05.04.2020 06:00 |

Mehr Daten notwendig

Filzmaier analysiert: Zahlen, Zahlen und Zahlen

Die Maßnahmen gegen das Coronavirus sind gesundheitspolitisch gut begründet. Der Haken dabei: Für die Entscheidung, wie lange Wirtschaftsbetriebe und Schulen zu sind oder die beschlossenen Ausgangsbeschränkungen noch andauern, wären viel mehr und besser kommunizierte Zahlen und Daten notwendig.

1) Wie viele mit dem Coronavirus infizierte Personen gibt es? Das wissen wir nicht. Kein Land der Welt - nicht einmal Island, wo das versucht wird - kann derzeit jeden Bürger testen. Alle offiziellen Zahlen sind nur die gemeldeten Infizierten, es gibt eine hohe Dunkelziffer. Wer keine Symptome hat, ruft keinen Arzt und wird weder getestet noch als Corona-Fall gezählt.

2) Selbst die Zahl der Meldungen stiftet Verwirrung. Eine Schlagzeile „500 Infizierte mehr als gestern!“ bringt wenig. Denn es gibt Tag für Tag einen größeren Anteil genesener und nicht ansteckender Ex-Infizierter. Sind das mehr als die Neuansteckungen, würde sich das Problem lösen.

3) Auch die Prozentzahl des Anstiegs der Infizierten im Vergleich zum Vortag ist mit Vorsicht zu genießen. Das renommierte Institut SORA berechnete einen Mittelwert der letzten vier Tage, hat das jedoch eingestellt. Aus mathematischen Gründen. 500 neue Fälle sind bei 1000 Infizierten 50 Prozent und bei 10.000 Infizierten ohne Gesundete nur fünf Prozent. Wenn die Gesamtzahl aller Fälle steigt, sinken die Prozentzahlen. Was allzu positiv überinterpretiert werden kann.

4) Unscharf sind Prozentangaben der Schwerkranken und Toten, wenn eine exakte Berechnungsbasis fehlt. Die Wissenschaft in China und Südkorea spricht von einer Sterblichkeit von einem bis zwei Prozent. In Italien sind es mehr als acht Prozent. Was für Österreich theoretisch Hunderttausende Tote bedeuten könnte. Zum Glück stimmt der Vergleich aufgrund der italienischen Dunkelziffer so nicht. In Italien dürften deutlich mehr Menschen krank sein als in der Rechnung berücksichtigt.

5) Zudem bringt es einstweilen wenig, einfach die im Krankenhaus liegenden Intensivpatienten und Toten durchzuzählen. Das wäre die „harte“ Währung, ob und wann unser Gesundheitssystem überlastet ist. Allerdings haben wir hier bisher eine zu kleine Fallzahl, um genaue Hochrechnungen anzustellen. Wir brauchen demnach weltweit mehr Erkenntnisse über die Zahl aller Infizierten.

6) Das SORA-Institut führt mit dem Roten Kreuz im Auftrag der Regierung soeben eine „Coronastudie“ durch. 2000 Personen - nicht nur Verdachtsfälle, sondern ein Querschnitt aller bei uns lebenden Menschen - werden getestet und über ihr Verhalten befragt. Diese Stichprobe führt zu Rückschlüssen auf die Gesamtzahl aller akut Infizierten. SORA-Chef Hofinger zur international sehr beachteten Studie: „Die Teilnahmebereitschaft der Österreicher ist sehr hoch. Dadurch ermöglichen die Ergebnisse eine vorsichtige Schätzung der Zahl und des Schweregrads der Corona-Fälle. Das kann eine Hilfe für die Politik bei ihren Entscheidungen sein.“

7) Apropos Politik: Die Bundesregierung gibt viele Zahlen verzögert bekannt. Zehntausende negative Tests wurden arg verspätet von heute auf morgen publiziert, was alle Prozentzahlen über den Haufen warf. Jakob Weichenberger, Datenjournalist im ORF, dazu: „Dadurch wird die Strategie der Regierung mit Zahlen begründet, die entweder lückenhaft sind oder die wir nicht kennen, weil sie unzureichend veröffentlicht werden.“

8) Eine Herausforderung, auch für die Medien, sind Grafiken von Daten. Ein Beispiel sind farbige Landkarten mit Zahlen der Corona-Fälle pro Bundesland oder Bezirk. Je dunkler die Farbe, desto mehr Fälle. Doch es leben nicht überall gleich viele Menschen. Der Bezirk Landeck in Tirol etwa - da liegt Ischgl - hat viel weniger Einwohner als Wien. Also hat man in Landeck nichts von weniger Corona-Infizierten als in der Hauptstadt. Es geht um die Infizierten pro 100.000 Einwohner. Da gibt es unter den Landeckern eine fast 20-fach höhere Fallzahl als in Wien.

9) Ganz korrekt wäre eine verzerrte Karte, auf der jeder Bezirk nach Einwohnerzahl statt Flächengröße aufscheint. Das ist freilich ein Klecks mit Farben, der optisch wenig mit einer Österreich-Karte zu tun hat. Leider noch unverständlicher ist das Wort der Wörter in der Corona-Krise: der Replikationsfaktor! Dahinter steckt die Frage, wie viele Gesunde eine mit dem Virus infizierte Person ansteckt. Solange das mehr als ein anderer Mensch - also der Faktor größer als 1 - ist, kommt es zu einer wachsenden Ausbreitung.

10) Ach ja, man muss über Daten kritisch diskutieren. Wie soeben getan. Aber es darf nicht stattdessen jeder alles ohne Zahlenbeleg behaupten. Noch schlimmer ist der Spruch „Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast!“

Das soll vom britischen Premierminister Winston Churchill sein. Nachgewiesen ist bloß, dass Nazipropagandaminister Joseph Goebbels ständig behauptete, Winston Churchill habe es gesagt.

Peter Filzmaier, Kronen Zeitung

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