15.10.2020 06:52 |

Drama um ihre Mutter

Brignone: „Bin noch nicht am Plafond angekommen“

Wie Aleksander Aamodt Kilde kommt auch Federica Brignone als Überraschungs-Weltcupsiegerin zum Saisonauftakt 2020/21 in Sölden. Der erstmalige Gesamtsieg einer Italienerin stand letztlich schon mit dem Super-G von La Thuile Ende Februar fest, denn danach wurde wegen Wetter und Corona alles abgesagt. Erleichtert zwar vom längeren Fehlen Mikaela Shiffrins hat Brignone beim erstmaligen Gewinn von Weltcup-Kristall dennoch mehr als überzeugt.

Denn „Fede“ räumte dank ihrer fünf Saisonsiege und insgesamt elf Podestplätzen am Ende gleich drei Kugeln ab. Neben der großen auch die im Riesentorlauf und der Kombination. Und wäre sie beim besagten Heimrennen nicht eine Hundertstelsekunde hinter Premierensiegerin Nina Ortlieb auf Platz zwei gelandet, währe ihr das vierte Kristall für den Gewinn des Super-G-Weltcups ebenfalls sicher gewesen.

Kein Wunder, dass Brignone von einer „fantastischen“ Saison spricht, auch wenn sie die eine Hundertstel heute noch „magerlt“. Doch für die 1,68 m große Italienerin, die am französischen Nationalfeiertag 14. Juli geboren ist und deshalb von Kindheit an ihre Geburtstage in Frankreich verbringt, ist das erst ein Anfang. Obwohl sie 2007 mit 17 im Weltcup debütiert hat und kürzlich schon 30 geworden ist. Sie wolle sich in allen Disziplinen weiter verbessern und auch im Slalom noch deutlich zulegen, betonte die Rossignol-Allrounderin, die von ihren Eltern sowie Bruder Davide forciert wird. „Ich bin noch nicht am Plafond angekommen.“

Kampf um Mutter
Die Corona-Pause hatte es freilich in sich. Der Kampf um die Gesundheit ihrer an Covid-19 erkrankten Mama etwa prägte einen Großteil. Die Tochter der früheren Skirennläuferin Maria Rosa Quario hatte die Härte der Virus-Infektion rasch erkannt, Rettung in die Wege geleitet und sich danach intensiv um ihre im Krankenhaus liegende Mutter gekümmert. Mittlerweile geht es der als Journalistin im Skiweltcup tätigen Quario wieder so gut, dass auch sie in Sölden dabei sein wird.

Heiterer war, wie Brignone nach dem abrupten Weltcup-Ende zu ihren Weltcupkugeln kam. Mit dem Botendienst hatte man ihr die Trophäen nach La Salle im Aostatal zugestellt. Neckereien der Nachbarn blieben nicht aus. Ob man die Kugeln jetzt schon im Internet bestellen und kaufen könne?, sei sie „gepflanzt“ worden, verriet Brignone kürzlich den „Dolomiten“. „Das war schon alles kurios.“

Kochen und Tanzen
Neben der Pflege ihrer Mutter hatte sich der quirlige Lockenkopf die Zeit in der Corona-Pause hauptsächlich mit Kochen und Tanzen vertrieben und auch versucht, Gitarre zu lernen. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich die freie Natur und meine Freunde brauche. Ich habe Skifahren schrecklich vermisst.“

Brignone hofft daher, dass es im Sport bald wieder normal weitergeht. „Nicht nur für uns Rennläufer, sondern auch für den Tourismus“, sagte Brignone, die überzeugt ist: „Unser Sport ist nicht besonders gefährlich für eine Virusansteckung. Wir sind immer dick angezogen, halten uns im Freien auf und sind nicht wie etwa Fußball ein enger Kontaktsport.“

Denkt über soziale Probleme nach
Nachdenklich macht die engagierte Italienerin, die mit ihrem Umweltprojekt „Traiettorie Liquide“ (flüssige Flugbahnen) die Meere von Plastikmüll befreien will und dafür spektakuläre Unterwasserfotos in voller Skiausrüstung gemacht hat, die hohe Arbeitslosigkeit in Italien. „Viele haben keinen Job mehr. Ich weiß nicht, ob sich die Menschen das alles überhaupt noch leisten können.“

Neben jeweils einer WM- und Olympiamedaille hat die ehemalige Kombi-Juniorenweltmeisterin im Weltcup bisher neben ihren drei Kugeln 15 Mal gewonnen und 39 Podestplätze geholt. Wenn es am Samstag in Sölden wieder los geht, kennt Brignone das Gefühl, Gesamtsiegerin zu sein. Erneut fehlt Vorgängerin Shiffrin, diesmal wegen einer Rückenverletzung. Aber nun möchte „Fede“ mit offenem Visier kämpfen. Dafür hat sie ihren Slogan entwickelt: „RISKIERE mehr als das, was andere für sicher halten. TRÄUME mehr als das, was andere für praktisch halten. ERWARTE mehr als das, was andere für möglich halten.“

krone Sport
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