03.03.2020 06:00 |

Archive zur Pius-Ära

Vatikan: Wie viel Zündstoff steckt in den Akten?

Der Vatikan öffnet seine Archive zur heiklen Ära des umstrittenen Papstes Pius XII. Zentrale Frage: Was wusste er von NS-Verbrechen? Es ist eines der heikelsten Kapitel der Kirchengeschichte: das Verhältnis zum Nationalsozialismus. Im Zentrum steht Papst Pius XII., im Amt von März 1939 bis Oktober 1958. Der Vatikan hat nun die Archive zu seiner Ära geöffnet. Das heißt: Zugang zu einstigen Geheimakten - Millionen an der Zahl. Und eine ohnehin nie wirklich vernarbte Wunde wird wieder geöffnet.

Pius XII. ist unbestritten umstritten. Zentrale Frage: Was wusste er von den Nazi-Verbrechen? Was von Fluchten hochrangiger Nazis nach Südamerika? Und war er energisch genug gegen Hitler aufgetreten? Der deutsche Kirchenhistoriker Rupert Wolf will schon erstes belastendes Material entdeckt haben. Fotos von ermordeten Juden im Osten.

„Man muss Pius aus dem historischen Kontext betrachten“
Rupert Klieber, Experte für Kirchengeschichte an der Uni Wien, sagt indes: „Wir sind erst am Anfang. Man muss Pius aus dem historischen Kontext betrachten. Er war in einer sehr schwierigen Situation.“ Man dürfe auch nicht vergessen, dass es den Kirchenstaat, wie wir ihn heute kennen, erst seit 1929 gebe, seit den Lateranverträgen. „Inkludiert waren Passagen, wonach der Vatikan nicht aktiv Politik betreiben darf.“ Pius, der generell nicht der Couragierteste gewesen sei, habe sich daran gebunden gefühlt.

Klieber: „Angesichts der Verbrechen, die geschehen sind, ist die Neutralität heute freilich ein fragwürdiger Standpunkt.“ Österreichs Botschafterin beim Heiligen Stuhl ist Franziska Honsowitz. Sie verweist auf Papst Benedikt, der begonnen hat, Archive vorzeitig öffnen zu lassen. „Es wird drei bis fünf Jahre dauern, bis man erste Erkenntnisse erhalten wird. Und das, obwohl es in den Archiven 60 Arbeitsplätze gibt und 200 Historiker akkreditiert sind“, sagt sie.

Eduard Habsburg ist auch Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom. Allerdings für Ungarn. „Ich habe mit Historikern geredet. Das Bild von Pius XII. wird demnach durch Untersuchungen noch positiver werden.“ Er habe offen Kritik an den Nazis geübt, und es gebe auch Aussagen, wonach er eine Million Juden gerettet habe. „Diese absurden Vorwürfe gegen ihn werden entkräftet.“

Von „Heil Hitler“ bis zu „Jesus ist unser Führer“
Es gibt auch österreichische Problemzonen in diesem Kontext. Kardinal Innitzer begrüßte Hitler zum „Anschluss“ am 15. März 1938 voll Begeisterung. Ein entsprechendes Schreiben an die Katholiken versah er mit „Heil Hitler“. Monate später hatte er offenbar die Erleuchtung und sprach in einer Rede vor 10.000 katholischen Jugendlichen: „Unser Führer ist Jesus, Jesus ist unser Führer.“

Erich Vogl, Kronen Zeitung

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