Heute vor 19 Jahren

Schalke 04 ist deutscher Meister - für 4 Minuten

„Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußball-Gott. Denn wenn er gerecht gewesen wäre, hieße der deutsche Meister jetzt FC Schalke“ - was Schalke-04-Manager Rudi Assauer heute vor 19 Jahren mit Tränen in den Augen bekannt hat, gilt für viele Fans der „Knappen“ wohl bis heute! Es ist und bleibt das große Trauma des Klubs aus Gelsenkirchen, dass man sich am 19. Mai 2001 bereits im „Himmel“ der deutschen Meisterschaft wähnte - um nach vier Minuten und 38 Sekunden Glückseligkeit erst recht in der „Fußball-Hölle“ zu landen ...

Rückblick auf das Frühjahr 2001: Viele Wochen lang hatte es sich bereits abgezeichnet, dass die Entscheidung der Saison letztlich eine knappe werden würde. Schalke 04 als Herbstmeister und Winterkönig sowie die Bayern als erster Verfolger hatten bis zum Jahreswechsel gezeigt, dass sie starke Mannschaften in die Meisterkampf-Waagschale werfen konnten. Doch während der Rekordmeister aus München im Frühjahr Konstanz bewies und nie mehr aus den Top-2 verdrängt wurde, durchlebten die „Königsblauen“ eine kleine Berg-und-Tal-Fahrt: Durch fünf Spiele ohne Sieg im Februar und März wurde man zeitweise bis auf Platz 6 durchgereicht - wenngleich der Abstand auf Platz 1 nie allzu groß wurde.

Fünf Siege aus den anschließenden sechs Partien - darunter ein 3:2 beim FC Bayern - schienen allerdings alles zu ändern: Plötzlich lachte man von der Tabellenspitze, der erste Meistertitel seit 1958, damals mit dem Wiener Trainer Edi Frühwirth, war auf einmal zum Greifen nahe. Eine überraschende Niederlage beim VfB Stuttgart und einen Last-Minute-Heimsieg der Bayern gegen Kaiserslautern später war aber wieder alles anders: Die Münchner durften mit einem Drei-Punkte-Polster gegenüber Schalke 04 ins letzte Saisonspiel gehen, wenngleich mit einer schlechteren Tordifferenz. Was dann am letzten Spieltag geschah, ist mit dem Wort „Krimi“ nicht einmal annähernd adäquat beschrieben - die Entscheidung um den 2000/01er-Titel „artete“ vielmehr zu einem Herzinfarkt-Showdown aus, einem Grusel-Kabinett ohne Gleichen, einem Wechselbad der Gefühle in „Rot“ und „Blau“ mit einem Happy End für die Bayern.

Lange Zeit deutete an diesem Samstagnachmittag nichts auf eine derartig dramatische Entwicklung hin, die Bayern hielten beim HSV genau den einen Punkt, der zum Meistertitel reichte - und Schalke tat sich zudem gegen Fix-Absteiger Unterhaching erstaunlich schwer, lag zeitweise mit 0:2 und 2:3 hinten. Einen Böhme-Doppelschlag (73./74.) und einen Ebbe-Sand-Treffer (89.) später war zumindest klar, dass man die Pflicht erfüllt haben würde ... Als man im Gelsenkirchner Parkstadion, von dem man sich an diesem 19. Mai übrigens nach 28 Jahren verabschiedete, bereits mit der Saison abzuschließen begann, ging plötzlich ein Raunen durch die Menge: Der HSV hatte droben in Hamburg gerade das 1:0 gegen die Bayern erzielt, in der 90. Minute! Das musste doch die Entscheidung sein, das musste doch reichen, um Schalke 04 den 1. Meistertitel seit 1958 zu bescheren!

Um 17.18 Uhr war die Saison zumindest für Schalke denn auch beendet - in einer Live-Tabelle waren die „Königsblauen“ zu diesem Zeitpunkt Erster! Meister! Spielmacher Andreas Möller wurde von den Abertausenden Fans, die aufs Feld strömten, wie seine Kollegen stürmisch gefeiert. Über dem Parkstadion explodierten Raketen und Böller und auf dem Rasen lagen einander Tausende Fans in den Armen. Doch um 17.22 Uhr war alles anders - für die Fans von Schalke 04 war mit einem Schlag, mit einem Schuss, eine Welt untergegangen. Viele waren dem Irrtum aufgesessen, dass in Hamburg bereits abgepfiffen worden sei, dass der HSV bereits gewonnen hätte, dass die Bayern ohne Punkt gen Süden würden fahren müssen - dass der Schalker Titel fix sei. Doch noch war nichts vorbei gewesen, einen Freistoß sollte es noch geben - und der sollte sitzen!

Zum „Regisseur der Wende“, die dem glücklichen Titelverteidiger doch noch die Meisterschale bescherte, avancierte letztlich der Schwede Patrik Andersson. Sein Treffer zum Ausgleich, die Bilder der jubelnden Bayern-Verantwortlichen Ottmar Hitzfeld, Uli Hoeneß oder auch Oliver Kahn sollten in die Geschichte eingehen. Schalke-Manager Assauer hatte währenddessen in Gelsenkirchen alle Hände voll zu tun, frustrierte, wütende und vor allem weinende Fans und Spieler zu trösten - obwohl ihm selber zum Heulen war. „Ich gestehe, ich habe selbst Rotz und Wasser geheult. Ich habe geheult ohne Ende, weil ich die Grausamkeit des Fußballs manchmal nicht nachvollziehen kann. Es tut mir unendlich leid für die Mannschaft.“ Und Regisseur Möller ergänzte: „Das war einer der bittersten Momente meiner Karriere. So etwas Brutales habe ich noch nie erlebt. Wir hatten die Schale doch schon in Händen und dann hat man sie uns wieder weggerissen“, meinte er mit Tränen in den Augen.

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