27.03.2020 06:28 |

Lost in Isolation

Wenn das alles vorbei ist, dann ...

Es hat mich relativ gut erwischt. Keine Krankheiten, keine Hochrisiko-Angehörigen, keine Betreuungspflichten, keine sturen Katzenkörper. Und ein halbwegs krisenrelevanter Job. Nein, kein Vergleich zu den Helden dieser Tage in der Medizin, in der Pflege, im Supermarkt, in der Produktion, im Transport. Aber immerhin: Man fühlt sich gefragt, man fühlt sich gehört. Und „darf“, als Teil des Rumpf-Teams vor Ort, noch ins Büro. Viel wert.

Dennoch: Im Moment gibt es kein „relativ gut“. Es ist, wie für alle von Ihnen, relativ ungut. Aber wenn das alles vorbei ist, dann ...

Krisen-Playlist: The Knack - My Sharona

Tag 0: Hola, Machu Picchu
Ende Februar, ein langes Wochenende in einer nahen Großstadt. Der erste kurze Urlaub seit August, Kraft tanken fürs Winter-Finale, bevor mit den steigenden Temperaturen die Energie von selbst kommen sollte. Beim Hinflug stehen wir bei fünf Corona-Fällen in Österreich. Alles noch im Rahmen, aber Auslandsreisen dürften in nächster Zeit schwierig werden. Beim Rückflug ungewohnt froh, wieder im Land zu sein.

Wenn das alles vorbei ist, wird die auf die lange Bank geschobene Südamerika-Tour angegangen. Hallo, Buenos Aires, hallo, Machu Picchu, und bis dahin jeden Tag Spanisch büffeln. Man hat ja Zeit.

Krisen-Playlist: Gran Bankrott - Im Ohr

Tag 1: Keine halben Sachen
11. März, zurück in der Arbeit. Plötzlich sind da überall Desinfektionsmittel-Spender. Am Abend wird die Schließung der Schulen angeordnet. Vor zwei Wochen waren wir noch bass erstaunt, als Japan das gemacht hat. Die ersten Kollegen verabschieden sich ins Home-Office, und der Wien-Marathon, bei dem ich meine Halbmarathon-Premiere gewagt hätte, wird abgesagt.

Wenn das alles vorbei ist, wird das nachgeholt. Am besten gleich der ganze. Sind ja nur zwei halbe hintereinander. Es gibt genug Zeit zum Trainieren.

Krisen-Playlist: Joy Division - Isolation

Tag 5: Der höchste Berg der Monarchie
Ein denkwürdiger Sonntag. Ausgangsbeschränkungen in Österreich, eine Meldung wie aus der Zeit gefallen. „Je mehr Menschen mittun, umso mehr Leben retten wir”, sagt der Kanzler. Ein paar Tage zuvor hatte der Bundesrettungskommandant - noch als „Extrembeispiel” - gemeint: „Sie können sich nicht infizieren, wenn Sie sich auf einen Berg setzen und keinen persönlichen Kontakt haben. Dann werden Sie sicher nicht krank.”

Wenn das alles vorbei ist, wird König Ortler, der k.u.k.-Gipfel, bezwungen. Und auf dem Weg dorthin irgendwas Schönes in den Dolomiten. Italien wird für jeden Touristen-Euro dankbar sein, und Zeit zum Auffrischen der Knotenkunde aus dem Hochtourenkurs vom letzten Sommer ist auch da.

Krisen-Playlist: Soap&Skin - Italy

Tag 11: Blutbuchenwiese
100.000 neue Arbeitslose in Österreich in einer knappen Woche. 800 Tote in Italien an einem einzigen Tag. Es ist schwer zu ertragen. „Es sind nicht nur Tage, es werden Wochen sein, und viele Nachwirkungen werden Monate dauern“, sagt der Vizekanzler. Die Bürgermeisterin von Rom bittet ihre Bürger in einer Videobotschaft, zu Hause zu bleiben - und steht dabei im Grünen.

Wenn das alles vorbei ist, knall ich mich in der alten Grazer Heimat, dort, wo‘s an guten Tagen keine halbe Stunde dauert, bis dir ein erfreuliches bekanntes Gesicht über den Weg läuft (unerfreuliche auch), in den Stadtpark. Auf die Blutbuchenwiese oder zum Ententeich. Ohne Mindestabstand. Schau, was passiert, und lass die Zeit vergehen.

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Tag X: First things first
Zwischenstand nach zwei Wochen Krise: kein Wort Spanisch gelernt, keinen Kilometer gelaufen, keinen einzigen Seilknoten aufgefrischt, kaum im Grünen gewesen. Keine Zeit, vor lauter Kampf-Staubsaugen und -Telefonieren.

Wenn das alles vorbei ist, wird’s vermutlich einfach einmal ein Bier werden. Und Fliegende Nudeln beim Asiaten des Vertrauens. Wie immer. Und dann fällt man sich wochenlang um den Hals und pfeift fürs Erste auf Peru, Ortler und Marathon. Aus heutiger Sicht klingt das dann doch wieder: relativ gut.

Krisen-Playlist: Tocotronic - Drüben auf dem Hügel

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Andreas Barth
Andreas Barth
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