09.02.2021 16:43 |

„Lücke schließen“

ORF plant GIS-Schranke für neuen Streaming-Player

Der ORF sieht in seiner Strategie bis 2025 vor, wesentliche Inhalte des für Ende 2021 geplanten ORF-Players hinter eine GIS-Registrierungsschranke zu stellen. Wer nicht zahlt, kann sie sich also nicht ansehen. Zudem sollen Inhalte verstärkt mit österreichischen Medien ausgetauscht und vermarktet werden, wie aus dem Strategiepapier dazu hervorgeht. ORF 1 erhält eine neue Kernzielgruppe (25 bis 50), Änderungen gibt es auch in den Landesstudios.

Viele Inhalte des Papiers wurden bereits im Anschluss an die ORF-Stiftungsratssitzung Anfang Dezember kommuniziert. So ist es nicht neu, dass eine Weiterentwicklung zur „Public Service Plattform“ angestrebt wird, um ein Gegengewicht zu Google, Facebook, Netflix und Co. zu generieren. Künftig sollen lineare Kanäle und nicht-lineare Plattformangebote zu einem Gesamtangebot verschmelzen.

Angebote in sozialen Medien stellen künftig die dritte Säule neben den Rundfunkkanälen und dem geplanten ORF-Player dar. Für Letzteren muss noch das ORF-Gesetz angepasst werden, damit die angestrebten „online first“ und „online only“-Strategien eine rechtliche Basis haben.

Inhalte hinter GIS-Registrierungsschranke
Für die „digitale Souveränität des österreichischen Medienstandortes“ ist es laut Strategiepapier notwendig, Inhalte verstärkt mit österreichischen Medien auszutauschen und eine gemeinsame Vermarktungsplattform mit gemeinsamer Log-in-Strategie zu schaffen. Bestimmte Inhalte sollen demnach hinter einer GIS-Registrierungsschranke stehen. Dadurch soll die „Streaming-Lücke“ geschlossen und niederschwellige Abo-Systeme von insbesondere digitalen Printmedien gestützt werden.

Mehr europäische Koproduktionen
Nicht nur der österreichische, sondern auch der europäische Medienstandort soll mit der Schaffung einer „European Public Sphere“ gestärkt werden. Der ORF stellt sich darunter eine Partnerschaft öffentlicher und privater europäischer, vor allem gemeinwohlorientierter Plattformen vor. Der ORF-Player soll ein Teil dieses „europäischen Ökosystems“ werden. Koproduktionen im deutschsprachigen Raum sowie im Rahmen der European Broadcasting Union (EBU) dürften verstärkt werden.

Manche Sendungen zuerst im Internet
Der ORF-Player hat unter anderem „online first“ und „online only“ als maßgebliche Prinzipien. Das Strategiepapier sieht deshalb vor, dass manche Programmhighlights noch vor der linearen Ausstrahlung online zu sehen sein werden. Derzeit großteils auf ORF Sport+ gezeigte Randsportarten und das Kinderprogramm dürften mit der Durchsetzung des ORF-Players beim Publikum auf diesen übersiedeln.

Auch die strategische Positionierung von FM4 „ist zu überprüfen und im Hinblick auf eine Migration in die Sound-/Podcast-Plattform zu entscheiden“. ORF 1 erhält mit dem Fokus des Players auf eine junge Zielgruppe eine neue Kernzielgruppe. Der Sender soll sich künftig auf 25- bis 50-Jährige fokussieren, die Zielgruppe auch bei der Programmplanung mitreden.

Landesstudios werden umstrukturiert
Geplant ist, die neun Landesstudios schrittweise in kleinere, regionale Plattformen zu verwandeln. Sie bekommen eine digitale Erneuerung. Noch 2021 sollen die Studios technologisch und architektonisch neu konzipiert werden. Regionalität ist ein strategischer Schwerpunkt der kommenden Jahre. Um das zu würdigen, wären „etwa ein regionales Kurznachrichtenformat für den Spätabend oder ein regionales Diskussionsformat am Wochenende“ denkbar.

Kein Personalabbau geplant
Obwohl mit einer „Ausweitung der Finanzierungsbasis nicht zu rechnen ist“, soll nicht beim Personal gespart werden. Im Gegenteil: Der bevorstehende Generationenwechsel im ORF - bis 2025 gehen rund 20 Prozent der Mitarbeiter in Pension - wird als Chance gesehen, um „multimedial ausgebildete und möglichst flexibel einsetzbare Mitarbeiter/innen“ einzustellen. Abgänge dürften kompensiert werden. Punktuell ist von Kapazitätsausweitungen die Rede. Frauen will das größte Medienhaus des Landes gezielt fördern und die Diversität im Unternehmen erhöhen.

Finanzierung weiter über Werbung und GIS
Die duale Finanzierung des ORF durch Gebühren und Werbung soll aufrechterhalten und zeitgemäß weiterentwickelt werden. Die „Streaming-Lücke“ plant das Unternehmen durch einen Mix aus legistischen Maßnahmen und der bereits genannten GIS-Log-In-Strategie beim ORF-Player zu schließen. Am Werbemarkt ist die haushaltsgenaue Ausspielung von personalisierter TV-Werbung geplant. Auch hierfür ist eine gesetzliche Anpassung vonnöten.

ORF will GIS-Schlupflöcher schließen
Bestimmungen des Versorgungsauftrags und der Programmentgeltpflicht sind laut dem Strategiepapier überholt: „Dass als (entgeltpflichtige) Rundfunkempfangseinrichtungen nur jene Geräte gelten, die Rundfunktechnologien verwenden, ist sachlich nicht mehr gerechtfertigt“, heißt es. Die entstandene Gebührenlücke „ist daher vom Gesetzgeber zu schließen“. Auch wünscht sich der ORF, dass gesetzliche Werbebeschränkungen evaluiert werden. Einer Anpassung bedarf es in den Augen des Medienhauses noch hinsichtlich des Verbots für den ORF, Synergien zwischen seinen Radio- und TV-Sendern zu nutzen.

Im Detail berichtete am Dienstag auf der Plattform netzpolitik.org der Betriebswirt und Jurist Leonhard Dobusch über das Papier, der den strategischen Ansatz des ORF als „durchaus ambitioniert“ betrachtet, sich allerdings fragt, ob der ORF-Player den globalen Plattformen tatsächlich nennenswert Paroli bieten könnte.

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