11.09.2019 20:00 |

Zum Aufsteirern:

„Die Volksmusik darf kein Museum sein!“

Seit den 1980ern bringt die Neue Volksmusik frischen Wind in das volksmusikalische Geschehen. Musiker wie Lucia Froihofer oder Christian Bakanic vermischen die musikalischen Traditionen der Alpenländer mit Jazz, Klassik, Pop oder Weltmusik. Eine Begegnung mit zwei steirischen Grenzgängern, die auch bei „Volxmusik on air“ beim Aufsteirern kene Fremden sind.

Angefangen habe ich ganz traditionell„, erinnert sich Lucia Froihofer an die Anfänge ihrer Karriere. Als Teil der Familienmusik Froihofer aus Fischbach hat die Geigerin die Sprache der Volksmusik gelernt: “Diese Tradition ist mir bis heute wichtig", sagt sie. Aber sie denkt auch zurück, wie begeistert sie war, als sie mit 14 Jahren etwas ganz Neues hörte.

“Ich war immer auf Musikanten-Treffen, und da wurde spät abends ,gejazzelt‘. Als ich dort zum ersten Mal die Musik von Landstreich, Aniada a Noar oder Hubert von Goisern gehört habe, habe ich gewusst: Das will ich machen." Behutsam führte sie die Familienmusik, die nun unter dem Namen Spafudla zu den Erneuerern der steirischen Volksmusik zählt, in eine neue Ära.

Traditionelle Anfänge und erste Experimente
Ähnlich klingt das auch, wenn Harmonika-Virtuose Christian Bakanic zurückblickt: „Ich habe mit sieben Jahren mit der Steirischen Harmonika begonnen und wenige Jahre später den Wettbewerb vom Steiner Franz gewonnen.“ Schnell war klar: Die Musik ist seine Berufung. „Am Musikgymnasium habe ich Akkordeon zu spielen begonnen und den Tango Nuevo von Astor Piazzola kennengelernt, der die Traditionen seiner südamerikanischen Volksmusik aufgegriffen und in die Gegenwart geführt hat.“ Mit dieser Entdeckung reifte die Erkenntnis, dass diese Erneuerung auch mit der heimischen Volksmusik erlaubt sein muss. Mit Grazer Studienkollegen gründete er die Gruppe Folksmilch.

Froihofer und Bakanic zählen zu den Vertretern der Neuen Volksmusik, die seit den späten 1970er-Jahren das traditionelle Liedgut des Alpenraums mit anderen Stilrichtungen mixt.

Die Modernisierung kam in Österreich sehr spät
„In anderen europäischen Ländern wie Irland, Schweden oder Dänemark hat dieser Prozess der Erneuerung schon viel früher begonnen“, weiß Bakanic. „Weil bei uns die Volksmusik aber vom Nationalsozialismus eingenommen wurde, blieb sie nach 1945 lange unberührt von modernen Einflüssen.“

Vor allem die 1960er- und 1970er-Jahre waren eine sehr restriktive Zeit in der Volkskultur: „Es wurde genau vorgeschrieben, wie man ein traditionelles Lied spielen muss oder wie ein Dirndl auszusehen hat“, erklärt Froihofer. „Es war klar, dass irgendwann der Dammbruch kommen musste.“

Eine Erneuerung muss keinen Verlust bedeuten
Erste Versuche von Pionieren wie Werner Pirchner wurden von den Radiosendern noch boykottiert. Der Erfolg des Alpenmusicals „Der Watzmann“ zeigte erstmals, was möglich war, wenn man die Volksmusik mit gegenwärtigen Strömungen mischte.

„Es besteht auch heute noch häufig die Angst, dass die traditionelle Volksmusik etwas verliert, wenn man sie modernisiert. Aber in Wahrheit ist das nur der Versuch, die musikalischen Traditionen für neue Generationen verständlich zu machen“, sagt Bakanic und unterstreicht, dass die Erneuerung schon immer ein Teil der Volksmusik war: „Was wir heute als traditionelle Volksmusikinstrumente ansehen - Steirische Harmonika, Zither - sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts.“

Musik ohne Scheuklappen
Jede Tradition hat also irgendwo ihren Anfang - und auch ein mögliches Ende: „Aber genau da kann die Neue Volksmusik auch positiv wirken“, sagt Lucia Froihofer. Mit Spafudla hat sie auch schon die Volksmusik vergangener Jahrhunderte aufgegriffen - und in ihrem Hauptberuf als Mitbegründerin der Neuen Hofkapelle Graz taucht Froihofer ohnehin tief in Alte Musik ein. „Dass ich sowohl Klassik als auch Volksmusik spiele, hatte nur Vorteile für mich.“

„Ich finde diese Abgrenzungen zwischen den Genres ziemlich künstlich“, sagt Bakanic. „Am ertragreichsten ist es sowieso, wenn man sich der Musik ohne Scheuklappen nähert.“ So würde in skandinavischen Ländern etwa die Volksmusik an sogenannten „World Music“ Schulen unterrichtet, an denen nicht nur die eigenen Traditionen, sondern auch die anderer Länder auf dem Lehrplan stehen. „Natürlich kann man sagen, dass dadurch die regionalen Eigenheiten Gefahr laufen, zu verschwinden. Aber warum sollte nicht auch der Volksmusik die Welt offenstehen?“, fragt er.

„Die Volksmusik ist kein Museum“, sind sich die beiden einig. „Wenn man diese Lieder in einen Glaskasten steckt, dann ersticken sie. Diese Musik muss atmen.“

„Volxmusic on air“ beim Aufsteirern
Der komplette Samstag steht beim Aufsteirern im Zeichen der Musik. Alle Infos zum Programm finden Sie hier

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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