleiben würden?
Nagl: Überhaupt nicht! Ich habe ja einmal gesagt, dass zehn Jahre in der Politik genug sind. Und es gibt auch manche Tage, an denen ich mich frage, ob ich noch die Kraft dazu habe. Was mir Kraft gibt, ist, dass die Menschen mir immer wieder das Vertrauen geschenkt haben. Es ist eine Ehre für mich, dieser eine von 300.000 zu sein.

Wenn Sie zurückblicken: Was war Ihr größter Erfolg?
Als ich Bürgermeister geworden bin, gab es kein Kunsthaus, keine Stadthalle, die Mur war ein Urwald - es gab so viel zu tun. Das Wichtigste aber ist, dass es ein friedliches Miteinander gibt. Und das ist gar nicht so einfach. In Graz leben Menschen aus 155 Nationen. Wir müssen zusammenhalten! Wenn das in Graz gelingt, dann gelingt es vielleicht auch in der ganzen Welt.

Sie sind ein Sonnyboy. Aber auch im Leben eines Langzeitbürgermeisters gibt es Höhen und Tiefen. Was war die bitterste Stunde?
Die Amokfahrt. Dass ein Mensch so viel Leid verursacht, war furchtbar. Als Niederlage empfinde ich, dass es mir nicht gelungen ist, die Olympischen Spiele nach Graz zu holen. Das habe ich falsch angepackt. Da bin ich zu schnell an die Öffentlichkeit gegangen - ich hätte zuerst Verbündete suchen sollen.

Der neue FPÖ-Parteichef Herbert Kickl bezeichnete die Identitären als „unterstützenswert“ - als Ihr Vize Mario Eustacchio für diese rechtsextreme Gruppe Partei ergriff, sorgte das für die einzige Krise der schwarz-blauen Koalition in Graz. Ziehen nun wieder Gewitterwolken über dem Rathaus auf?
Ich war geschockt, dass er sich schon zu Beginn so positioniert hat. Damit ist klar, dass Kickl zur AfD werden will. Ich hoffe, dass Mario Eustacchio, mein Koalitionspartner, bei seiner Distanzierung von den Identitären bleibt. Den Weg, den die FPÖ jetzt beschreitet, halte ich für falsch. Das wird auch innnerhalb der Partei noch zu heftigen Debatten führen - oder, wie schon begonnen, zu Austritten. Wo der Weg der Grazer FPÖ hingeht, weiß ich nicht.

Umgekehrt wurde das Burschenschafter-Haus gegenüber der Uni, besser bekannt als Wartburg, mit roten Farbbomben beworfen. Ein paar Meter weiter wurde auf eine Hausmauer die Parole „Burschis boxen“ gesprayt - wie stehen Sie dazu?
So etwas passiert leider laufend. Ich halte nichts von Sachbeschädigungen, und schon gar nichts von Gewalt. Das Problem ist: Früher gab es eine starke Mitte und schwache Ränder, jetzt erstarken die Ränder und die Mitte ist schwächer geworden. Wie es derzeit in der Bundespolitik zugeht, da wenden sich die Leute ab. Wenn man die Nachrichten anschaut - da trieft der Hass aus dem Fernseher.

Am Ende der nächsten Periode werden Sie 64 Jahre alt sein, wenn wir richtig gerechnet haben. Gehen Sie dann als Bürgermeister in Pension?
(lacht) Ich will nicht als Politiker in Pension gehen. Ich denke, ich werde auch noch einmal etwas anderes machen in meinem Leben. Aber wer weiß, was morgen ist. Ich habe noch viel vor - die Voraussetzung ist, dass man gesund bleibt. In diesem Beruf betreibt man schon Raubbau am Körper.

Haben Sie noch politische Ambitionen über das Bürgermeister-Sein hinaus? Um es auszusprechen: Will Siegfried Nagl irgendwann noch Landeshauptmann werden?
Diese Frage wurde mir schon oft gestellt. Das ehrt mich, aber ich bleibe in Graz.

Und wenn Sebastian Kurz anruft und Sie zum Minister machen will - wäre das für Sie eine Überlegung wert?
Nein. Ich wurde schon zweimal gefragt - von Wolfgang Schüssel und von Josef Pröll. Ich habe zweimal abgelehnt. Ich habe hier meine Familie, bin hier verwurzelt.

Danke für das Gespräch.

Ernst Grabenwarter
Ernst Grabenwarter
Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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