17.01.2021 07:01 |

Schlagfertig

Die Politik stellt sich einfach taub

„Wir müssen das einfach besser kommunizieren. Die Vorzüge der Impfung wurden zu wenig erklärt. Die Kommunikation muss ausgebaut werden.“ Es ist eine seltsame Reaktion unserer Zeit, dass Entwicklungen, die nicht erwartbar oder gar von Meinungsbildnern goutiert werden, sofort der „fehlgeleiteten Kommunikation“ zugeschrieben werden. So, als ob man nur die Verpackung und das Gschichterl dazu aufhübschen müsse.

Zu Mitte der Woche wurde vermeldet, dass sich nur 30 Prozent des Pflegepersonals in Vorarlberg impfen lassen möchten. Vielerorts war die Aufregung groß. In Zeitungen war von einem veritablen Skandal zu lesen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder dachte sogar laut über eine Impfpflicht für diese Berufsgruppe nach. Nun drängt sich die Vermutung auf, dass das ein erster Aufschrei einer Berufsgruppe ist, die seit Monaten Übermenschliches leistet und trotzdem keine Anerkennung findet. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir diesen ersten „stillen Protest“ auch bei anderen Berufsgruppen im „Jahr des Impfens“ beobachten werden. Zurück zur Pflege. Denn dort sollte schnellstens etwas getan werden.

Spricht man mit Frauen, die jahrelange Berufserfahrung in diesem Bereich haben, wird ein verheerendes Bild gezeichnet. Pflegerinnen werden im Arbeitsalltag alleingelassen. Ein Beruf, der geistig und körperlich herausfordernd ist, wird von uns als Gesellschaft vernachlässigt. Da jetzt ein dramatischer Personalmangel herrscht, werden Pflegehelferinnen oft nach einer nur einjährigen Ausbildung in den Dienst gestellt. Ohne Hilfe, ohne Unterstützung und regelmäßige Weiterbildung sind viele nach drei bis vier Jahren völlig ausgebrannt. Das sind Arbeitsbedingungen, die eines vom christlich-sozialen Gedankengut geprägten Landes unwürdig sind. Der Nachtdienst mit 30 zu Pflegenden in einem Heim muss meist von einer einzigen Pflegerin bewerkstelligt werden. Das Gesetz schreibt eigentlich eine Diplompflegerin vor. Da diese nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen können, muss die Vorgabe aber ignoriert werden. Heimbewohner werden dann mit Schlafmitteln (obwohl Pilotprojekte mit ausreichend Personal gezeigt haben, dass das absolut nicht notwendig ist) versorgt, damit der Nachtdienst für eine einzige Pflegerin zu schaffen ist.

In den vergangenen Monaten war keine Berufsgruppe stärker von Corona-Infektionen betroffen. Da es an allen Ecken und Enden an Personal fehlte, mussten viele trotz Erkrankung an ihren Arbeitsplatz.

Die Politik trägt die Verantwortung für einen desaströsen Pflegenotstand - und die Politik stellt sich taub. Daher: Bezahlt doch diese Menschen anständig! Schafft Arbeitsbedingungen, die ein gutes Arbeiten möglich machen und damit die zu Pflegenden auch gut betreut werden! Reduziert die Arbeitsstunden! Holt mehr Personal und versucht es zu halten! Hört den Pflegerinnen zu und kümmert euch! Nehmt Steuergeld in die Hand, damit sich die Dinge schnellstens zum Besseren wenden.

Pflegekräfte haben enge Bindungen zu den Menschen, die sie betreuen. Sehr häufig sind sie der ganz wichtige Anker in den letzten Lebensjahren. Sie arbeiten Tag für Tag zwischen Tod, Leid, Konflikten, Hoffnungen, Lebensfreude, Kontakt zu den Angehörigen und der eigenen körperlichen Erschöpfung. Und niemand hört wirklich zu.

Dass wir mit diesen Arbeitsbedingungen auch unseren alten Menschen ihre Würde nehmen, ist eine niederschmetternde Konsequenz daraus. Genau jene Generation, die dieses Land wieder aufgebaut hat, wird von uns als Gesellschaft übersehen. 2020 war das internationale Jahr der Pflege. Im Sommer, als die Pandemie vermeintlich vorbei war, mussten viele um den versprochenen „Corona-Bonus“ kämpfen. Manche wurden gleich ganz vergessen. In der Pandemie Applaus - nach der Pandemie ein Feilschen um jeden Euro. Eine Gemeinheit.

Eine Pflegerin: „Ich kämpfe mich jetzt noch durch, weil ich während der Krise niemanden im Stich lassen will, aber sobald das Schlimmste vorbei ist, bin ich weg.“

 Salzburg-Krone
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